Twelfth Night – Fact And Fiction – The Definitive Edition

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Twelth Night - Fact And Fiction - The Definitive Edition (3CD Reissue, F2Music, 2018)(60:19, 75:06,73:22, 3CD, Festival Music/Just For Kicks, 2018)
Fakt ist zum einen: Die nach Shakespeares wohl schönster Komödie benannte NeoProg-Truppe aus Reading gehört zum Besten, was die zweite Welle des britischen ProgRock überhaupt hervorgebracht hat. Zum anderen: Die Truppe um den 1983 ausgeschiedenen und 1993 verstorbenen Ausnahmesänger Geoff Mann hat es nie wirklich geschafft. Unser Kristian vermutete weiland als Ursache, dass ihr melodischer NeoProg “eine Spur düsterer, manchmal leicht poppig, mehr im aufkeimenden New Wave verwurzelt war”, als jener ihrer NeoProg-Kollegen Marillion, IQ, Pendragon und Pallas.

Pure Fiktion hingegen ist es, dass es von ihrem wunderbaren Werk und Studio-Langspiel-Debüt “Fact and Fiction” schon eine rundum gerecht werdende Version geben würde. Das hat sich soeben geändert. Bei Festival Music erschien in limitierter Auflage (es soll keine Nachpressung geben) eine Würdigung von “F&F” als Dreidecker.

Der Rezensent hat als großer Fan der Band das Meiste von TN (und von Geoff Mann, da gibt es wirklich sehr gute Solo-Sachen) im Schrein stehen und konnte daher auch CD1 eins zu eins mit der Original-LP vergleichen: deren Sound wurde wirklich ganz erheblich verbessert. Schon beim großartigen Aufmacher ‘We Are Sane’ kommen auch ohne Kopfhörer bislang nie zu vernehmende Details und Produktionsgimmicks zum Vorschein – herrlich! Über die zeitlose Schönheit von Prog-Perlen wie dem liebevollen ‘Human Being’, den zarten Instrumentals ‘World Without End’ und ‘The Poet Sniffs A Flower’, dem mit galliger politischer Satire auftrumpfenden Titelstück, der so passend benannten ‘Creepshow’ oder dem schlicht ergreifenden ‘Love Song’ wird man hier ja wohl niemand mehr aufklären müssen.

CD1 kommt durch drei Bonus-Tracks auf die volle Stunde Laufzeit: ‘Being Human’ ist eine rohere Fassung von youknowschon, ‘East Of Eden’ eine relativ krude Skizze (mit Gleichlaufschwankungen?) und ‘Eleanor Rigby’, nun ja, ein so noch nicht gehörtes Beatles-Cover.

Richtig Butter bei die Fische gibt es für Besitzer des Originals auf CD2, “Live 1983-2012 and Demos 1982”. Jedem Album Track wird eine Live-Version gegenübergestellt. Mehrere davon sind unveröffentlicht und unbearbeitet, andere entstammen dem Abschiedskonzert von Geoff von 1983, also dem “Live and Let Live”-Überalbum, wurden allerdings für diesen Anlass remixed. Die ‘Creepshow”-Fassung stammt vom Summer’s End-Festival 2012 und erinnert so dezent daran, dass es seit 2007 Wiederbelebungsversuche bei TN gibt, zuletzt mit den Original-Mitgliedern Brian Devoil (Schlagzeug), Clive Mitten (Bass) und Andy Sears (Gesang) sowie den Galahad-Muckern Roy Keyworth (Gitarre) und Dean Baker (Keyboards). Dementsprechend begegnet man hier also auch der Stimme von Geoffs Nachfolger Andy Sears, der die gute, wenn auch poppigere EP “Art And Illusion” geprägt hat und dabei TNs Anmutung ähnlich verändert hat, wie der Wechsel von Peter zu Phil dies bei jener anderen bedeutenden britischen Formation tat… Seine Live-Interpretationen von Geoffs ureigensten Songs sind teils spannend (‘Human Being’), teils sind sie unbarmherzig gescheitert (‘Creepshow’).

Die Demo-Sektion von CD2 zeigt wie der Name schon sagt Work in PROGress, also frühe Stadien der Entstehung, inklusive Versionen mit Drum Machine und lustig improvisierten “Unsinns-Texten” – simpel weil Geoff zum Zeitpunkt der Aufnahme noch keine Lyrics geschrieben hatte. Das liefert also keine Jahrhundertkunst, aber faszinierende Einblicke in die Arbeitsweise einer Band in ihrer wohl kreativsten Phase.

CD3 – “Covers & Interpretations 1983-2018” – bringt genau das ins Haus des TN-Fans: Tribut zollen hier Dean Baker (‘Electro Sane’, sic) und der aktuelle TN-Keyboarder Mark Spencer, auf einem Track gemeinsam mit Lee Abraham, Galahad natürlich (‘Fact And Fiction’), dann Pendragon (sehr schluchzige Fassung von ‘Human Being’), Tim Bowness (sagenhaft: ‘This City’ wird beinahe zu No-Man!), Clive Nolan (abermals ein monumentaler Kitschbatzen), Alan Reed und Kim Seviour (‘Love Song’ als inniges Duett) u.v.a.

Weitere Argumente für diese Edition liefert das 26-seitige Booklet, das mit bislang unveröffentlichten Fotos, Scans von Geoffs handgeschriebenen Texten (die in ihrer sprachlichen Schönheit und Klarheit sowie dem Mix aus scharfer Satire und christlich gefärbtem Altruismus ohne jede Prediger-Attitüde m.E. zu den besseren Beispielen im Prog-Bereich zählen) und Zeichnungen sowie kenntnisreichen Sleevenotes von Schlagzeuger Brian Devoil und einem Auszug aus Michael Anthonys Buch “Words & Music” punktet. Besser geht das kaum. Fakt ist also wohl auch: Diese Ausgabe müssen 12N-Fans haben.
Bewertung: 12/15 Punkten (JM 12,KR 12)

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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