Arnór Dan Arnarson, Agent Fresco, zu „Destrier“

0

Arnór Dan Arnarson-kleinNordic Talking

Lange mussten wir auf das neue Album der isländischen Band Agent Fresco warten. Doch das Warten hat sich gelohnt – nach dem gefeierten Vorgängeralbum „A Long Time Listening“ aus dem Jahr 2010, kann nun auch „Destrier“ überzeugen. Wir befragten Sänger Arnór Dan Arnarson zu den Hintergründen.

In Deinem Leben ist gerade sehr viel los, Familienfeiern wie die Hochzeit Deiner Schwester und die Taufe Deines Patenkindes, und dann natürlich die Veröffentlichung des neuen Albums „Destrier“.
Ja, tatsächlich ist es so, dass gerade fünf total verrückte Ereignisse gleichzeitig zusammentreffen. Bei der Taufe fühlte es sich so an, als hätte ich keine einzige Träne mehr in mir. Du könntest mir einen sterbenden Welpen o.ä. zeigen, und ich könnte dennoch nicht weinen, weil ich bereits so viel geweint habe. Es ist eine großartige Zeit, nur Glückstränen, alles ist so perfekt.

„Destrier“ ist als Nummer Eins in den offiziellen isländischen Albumcharts eingestiegen und es erscheinen momentan jede Menge sehr gute CD-Bewertungen – Herzlichen Glückwunsch dazu!

Dankeschön!

Wie beeinflusst die viele Promoarbeit mit Interviews, Tourplanung etc. derzeit Deinen Alltag? Du hast einen normalen Job, oder?

Nein, ich habe in den letzten 2-3 Jahren, seit der Veröffentlichung von Ólafur Arnalds´ Album „For Now I Am Winter“ in Vollzeit für die Musik arbeiten können. Es war in letzter Zeit hektisch, aber gleichzeitig auch großartig. Dies ist unsere erste Veröffentlichung, die wir mit einer nicht isländischen Plattenfirma durchführen und wir haben ebenfalls eine ausländische Booking-Agentur engagiert – zum ersten Mal fühlt es sich nach einer Einheit an. Wir sind alle sehr konzentriert und arbeiten mit guten Leuten zusammen, die auch große Fans der Musik sind, so dass sie nicht nur für uns und mit uns arbeiten, nein sie sind auch ein Teil der Leidenschaft um die Musik herum. Ich wünschte ich hätte mehr Zeit um E-Mail-Interviews zu beantworten, aber es sind wie immer viele Dinge zu tun, auch weil wir z.B. unsere sozialen Medien selber betreuen. Es gibt noch viel zu tun, die Tourplanung z.B., wir buchen die Konzerttermine zwar nicht selber, aber wir wollen natürlich den Leuten außerhalb von Island eine tolle Show bieten. Und wir haben das Release-Konzert im Oktober, das so großartig wie nur möglich werden soll. Es war zwar recht hektisch, aber die emotionale Skala wurde nach oben und unten voll abgedeckt, denn gleichzeitig kommen so viele Reviews herein, ich jage da nicht den Ratings hinterher, ich bin nur einfach geehrt und umgehauen davon, dass sich so viele Leute mit dem Album beschäftigen und ihm Zeit geben. Das ist vermutlich auch Verdienst der Werbeagentur. Wir sind ja keine Band, deren Musik man als „Easy Listening“ bezeichnen kann. Auch wenn es wirklich Leute gibt, die unsere Musik bekommen und sie sofort mögen, aber das braucht oft auch Zeit. Viele Musikkritiker beschäftigen sich leider mit der Kategorisierung in einzelne Genre. Für mich ist das Quatsch (lacht). Wir machen einfach was wir lieben, und wir lieben diese Art der Musik, die wir schreiben. Wir wollen, dass unsere Musik vielseitig ist, in alle Richtungen geht. Denn so sind wir auch als Menschen, wir sind aggressiv, aber wir sind auch sanfte Jungs (lacht), das ist all das, was wir damit ausdrücken möchten.

