Karthago – Live At Rockpalast 2004

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Karthago - Live At Rockpalast 2004 (MiGMusic, 25.06.21)(74:42, CD/DVD, MiG Music, 2021)
Das Thema Krautrock ist ja allzu oft ein Leidiges. Werden hier doch Bands durcheinandergeworfen, die stilistisch oft meilenweit auseinanderliegen. Die Noise-Experimente von Faust haben mit dem Symphonic Prog von Grobschnitt nämlich in etwa so viel zu tun wie die Minimalismus-Improvs der frühen Kraftwerk mit dem Bluesrock von Randy Pie – oder eben Karthago. Dank der – leider kurzlebigen – Reihe an „Kraut-Rockpalast“-Festivals im WDR fanden sich auch die Karthago-Köpfe Joey Albrecht (voc/gtr), Tommy Goldschmidt (perc) und Ingo Bischof (keys) 2004 mit einer neuen Rhythmusgruppe vor Fernsehkameras ein, um ihre Reunion zu feiern. In Gesellschaft von Kunst-Werklern wie Guru Guru und Amon Düül II oder auf der anderen Seite den hart rockenden, jahrelang eingespielten Birth Control, Jane und Epitaph dürften sich die frisch wiedervereinigten Berliner wohl erneut ein wenig fehl am Platz gefühlt haben.

Dass die „Live At Rockpalast 2004“-DVD/CD-Combo aber nicht so recht zündet, hat weniger mit dem Rest des Festivals zu tun. Karthago galten irgendwie schon immer als eine Band, die zu gerne „schön“ spielte und der spätestens nach dem zweiten Album der Dreck und der Rock’n’Roll ein wenig abhanden kamen. Dass der Fünfer sich – technisch wie immer einwandfrei! – aber derart keimfrei durch ihr Set arbeitet, enttäuscht dann doch. Die Setlist orientiert sich an der eher am Blue-Eyed-Soul und funkigen Yacht-Rock ausgerichteten Spätphase der Band, vom zweiten Album „Second Step“ ist gar überhaupt nichts vertreten. Auch die beiden ursprünglich mit massiven Hendrix- und Santana-Einflüssen versehenen Songs des Debütalbums werden derart glattgebügelt und aufgeweicht dargeboten, dass man sich gar nicht mehr darüber freuen mag. Und auch wenn die Band sich einmal eine ausgiebigere Instrumentalpassage gönnt (‚We’re Gonna Keep It Together‘), bleibt das alles brav und nett, wie eine ordentliche Profi-Coverband. Für diejenigen, denen Eric Clapton und Joe Cocker in den Achtzigern und Neunzigern den Blues und Soul definierten, kann man dieses Album durchaus empfehlen, ansonsten wirkt selbst ein Joe Bonamassa im Vergleich hierzu wie eine hochauthentische Adrenalinspritze.

Sehr, sehr schade, denn Joey Albrecht singt hier immer noch exzellent und ist fraglos technisch ein exzellenter Gitarrist. Aber der Funke will trotz höchster Professionalität nicht überspringen – und da lobe ich mir im Zweifelsfall das Unperfekte, aber Lebendige. Beispielsweise den vor ein paar Wochen veröffentlichten „Krautrockpalast“ von Hoelderlin, der zwar mit fraglosen musikalischen Schwächen, aber viel Flair, frisch und hochmotiviert daher kam. Jetzt faselt bestimmt wieder irgendwer was von „Musik handgemacht“ – es reicht aber für den Rockhimmel nicht, seine Instrumente zu beherrschen, es muss auch einfach ein wenig Magie im Spiel sein.

Wie bei der kompletten Rockpalast-DVD-Serie von MiG kann man sich auch hier über die Bild- und Soundqualität nicht beschweren, dazu gibt’s den Musikanteil noch auf einer CD im Jewelcase mit ausführlichen Linernotes.
Bewertung: 7/15 Punkte

PS: Ausschnitte der Show in der ARD-Mediathek findet Ihr hier!

Surftipps zu Karthago:
Wikipedia
Spotify
Discogs

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Karthago – Live At Rockpalast 2004

von SaschaG Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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