JCM, 22.04.18, Bonn, Harmonie

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150 Jahre Concert Mastery

15 Dekaden Bühnenerfahrung in größtenteils legendären Formationen bringen diese drei deutlich angegrauten britischen Gentlemen mindestens auf die Bühne. Dazu noch der Umstand, dass man sie nach der Colosseum-Abschiedstour nicht hoffen konnte, noch einmal wiederzusehen – zumindest in dieser Kombination nicht. Und schließlich hatten die Drei von der Legendentankstelle mit „Heroes“ ja sogar noch seit wenigen Tagen ein ausgezeichnetes aktuelles Album am Start. Kein Wunder also, dass die Harmonie bei ihrem Konzert aus allen Nähten zu platzen drohte.

Detoniert ist sie dann gottlob nicht, doch die Decke wurde definitiv kurz angehoben, an diesem herausragenden Abend. Bonnchen hatte sich mit den letzten Stunden der Kirschblüte für die Altmeister geschmückt. Impressario Gert Lange (u.a. Hamburg Blues Band) war mit auf Tour und sogar Jon Hisemans Gattin Barbara Thompson wurde backstage und am Mischpult gesichtet – alles Anzeichen dafür, dass diese Tour auch für Band und Veranstalter etwas ganz Besonderes darstellt.

Doch obwohl selbst sichtlich bewegt spielten die Altstars die Emotionen mit viel Selbstironie und Understatement herunter: „Es ist lustig – Ihr habt alle viel Geld bezahlt, um eine Cover-Band zu sehen,“ versetzte Bassist/Sänger/Moderator Mark Clarke (u.a. Colosseum, Uriah Heep, Tempest, Billy Squier) und wurde von Clem Clempson (u.a. Bakerloo, Colosseum, Humble Pie, Jack Bruce Band) nur sanft korrigiert: „für eine Tribute-Band“.

Und das stimmt ja gewissermaßen auch, sollte das „Heroes“-Album doch in erster Linie verstorbenen Giganten und Freunden und Förderern Jon Hisemans huldigen. Die grandiose Eröffnungsnummer von Album und Konzert, ‚The Kettle‘, verbeugt sich übrigens konkret vor dem Colosseum-Saxophonisten Dick Heckstall-Smith. Weiter ging es mit dem Jack Bruce-Titel ‚Weird Of Hermiston, der augenzwinkernd auf Robert Louis Stevensons (u.a. „Die Schatzinsel“) Roman „Weir Of Hermiston“ verweist. Doch nicht bevor Jon Mark gerade vor einem peinlichen Fehlstart noch dezent daran erinnern konnte, dass der für dieses Stück doch zu einem anders gestimmten Bass greifen muss. Welcher übrigens mit einem einfach majestätischen Sound gesegnet ist.

Auch ‚Grease The Wheels‘ ehrt den unvergessenen Cream-Bassisten. Das Stück wird sehr achtbar von Clem gesungen und mit einem seiner atemberaubenden, aber niemals effekthascherischen Soli gekrönt.

Während wohl jeder Musikfan Jack Bruce kennt, dürfte das auf Ollie Halsall in geringerem Umfang zutreffen. Ein Grund mehr, den britischen Gitarristen mit dem wunderbaren Sixties Vibe von ‚Yeah, Yeah, Yeah‘ und seinen Anklängen an The Beatles und The Who zu würdigen.

Die nächste Anmoderation des sympathischerweise tatsächlich ein wenig nervös wirkenden Mark dauert nicht lang genug für Clems erforderlichen Wechsel von Les Paul zu weißer Stratocaster und Bottleneck. „Du musst langsamer sprechen,“ rügt er seinen Kollegen, während King Jon dies vom Drum-Thron aus mit feinen Lächeln quittierte. Benötigt wurde die Slide-Axt für ‚Skellington‘, das Clempson-Showpiece aus Colosseum-Tagen. Danach ging es in eine wohlverdiente Pause, die aufgrund der sommerlich erhitzten Luft im vollbesetzten Saal auch den teils hechelnden Zuschauern gut zupass kam.

Runde 2 wurde von der Tempest-Nummer ‚Strangeher‘ eröffnet. Ein Fest, wie der Humble Pie-Veteran sich hier dem Vorbild eines Allan Holdsworth nähert.

‚The Real Great Escape‘ (= der Tod) schließlich hat viel damit zu tun, warum es JCM und die „Heroes“-Tour überhaupt gibt: Jon hätte 2017 Konzerte mit dem Jazz-Gitarren-As Larry Coryell spielen sollen, was durch dessen plötzliches Ableben verhindert wurde. Dann starb auch Allan Holdsworth – und das löste bei Jon folgende Erkenntnis aus: „Following the passing of two of my heroes early in 2017, I suddenly realised that I had lost most of the people who had believed in me and encouraged me to make my own music… it occurred to me that I should try to make an album featuring the songs and instrumentals that I associate with them all, the music that stayed with me through all the years.“

‚Watching Your Every Move‘ ist (wie ‚Skellington‘ auch) nicht auf „Heroes“ vertreten. Das feurige Gitarren-Riff dieses Colosseum-Stücks wurde vom Saxophonisten Dick Heckstall-Smith geschrieben.

Das recht traditionell bluesrockende ‚Only Sixteen‘ von 1966 verweist zurück auf Graham Bond – „a man not easy to be with,“ wie Mark anmerkt.

Jack Bruces ‚Morning Story‘, von Clem erzählt, explodiert zum Ende hin schier in einem furiosen Flamenco-Part. Fulminant auch der Humble Pie-Rocker ‚Four Day Creep‘, der Creams ‚Spoonful‘ in nichts nachsteht – und Clems Wah-wahnsinniges Solo schon gar nicht!

Zeit für das obligatorische Drum-Solo. Jon spielt heute – hierin Ginger Baker vergleichbar – dezidiert weniger und auch etwas langsamer als in wildesten Fusion-Tagen. Doch verringert den Genuss keinesfalls. Umso weniger, als sich das Solo im Folgenden zum ebenfalls mit Flamenco-Elementen spielenden rasanten Colosseum II-Klopfer ‚The Inquisition‘ weiterentwickelt.

Der letzte Song, Jack Bruces ‚Theme From An Imaginary Western‘ (in recht gutem Deutsch von Clem angesagt) bringt auch das wohl schönste Gitarrensolo des in der Hinsicht wahrlich nicht armen Abends. Und entlässt die Zuschauer glücklich Richtung Merch-Stand und lauen Frühlingsabend.

Live-Fotos: Tobias Berk

Surftipps zu JCM und Colosseum:
JCMband.com
Templemusic
Setlist vom 21.04.18 (Winterbach)
ClemClempson.com
YouTube (Jon)
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Facebook (Colosseum)
Spotify
Konzertbericht von der Colosseum-Abschiedstour 2014
Konzertbericht Clem Clempson Band 2013
Wikipedia (Colosseum)

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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JCM, 22.04.18, Bonn, Harmonie

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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