#VinylCorner Nr. 10: Mai 2017

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Foto: Fish-Website

Also wirklich, ist es denn die Möglichkeit? Die #VinylCorner hat den RSD 2017 verschlafen. Und nicht nur das, ausgerechnet in ihrer zehnten Ausgabe plagen sie Selbstzweifel. Ist sie überhaupt noch eine Ecke, etwas Besonderes, ein Kult? Oder gehört sie quasi über Nacht zum oh so verhassten Mainstream.

In Zeiten, in denen Schmerz verursachende Namen wie Thomas Anders in den Vorschaulisten diverser Onlinehändler auftauchen, trauert man nicht nur um den schönen Rohstoff, die Presswerk-Kapazitäten und die Luft, die einem Leute, die solche Platten kaufen, wegatmen. Man betrauert sich selbst. Man ist nicht mehr der oder die Verrückte mit dem Vinyl-Spleen. Nein, man ist so langweilig normal wie Sado-Maso seit „50 Shades of Grey“.

Da gibt es auf Discogs doch tatsächlich inzwischen ein paar Verrückte, die seltenen CD-Erstpressungen aus den frühen Achtzigern, hergestellt in Deutschland und Japan, nachjagen. Da wäre beispielsweise diese CD von Rush, auf der man zu allem Überfluss auch noch um die erste Sekunde von ‚Tom Sawyer‘ betrogen wird. Die Zeit der #CDCorner wird kommen.

Aber halt, das ist natürlich alles pure Übertreibung. Dass sich die Schallplatte inzwischen wieder auf dem Markt etabliert hat ist längst offensichtlich und gut. Dass es eine Art Gegengewicht zu Spotify und Co. braucht, hat schon unsere Einlassung in der ersten #OpinionCorner zu Tage gebracht. Da ist es doch erfreulich, dass die auf 500 Exemplare limitierte transparente Vinyl-Version des neuen Big Big Train-Outputs „Grimspound“ bereits vor Veröffentlichung beim exklusiven Online-Händler Burning Shed vergriffen scheint. Immerhin ist der große Zug noch immer eine Indie-Band und nicht Deep Purple, deren aktuelles Album hierzulande gleich in mindestens vier verschiedenen Vinyl-Varianten auf den Markt geworfen wurde. Dass man hier ganz gezielt auf den echten Fan, den oder die passionierte Sammler/in, statt auf den Musikkonsumenten im Allgemeinen schielt, darf man als legitim bezeichnen.

Foto: Ear-Music

Ein schöner Nebeneffekt ist dabei, dass der Begriff „Album“ wieder ein Stück seiner originären Identität zurück gewinnt. Das aktuelle Purple-Album „Infinite“ ist dafür ein schönes Beispiel. Das Artwork ist endlich mal wieder Teil der Gesamtkunstwerks. Die Spur, die der Eisbrecher auf der Hülle vollführt, zitiert, sowohl Albumtitel, die Initialen des Bandnamens. Klappt man die Hülle auf, findet man die Köpfe der Hardrock-Ikonen in Anlehnung an das legendäre „In Rock“-Cover in einen Eisberg gemeißelt. Mehr Abgrenzung vom schnöden Spotify-Konsum geht nicht.

Trotzdem scheint es so, dass Vinylkäufer ihre Schätze nicht unbedingt auch auflegen. Wie der altehrwürdige Musikexpress berichtet, besitzen laut einer für die BBC durchgeführten Umfrage nur 58 Prozent aller Vinylsammler einen Plattenspieler. Dass man ganz besondere Raritäten gegebenenfalls vor Abnutzung schonen will, ist in diesem Zusammenhang noch nachvollziehbar. Gar keinen Plattenspieler zu besitzen, mutet jedoch schon etwas skurril an. Dass Schallplatten in Zeiten von Niedrigzinsen unter Umständen als Wertanlage taugen, darüber hat schon 2015 das Manager-Magazin berichtet. Trotz der skurrilen Schieflage in Sachen Schallplatten- vs. Plattenspielerbesitz bei Vinylkäufern meldet die GfU laut der Zeitschrift Stereo für 2016 einen deutlichen Anstieg der Plattenspieler-Verkäufe. Allerdings klafft im verfügbaren Produktportfolio immer noch eine eklatante Lücke zwischen Billig-Playern im Bereich von 100 bis 200 Euro und High-end-Produkten, die preislich zum Teil weit jenseits der 1000-Euro-Marke liegen.

Foto: RogerWaters.com

Kommen wir schließlich zur Frage, was demnächst auf den Plattentellern oder vielleicht auch nur im Regal landet. Diesbezüglich noch einmal der Verweis auf die Einleitung dieser #VinylCorner-Ausgabe. Zumindest Major-Labels veröffentlichen inzwischen so ziemlich jedes neue Album zeitgleich auf Vinyl. Da verwundert es schon, dass man hierzulande noch auf die Vinyl-Veröffentlichung des auf anderen Formaten bereits erschienenen neuen John Mayer-Albums „The Search Of Everything“ warten muss. Dem Proghörer wird das weitestgehend gleichgültig sein. Aber man stelle sich vor, Ähnliches würde bei der Veröffentlichung von Roger Waters neuem Oeuvre „Is this the Life We Really want?“ (VÖ: 02.06.17) passieren. Immerhin sind die beiden Herren Labelkollegen. Dass das Werk auf dem Einkaufszettel  vieler Proghörer steht, muss man nicht diskutieren.

Seit Kurzem gibt es nun auch „Marbles“ von Marillion in Gänze auf Vinyl. Es handelt sich allerdings um die kürzlich veröffentlichte Liveversion vom Marillion-Weekend 2015 in Holland. Gerade erst vor einigen Tagen sickerte durch, dass sich Steven Wilson des Marillion Klassikers „Misplaced Childhood“ zum Remix angenommen hat. Das Werk wird am 21. Juli dann neben ein 5.1 CD Version auch in einer 4-LP-Vinyl-Box inklusive eines kompletten Konzerts der „Misplaced Childhood“-Tour im holländischen Utrecht erscheinen. Detaillierte Informationen findet am dazu beispielsweise auf Fishs Homepage. Auch Radioheads legendäres Werk „OK-Computer“ wird demnächst zum zwanzigsten Jubiläum wiederveröffentlicht. Auch hier ist eine eine üppige 3-LP-Version mit B-Seiten und Raritäten geplant. Veröffentlichung ist am 23.06 17.

Zum Schluss noch ein Tipp für Sparfüchse unter den Vinylsammlern. Die Webseite Moin Vinyl bietet einen schönen Preisvergleich für Vinyl-Schallplatten auf dem deutschen Markt an. Die Liste der verlinkten Shops ist zwar nicht komplett, aber schon relativ umfangreich. Akzeptable Preise für jeweilige Objekte der Begierde lassen sich daraus sicher ableiten. In diesem Sinn: You better let your vinyl spin.

Kürzlich besprochene Vinyl-Veröffentlichungen:
Mike & The Mechanics – „Let Me Fly
Deacon Blue – „Live At The Barrowlands
Jesca Hoop – „Memories Are Now
Pink Floyd – „The Final Cut
Pink Floyd – „A Momentary Lapse Of Reason“

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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#VinylCorner Nr. 10: Mai 2017

von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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