Spidergawd, Woodland, 15.03.17, Köln, Gebäude 9

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SPINNErt laute, aber gute Songs from the WOODland

Hier gilt es ein Konzert abzufeiern, das fast rundum glücklich machte. Vorab aber ein wenig Jammern auf Himalaya-Niveau: Schalldruck bei Clubgigs weit jenseits der Phonstärken eines Steven Wilson-Konzertes sind einfach nicht mehr zeitgemäß, seit man um die Langzeitwirkung von so etwas weiß. Also etwa seit Beeth…, hm, Pete Townsend. Trotz Gehörschutz fiepte und pfiff es noch am nächsten Morgen. Ein Souvenir, auf das man gerne verzichtet hätte.

Zumal es doch ansonsten genügend schöne Erinnerungen gab. Zum Beispiel an den heißen Hybriden aus nordischer Weite mit Delta-Blues im Overdrive, den Woodland vor der Hütte hatten. Wobei aufgrund der hohen Stimme von Sänger/Resonator-Gitarrist Gisle Solbu teils auch die White Stripes, aber auch Mother’s Cake nicht allzu fern scheinen. Das Quintett aus Trondheim eröffnete mit ‚Making Me‘ vom namenlosen 2014er-Debüt und machte damit das Publikum spontan klar. Die nächsten drei Songs ‚Set Me Free‘, ‚Go Nowhere‘, ‚It’s Alright‘ stammten vom erst im Februar auf Crispin Glover erschienenen „Go Nowhere“.

Den Kontrabassisten Hallvard Gaardløs (u.a. Orango) teilt man sich mit Spidergawd, Keyboarder Hallvar Haugdal (u.a. Orango) schwingt auch eine gepflegte Rumba-Kugel, und das Slide-Spiel von Gitarrist Espen Kalstad machte zwar kein Kleinholz, aber auch keine Gefangenen. Eher versteckt agierte Espen Berge an seinem Ludwig Drumkit.

Von wegen versteckt: Zum völlig verrutschten Master-Volume-Regler passte leider auch, dass weder vom Bass, vom Spiel des wie ein seine Schäfchen am Harmonium begleitenden Pfarrers freundlich nickenden Haugdal, noch von irgendwelchen Backing Vocals irgend etwas beim Publikum ankam. Jammerschade, denn Leadgesang und Gitarrenparts zu beispielsweise ‚Got Me Wrong‘ klangen durchaus hitverdächtig.

Spidergawd führten sich nach kurzer Umbaupause mit der Ansage von Sänger/Gitarrist Per Borten ein, er habe in Dortmund seine Stimme verloren und könne daher die Songs vom aktuellen Album „IV“ nicht bringen. Inwiefern diese fordernder für lädierte Stimmbänder sind, können wir nicht beurteilen. Fakt ist aber, dass zum einen das Material von „I“ bis „III“ with a little help from his friends einfach hervorragend über die Bühne ging. Und zum anderen „IV“ dann sehr wohl noch zu Ehren kam.

Ein Highlight war dabei das Spiel des – wie Dave Lombardo – zentral und am vordersten Bühnenrand platzierten Kenneth Kapstadt. Der lässig bis spielerisch wirkende Drive, den er dem hart rockenden Material verlieh, ist ziemlich beispiellos. Für besondere spielerische Akzente, für Zuprosten ans Auditorium und besonders tiefen Augenkontakt mit unserem Fotografen erhebt sich Ken zudem regelmäßig – ein echter Publikumsmagnet!

Genau wie der charismatische Saxofonist Rolf Martin Snustad, dessen teils nebelhorntief tönendes Spiel den Sound von Spidergawd so unverwechselbar macht. Apropos Sound: Die Abmischung der einzelnen Spieler war beim Top Act deutlich besser gelungen, dafür wurde es soweit physikalisch möglich gefühlt noch etwas lauter.

Um Pers überanstrengte Stimme zu schonen, wurde folgendes Verfahren gefunden, wie Kollege Phil andernorts schrob: „So müssen einmal Snustad und einmal Gaardløs als Ersatzsänger herhalten, und für zwei Songs kommt Woodlands-Sänger Gisle Solbus wieder auf die Bühne […] Das macht er sehr gut, vor allem bei den hohen Tönen“.

Mit ‚Is This Love?‘, ‚I Am The Night‘, ‚What You Have Become‘, ‚LouCille‘ kam wie gesagt auch das aktuelle Album noch zu seinem Recht. Insgesamt ein mit den genannten Abstrichen ausgezeichnetes Konzert. Was auf Platte noch teils gewollt kompakt(wagenartig) wirkt, verwandelte sich im Livegeschehen in eine ewig lange, coole Stretchlimo. Das vielleicht beste Beispiel für diese Verwandlung war ‚Lighthouse‘.

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Live-Fotos: Tobias Berk

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Spidergawd, Woodland, 15.03.17, Köln, Gebäude 9

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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