„Es ist eigentlich auf eine verrückte Weise wie ein Tagebuch.“

Aber die Arbeit ist dieses Mal professioneller als die, die damals zum Vorgängeralbum „A Long Time Listening“ erbracht wurde? Weil Ihr mit anderen Partner zusammenarbeitet?

Definitiv. „A Long Time Listening“ war auf eine andere Art anstrengend, das war auf einem ganz anderen Level, weil wir nur in Island veröffentlich haben und wir deshalb auch fast alles alleine gemacht haben. Wir hatten das Album auch selber über Rough Trade vermarkten lassen, ohne dass da eine Promo-Firma involviert  war, die wirklich wusste, wie sie das Album passend bewerben konnte. Damals waren es nicht ausschließlich Leute mit Musikleidenschaft. Sie wussten nicht richtig, wie sie die Musik vorstellen können, das war das größte Problem. Nun haben wir den richtigen Weg gefunden um „Destrier“ dem Hörer näher zu bringen. Es ist schwierig die Musik in eine Schublade zu stecken, und wenn man dann nicht weiß wie man es den Leuten verkaufen oder näher bringen kann, dann ist es schwer für die Kritiker, ein Album in einem Review zu besprechen oder es überhaupt zur Bewertung anzunehmen. Das ist das Problem dieser Band. Und genau das ist auch der Grund, warum ich gerne in dieser Band bin – ich mag es nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Unsere jetzigen Partner haben uns geholfen unsere Musik besser zu präsentieren – und ich glaube das ist der große Unterschied. Sie sind der Vermittler, weil niemand von der Band selber hören möchte, wie die Musik ist – das wäre vollkommen befangen. Ich möchte den Leuten nicht sagen, warum sie sich die Musik anhören sollten. Wenn man damit etwas anfangen kann ist das toll, aber zuallererst mache ich diese Alben für mich selber. Es ist eigentlich auf eine verrückte Weise wie ein Tagebuch. Wenn man eine einfache Beschreibung haben will, dann trifft es das vielleicht am besten. Ich spreche einfach über die letzten Jahre, in denen ich ein paar extreme Dinge erlebt habe, die mich dazu gebracht haben viele Dinge in Frage zu stellen. Und die Musik hilft mir dabei, emotional zu wachsen, hoffentlich auch intellektuell als eine Person (lacht).

Du hast ein wenig angedeutet was der Hintergrund zu „Destrier“ ist. Seit „A Long Time Listening“ ist viel Zeit vergangen, es sind fünf Jahre. Kannst Du etwas über den Schaffensprozess von „Destrier“ erzählen?

