Kant Freud Kafka – Onirico

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Kant Freud Kafka - Onirico - 2017, FrontCover(51:25, CD, Unit/CeDe, 2017)
Diese CD weckt gelegentlich ganz dezente Erinnerungen an Depeche Mode, dann wieder an Kammermusik, an Flamenco oder an Kirmesmusik, meist aber (auch) an Progressiv Rock. War bereits das erste Album von Kant Freud Kafka namens „No Tengas Miedo“ ein Prog-Knaller mit Mike Oldfield- und Joaquín Rodrigo-Bezügen, so wird das Debüt von „Onirico“ nochmals getoppt. Der Duktus des letzteren Albums weist cineastische Züge auf und erinnert denn auch von seinem Grundcharakter immer wieder an Filmmusik; man stelle sich den Film „Das Piano“ mit Peter Greenaway als Regisseur bzw. als rein musikalisches Konzept in einer imaginativen Filmkulisse des genannten Kultregisseurs vor. (Auf das Œuvre von Michael Nyman als Komponist der Musik der meisten Greenaway-Filme sei an dieser Stelle ausdrücklich mit dringender Empfehlung verwiesen.) Den Initiator von Kant Freud Kafka, Javi Herrera (Schlagzeug, Gesang und VST Instrumente), als den Peter Greenaway der Musik zu bezeichnen ist definitiv nicht übertrieben; er versteht es ähnlich wie das Re(gen)ie mit seiner Musik (Traum-)Bilder zu malen. Stellenweise berührt die Musik so tief, dass spontane Tränenausbrüche durchaus vorkommen können. Es sei deshalb an dieser Stelle vor mitunter hohem (und völlig gefühlsduselfreiem) Taschentuchverschleiß gewarnt. Tja, when dream and disquiet unite entsteht mitunter Oneirophobie. Von der Angst den (Alb)Traum, den sie Wirklichkeit nennen, zu erkennen werden immer mehr Menschen geplagt – im Hinduismus gibt es ein Mittel, das Linderung bzw. sogar Heilung verspricht: Maya. Der taoistische Weise Chuang Tzu stellte in seiner Geschichte vom Schmetterlingstraum indirekt die Frage, ob die Menschen tagsüber oder nachts tiefer schlafen. Auch Paul Watzlawick setzte sich in seinem Buch “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ mit diesem Phänomen auseinander.

Javi Herrera fährt besetzungstechnisch großes Besteck auf: Cecilia Burguera (Violine), Mónica Cruzata (Viola), Queralt Garcia (Cello), German Fafian (Gitarren), Daniel Fernandez Campos (Bassgitarre), Alia Herrera (Gesang), Andrea Herrera (Steptanz), Mandharu (Crotales, Wind Chimes), Rafael Pacha (Hackbrett, Gitarren, Mandoline und Bouzouki), Pol Sanchez (Gitarren und Mandola), Dick Them (Kontrabass), Guillem Vilar (Oboe und Englischhorn) decken zusammen ein äußerst breites instrumentales Spektrum ab, das selbst für verwöhnteste Instrumenten-Fetischisten kaum Wünsche offen lassen dürfte. Sounds wie Mellotron, Kirchenorgel und andere tast(e)ige Wuchtbrummen gibt auf diesem Album zuhauf – eine wahre Freude für die Siebziger-Onkels-Fraktion. Die in Track 5 und 6 eingesetzten Samples und Loops erinnern manchmal an die poppigen Genesis der achtziger Jahre, werden aber hier „erwachsener“ verwendet. Die Belgier Aranis (kompositorischer Grundcharakter) oder die US-Amerikaner Advent (zwingende Melodieführung) sind Vergleiche, die zumindest nicht auf beiden Beinen hinken. Die sechs Stücke sind luftig und dennoch sehr dicht gewoben; sie wechseln auf ganz eigene und angenehme Weise die jeweils vorherrschende Stimmungslage wie eine im direkten Sonnenlicht erstrahlende Seifenblase, die wie ein Traum zerplatzt, sobald man sie fokussiert, um in noch schönerer Version gleich danach an anderer Stelle wieder ins Wachbewusstsein einzutauchen. Manche Passage wird – möglicherweise wider Erwarten – von fetten Gitarrenriffs und energischer Trommelkunst getragen; Langeweile ist vermutlich für Javi ein Fremdwort. Kammerorchestraler Prog der Spitzenklasse ist ein Prädikat, das bei diesem Album nicht übertrieben erscheint.

Javi ist ein guter Schlagzeuger, der dies aber nicht an jeder Ecke und Kante raushängen lässt: Subtilitäten waren für Musikversteher schon immer imposanter als Knüppel-aus-dem-Sack-Effekte. Darüber hinaus ist echte Gänsehautmusik zu schreiben nur wenigen vergönnt – Senior Herrera hat es im Blut, im Urin oder wer weiß wo sonst. Egal; was zählt, ist die Musik. Das Bandprojekt von Javi kommt übrigens aus… hat da jemand Spanien gedacht? Stimmt, genau genommen aus Barcelona, denn es sind entsprechende genuine Einflüsse vorhanden, was sehr gut zur Musik passt – schöngeistig-folkloristische Anklänge können sogar eine mittelmäßige Prog-CD enorm aufwerten, wenn sie passend zum kompositorischen Konzept eingesetzt werden und dem im Progressiv Rock weit verbreiteten Patchworking von Liedteilen auf diese Weise bereits im Ansatz vorgebeugt wird. Besonders beeindruckend sind neben der schlagzeugerischen und kompositorischen Leistung von Senior Herrera die glockenklaren und feengleichen Gesänge von Alia Herrera – Galadriel kann keine schönere Singstimme gehabt haben.

Daneben gibt es elfenhafte, zwergenartige, hobbitöse und ork(an)ische Instrumentalpassagen zu hören. Einfach traumhaft schön! Kannte Freud Kafka? Im Falle, dass dem so gewesen sein sollte, kann man Kafka aus verschiedenen Gründen nur bedauern. Im Falle, dass dem nicht so gewesen sein sollte, blieb Kafka manches Leid erspart. Resultierend aus dieser Feststellung und um größere literarische Zugänglichkeit bemüht empfehle ich das Bandprojekt in Kant Jung Hesse umzubenennen.
Bewertung: 14/15 Punkten (FB 14, JM 12, KR 12, PR 10)

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Kant Freud Kafka – Onirico

von Frank Bender Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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