Koenjihyakkei – Dhorimviskha

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(61:09, CD, Skin Graft Records, 2018)
Nach einer geradezu lächerlichen Albumspause von knapp 13 Jahren (der Vorgänger “Angherr Shisspa” erschien bereits 2005) kehren Koenjihyakkei mit einem weiteren Album der avantgardistischen Zeuhl-Absurditäten auf die Bühne der schrägen Töne zurück.

Bereits die Vorgängeralben waren definitiv kein einfacher Stoff. So ernteten diese zugebenermaßen recht selbstzerstörerischen Selbstversuche bei einigen Arbeitskollegen geradezu nette Kommentare wie “das klingt ja wie der Angriff der Klingonen” oder “das muss ich unbedingt haben, denn das glaubt mir wirklich keiner, dass so etwas noch als Musik bezeichnet wird”. Selbst im Internet findet man recht lustige Artikel über “The Weirdest Band In The World“.

Okay, für den “Normalsterblichen” sind die Japaner verständlicherweise komplett außerhalb des eigenen Horizonts, doch selbst für den musikalisch offenen und experimentfreudigen Hörer gehört solch ein japanisch verschärfter Zeuhl-Mikrokosmos der durchgeknallten Art zu den echten Herausforderungen der musikalischen Wahrnehmung.

Das hat sich auf “Dhorimviskha” keineswegs geändert: Bei dieser eigenwilligen Magma-Reinkarnation aus dem fernen Osten gehören ein gehöriges Maß an Überdrehtheit und künstlerischem Anspruch mit eigener Sprache zu den deutlichen Merkmalen, des um den umtriebigen Schlagzeuger Tatsuya Yoshida (u.a. Acid Mother Temple, Ruins) angesiedelten Sextetts aus Tokio.

Zwischendurch erkennt man aber ebenso teutonischen Kraut Rock & Soul(!) (‘Levhorrm’), zigeunerhafte Umtriebigkeit (‘Djebelaki Zomn’), zappaeske Momente (‘Phlessttighas’) oder lässigen Jazz Rock, bis hin zu hyperaktiven Prog Metal (‘Palbeth Tissilaq’). Sieben, monumentale Titel – im Bereich von sechs bis knapp zwölf Minuten – werden auf den erwartungsfrohen Hörer losgelassen und erfordern vollste Konzentration.

Was man der Band trotzdem zu Gute halten darf: Bisweilen erkennt man in der comic-haften Übertreibung ebenso eine gewisse Selbstironie – den nötigen Humor sich nicht immer all zu ernst zu nehmen. Andererseits verfügt gerade Sänger Ah über eine sehr breites vokales Spektrum, welches mitunter ins Opernhafte abgleitet. Zudem sorgen die versierten Instrumentalisten Kengo Sakamoto (Bass), Kei Koganemaru (Gitarre), Taku Yabuki (Keyboards), sowie Keiko Komori (Saxophon) für ein farbiges, abwechslungsreiches, gleichfalls nervöses Spiel.

Vielschichtiger Gesang, überdrehtes Saxophonspiel und instrumentale Diffizilität trifft auf exzessive, aber auch irgendwie kontrollierte Improvisationen. Aggressive Tempiwechsel und -steigerungen, dynamische Kontraste, jede Menge ungezügelte Energie, Komplexität und Brüche, aber dennoch erstaunlich strukturierte Arrangements – Koenjihyakkei sind kontrolliertes Chaos von der allerfeinsten Art. Absolut nichts für Jeden – aber für den Kenner eine Offenbarung.
Bewertung: 12/15 Punkten

Koenjihyakkei (Bild: Künstler)

Surftipps zu Koenjihyakkei:
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Skin Graft Records
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Über den Autor

Kristian Selm

Höre eigentlich alles quer durch den bunten Gemüsegarten des Progressive Rocks, vergesse dabei aber auch nicht den Blick über den Tellerrand hin zu "normaler" Rock- und Popmusik, auch wenn mir vom aktuellen Mainstream leider immer weniger gefällt.

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Koenjihyakkei – Dhorimviskha

von Kristian Selm Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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