Jonathan Wilson – Rare Birds (Vinyl)

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(78:54, 2 LP, Bella Union, 2018)
„A powerful shockwave from the sun“ – So der Slogan, der auf einem goldenen Sticker links oben auf dem Album-Cover von „Rare Birds“ prangt. Mittendrin auf einem Korbsessel sitzt Jonathan Wilson, in Gesellschaft von zwei meditierenden Mönchen, umrahmt von Säulen und exotischen Pflanzen. Das Artwork ist keine Frage des Geschmacks – es ist ein Statement. In Jonathans Welt ist Jesus ein zauseliger Hippie, der freie Liebe propagiert, mit dem man entspannt einen Joint durchziehen kann. Vermutlich könnte man mit „Rare Birds“ so manchen Krisenherd ein für alle Mal befrieden. Zumindest wäre es einen Versuch wert.

Die kunterbunte friedliche Hippie-Doktrin durchströmt alle vier LP-Seiten. Stilistische Barrieren werden geflissentlich ignoriert. Beatleske Klänge, West-Coast- und Country-Flair zelebrieren friedliche Koexistenz. Floyd’sche Psychedelia und Pop-Appeal feiern fröhlich mit.

Auch wenn der eine oder andere Titel zunächst etwas zu lang geraten scheint, vergehen die knapp 80 Minuten auf vier LP-Seiten dann doch wie im Flug, und mit jedem erneuten Abspielen entdeckt man wieder die eine oder andere kleine Finesse in Arrangement und Produktion. Dabei sticht beispielsweise der Titelsong ‚Rare Birds‘ heraus. Elegische Fuzz-Gitarrenmelodien und folkrockige Strophen werden urplötzlich mit einem Country-Refrain im Walzertakt konterkariert. Solche und ähnliche Stilmittel zieht Wilson immer wieder aus dem Hut, um seinen Stücken den Stempel aufzudrücken. Auf ‚Living With Myself‘ klingt er abgesehen vom Gesang fast ein wenig wie Springsteen zu „Tunnel Of Love“ Zeiten. Background-Chanteuse ist keine Geringere als Lana Del Rey. Den „Parental Advisory“ Sticker verdient sich der gute Jonathan mit ’49 Hairflips‘. Der Hippie-Public-Act vs. Snapchattende Hipster Kids liest sich folgendermaßen:

„We were burning we were looting
We were learning one or two things about life
We should f*** right in front of them
Just to show them our light

We’ll be f******* we’ll be s*******
While the rest of them were posting their lives
These kids will never rock again
Sign of the times“

Sucht man ein Haar in der Suppe, dann ist es allenfalls die Tatsache, dass es Wilson meist in gemächlich entspanntem Tempo angeht. Ein Highway Rocker, wie ‚Love To Love‘ vom letzten Album, fehlt auf „Rare Birds“. Trotzdem ist die Mischung mindestens so bunt wie das Cover-Artwork.

Die inzwischen wohl schon weitestgehend vergriffene „Limited Indies Edition“ erstrahlt mit zwei goldfarbenen Scheiben, einem aufwendig gestalteten 32-seitigen Textheft und 6 Klebestickern und ist somit ein echtes Collector’s Item. Der Retailer JPC legte Vorbestellern gar noch eine „Rare Birds“ Baumwolleinkaufstasche in Vinyl-Format bei. Die darf fortan beim Plattenkauf nicht fehlen und wird auf dem kommenden Record Store Day sicher des Öfteren gesichtet werden. Da Jonathan Wilson bei seiner aktuellen Tour auch in Good Old Germany Station macht, kann man damit auch am Merchandising-Stand eine gute Figur abgeben.
Bewertung: 12/15 Punkten (WE 9, DH 12, HK 13, KR 11)

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Photo by Andrea Nakhla

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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