Tóti (Þórarinn Guðnason) hatte sehr früh angefangen die Musik zu komponieren. Er schreibt alle „Instrumentalstücke“. Nur drei bis vier Songs wurden von Vignir (Vignir Rafn Hilmarsson) und Keli (Hrafnkell Örn Guðjónsson) beeinflusst, aber eigentlich ist es immer hauptsächlich Tóti. Und wir erwarteten auch dieses Mal von ihm, dass er die Musik  schreibt. Er begann mit dem Komponieren, ich glaube es war mit ‚Dark Water‘, ungefähr in 2011 oder 2012. Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch schon ein paar Melodien im Kopf, aber es dauerte bis 2013 bis wir alle Songs instrumental zusammen hatten. Dann fand dieser Angriff auf mich statt. Es passierte im Stadtzentrum, ich stand vor meiner Schwester. Die Attacke  hätte schlimmer sein können, Hirnverletzungen wären möglich gewesen, weil ich einen Tritt seitlich neben das Auge bekam, der meine Augenhöhle brach. Es ist viel mehr schockierend, dass es vor meiner Schwester passierte, die gerade zu Besuch war. Das hat mich zu dem Zeitpunkt sehr aus der Bahn geworfen und alles was ich mit dem Album ursprünglich tun wollte konnte ich daraufhin gefühlt nicht mehr machen, weil ich nicht in der seelischen Verfassung dafür war. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und die Dinge, die ich machte, auch nicht mehr wertschätzen. Also beschloss ich ein Album über diese Erfahrung zu machen. Ich wollte meine Emotionen kanalisieren und konzentrierte ich mich auf Zorn und Angst. „Destrier“ ist ein Wort, das ich bereits seit einer langen Zeit verwenden wollte, weil es so dicht am englischen Wort „destroy“ angelehnt ist. Aber andererseits finde ich Pferde extrem schön, nicht nur weil ich selber ziemlich lange Zeit geritten bin, sie sind majestätisch und muskulös. Und ein Pferd, das sich für einen Krieg bereitmacht – das schien mir perfekt zu sein. Also nutzte ich die Arbeit am Album um diese Gefühle in mir hervorzurufen. Nur bekam ich durch die Konzentration darauf das Problem, dass diese Emotionen die Kontrolle über mich übernahmen. Ich bekam Panikattacken, Konzentrationsstörungen und ich fühlte mich schlecht, weil ich es nicht hinkriegte dieses Album fertigzustellen. Es gab viele Nächte in denen ich am Computer saß und schrieb und schrieb und schrieb. Letzte Woche erst habe ich Tóti, dem Gitarristen, die Datei mit meinen niedergeschriebenen Gedanken gezeigt. Und es ist wirklich absurd, es sind so ca. 20.000 Wörter – irre lang. Und das nicht, weil es sich um 20.000 wunderschöne Wörter handelt die ich in Gedichte packen wollte. Da ist auch viel Mist dabei, ich musste viele Sachen rauswerfen, aber das dauerte alles recht lange. Ich glaube, dass ich und meine Texte die Veröffentlichung des Albums um ca. 1 Jahr verzögerten. Darüber hinaus gab es aber auch andere Gründe, fehlende Absprachen etc.. Alles vom Mixing bis zum Artwork war ein wenig verspätet, and dann natürlich noch mein Erlebnis mit den Texten und den Gesangaufnahmen, die die Arbeiten an „Destrier“ ebenfalls verlängerten. Was ich in das Album stecken wollte war sehr schwierig. ‚Dark Water‘ ist der Song, der von dem Moment handelt, in dem ich einfach einen Mangel an Empathie und Kommunikation empfand. Ich dachte, dass alles wirklich wirklich schief läuft, zusammengefasst in der Textzeile „Let the worst of us collide“. Es befinden sich viele Songs auf dem Album, die sich mit dem Prozess des Albumsschreibens selber auseinander setzen. Jetzt kann ich auf diese Zeit mit einem Lächeln zurück schauen, aber damals war es überhaupt nicht lustig an diesem Album zu arbeiten. Es ist wie „die dunklen Tage von Agent Fresco“, und hoffentlich wird danach alles glückselig sein – mit Regenbogen, Schokolade und Eiswürfeln (lacht).

Und Du erholst Dich immer noch von diesem Prozess, oder?

Ja, dass denke ich auch. Es ist viel besser geworden nachdem ich das Video zu ‚See Hell‘ fertiggestellt hatte, und das Video von ‚Wait For Me‘. Sofort danach musste ich mich darum kümmern, dass Mixing und Artwork fertig werden, so dass ich keine Zeit hatte um richtig zu entspannen. Es war so viel zu tun. Und wir mussten proben, damit wir in Hochform sind wenn wir diese Songs live spielen werden. Ich denke es wird besser, aber es war eine schwierige Phase in meinem Leben und für die Menschen um mich herum auch. Es erfordert noch viel Heilung, aber es wird definitiv besser. Ich erlebe diese verrückten Panikattacken nicht mehr, ich habe keine Halluzinationen, ich schlafe besser. Das Album zu veröffentlichen fühlt sich in etwa so an, wie wenn man einen Raum verlässt, eine Tür schließt und neu anfängt. Das ist wie eine Art Therapie.

„Ich wollte diese Emotionen nicht gehen lassen, ich wollte mehr darüber schreiben, ich wollte verärgert bleiben.“

Du hast über das ‚See Hell‘-Video gesprochen. In einem Interview sagtest Du: „Ich wurde beim Umgang mit meiner Wut fast Opfer meines eigenen Stockholm-Syndroms. Dieses wurde im ‚See Hell‘-Video eingefangen.“ Für einen Außenstehenden ist dies nicht leicht nachzuvollziehen, weil das Stockholm-Syndrom normalerweise im Zusammenhang mit Entführungen genannt wird. Wie hast Du dieses Syndrom bekommen und wie hat sich das geäußert?

