Sleep Token – Sundowning

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(54:37, LP, CD, Digital, Spinefarm Records, 2019)
Sleep Token sind ein britisches Kollektiv aus Musikern, welche, genau wie Slipknot und Ghost, ihre Identitäten hinter Masken verstecken. Die Runen auf den Masken der Bandmitglieder stellen dabei das Akronym der Band da. Um dieses Verkleidung herum, hat die Gruppe um Mastermind Vessel einen religionsgleichen Mythos erschaffen: Sleep Token haben sich dabei einer altehrwürdigen Gottheit namens Sleep verschrieben, welcher sie huldigen und die sie verehren.

Auch in Sachen Veröffentlichungspolitik gingen Sleep Token eher ungewöhnliche Wege. Als im November 2019 ihr Debütalbum “Sundowning” erschien, waren bereits alle zwölf darauf vorhandenen Lieder bekannt. Sie waren jeweils im Abstand von zwei Wochen kurz nach Sonnenuntergang auf der Homepage der Band veröffentlicht worden. Hiermit nahm die Band Bezug auf den Titel des Albums, denn das Sundowning-Syndrom beschreibt eine Störung des Schlaf/Wach-Rhythmus bei Demenzkranken. Wenn die Sonne langsam untergeht und der Abend anbricht, werden einige Demenzkranke besonders unruhig oder sogar aggressiv.

All dies war mir nicht bewusst, bis ich die Band im September 2019 zum ersten Mal live erleben durfte. Den Auftritt der mir bis dato praktisch unbekannten Sleep Token beim Euroblast Festival, empfand ich dann allerdings als so ergreifend, dass ich mir das noch unveröffentlichte Debütalbum noch während des Auftrittes per Handy vorbestellte.

Knapp zwei Monate später traf das von mir sehnsüchtig erwartete “Sundowning” endlich per Paketpost bei mir ein. Schon beim ersten Hören der Platte war ich von der Musik so tief berührt, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Seitdem komme ich immer wieder zu dieser Scheibe zurück. Und jedes Mal, wenn ich dieses Album auflege, zieht es mich so sehr in seinen Bann, dass ich es von Anfang bis Ende hören muss.

“Sundowning” ist ein Album geworden, dass Tief in die Seele vordringt. Hauptgrund hierfür ist die Stimme von Sänger Vessel, die in ihrer Wirkung vielleicht am ehesten mit jenen von Tom Yorke (Radiohead) und Jón Þór Birgisson (Sigur Rós) verglichen werden kann.

Vessels emotionale und ausdrucksstarke Stimme steht fast jederzeit im Mittelpunkt der Musik Sleep Tokens. Musikalisch wird diese dabei auf unterschiedlichste Art und Weise in Szene gesetzt, so dass “Sundowning” ein Sammelsurium von Elementen so verschiedener Stile wie Elektro, EDM, Avantgarde, Pop, R&B, Alternative, Rock, Djent und Metalcore ist.

Das Ergebnis ist eine musikalische Melange, die sich in ihrer Vielfalt perfekt ergänzt und immer wieder positiv überrascht. Hierbei stehen engelsgleiche Pianoballaden wie das einleitende ‘The Night Does Not Belong to God’ auf der einen und knochentrockener Metalcore wie in ‘Higher’ auf der anderen Seite des Spektrums. Die meisten der Songs sind allerdings nicht eindeutig einem einzigen Genre zuzuordnen, sondern bewegen sich immer wieder über jegliche Genregrenzen hinweg. Dabei werden immer wieder Erinnerungen an andere Bands wach, darunter unter anderem die Deftones (‘The Offering’), Bring Me The Horizon (‘Sugar’) und Sigur Rós (‘Drag Me Under’).
Am nächsten steht “Sundowning” allerdings “Pitfalls”, dem letztjährigen Output der norwegischen Band Leprous. Atmosphärisch sind die beiden Alben so etwas wie Brüder im Geiste.

Trotz aller Reminiszenzen und Gemeinsamkeiten ist “Sundowning” ein sehr eigenständiges Album geworden. Das Kollektiv hat einen Sound erschaffen, welcher es unverwechselbar macht. Sleep Token verstehen es Ohrwürmer zu produzieren, die in ihrer klanglichen Einzigartigkeit ihres gleichen suchen. Dabei balancieren sie brandgefährlich über einen schmalen Grad aus tiefgreifenden Gefühlen, neben dem sich Abgründe pathetischen Kitsches auftun.

Es ist ein Hochseilakt, welcher den Engländern in meinen Augen bravourös gelingt. So gut, dass “Sundowning” mein persönliches Album des Jahres 2019 ist.
Bewertung: 14/15 Punkten

Tracklist:
1. The Night Does Not Belong to God

2. The Offering

3. Levitate

4. Dark Signs

5. Higher

6. Take Aim

7. Give

8. Gods

9. Sugar

10. Say That You Will

11. Drag Me Under

12. Blood Sport

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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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