Viele Menschen verbinden das Stockholm-Syndrom in der Tat mit Entführungen und der Verbindung zum Entführer. Als wir das ‚See Hell‘-Video gemacht haben, wollte ich nicht nur den Fokus auf den Text legen- darin geht es um diesen Angriff und wie ich mich revangieren wollte. Sollte ich mich an die Polizei wenden? Oder sollte ich versuchen die Angreifer mit meinen Leuten auf eigene Faust zu schnappen und sie dann verprügeln? Also der legale oder der illegale Weg – was ist besser? Mit den Konsequenzen „to condemn or to crown“. Aber ich wollte auch ein Video über diesen Schaffensprozess machen. Ich „romantisierte“ das Albummachen und wollte wütend und in diesem unausbalancierten Gemütszustand bleiben. Da gab es einen Punkt als ich das Schreiben beendete, an dem ich etwas wie „Ich bin fertig – nun bin ich erleichtert“ erwartete. Aber als ich das letzte Wort geschrieben hatte war es mehr wie „Was soll ich nun tun?“ (lacht). Ich wollte diese Emotionen nicht gehen lassen, ich wollte mehr darüber schreiben, ich wollte verärgert bleiben. Dieses Streben hatte mich fest im Griff und ich benötigte viel Zeit, bevor es mir dann besser ging. Das dauerte ein paar Monate, die Aufnahmen waren im Dezember, und so ca. im Juni des Folgejahres, vielleicht im Mai, ging es mir langsam wieder gut. Das wollte ich mit dem Begriff „Stockholm-Syndrom“ ausdrücken, dass es schwierig war diese mentale Situation zu verlassen, keinen weiteren Song mehr über diese Gefühle zu schreiben und sich von der Denkart zu lösen. Das wollte ich auch so im Video porträtieren, in dem der Schauspieler Arnar Dan Kristjánsson diesen „und täglich grüßt das Murmeltier“-Zyklus durchlebt. Er steht jeden Morgen steif und dreckig auf und er verbringt den Tag damit den Schmutz abzuwaschen. Dann wacht er erneut auf und es wiederholt sich alles. Und als er schlussendlich aufwacht und er sauber ist, da weiß er nicht, wie er damit umgehen soll. Es ist nicht seine Routine, er langweilt sich und wird frustriert, so dass er sich schließlich wieder selber dreckig macht. Das ist die Botschaft, die ich hiermit übermitteln wollte.

Sehr interessant. Ein schönes Video!

Vielen Dank! Ich bin sehr stolz darauf. Da haben auch großartige Leute mitgearbeitet.

Dieser Angriff ist rund drei Jahre her, gibt es noch Songs von vor dem Angriff (2011/2012), die sich mit anderen Themen befassen und auf deren Veröffentlichung wir eventuell hoffen dürfen? Oder sind keine Songs mehr übrig?

Wir sind was das anbelangt eine wirklich sonderbare Band. Wir haben nur wenige „B-Sides“, wir arbeiten an unseren Songs solange, bis sie ‚fertig‘ sind. Es haut mich jedes Mal um, wenn eine Band erzählt, dass sie so ca. 50 Songs für ein neues Album bereit hat. Ich denke mir dann immer: „Ihr wollte mich wohl verarschen, da muss aber viel Scheiße mit dabei sein.“ (lacht). Unsere Art ist es, uns auf wenige Songs zu konzentrieren. Ich glaube, dass es in der Lebenszeit von Agent Fresco vielleicht drei oder vier Songs gibt, die wir nie fertiggestellt, oder besser gesagt, die wir nie veröffentlicht haben. Als ich sagte, dass ‚Dark Water‘ von 2011 ist, dann bedeutet das, dass sich der Song im Laufe der Zeit aber stark verändert hat – die Struktur und die Melodie. An den Texten fing ich vermutlich ungefähr 2013 an zu arbeiten, nach dem Angriff. Natürlich schreibe ich jeden Tag, da ist dann selbstverständlich auch Material dabei, das ich später einmal verwenden möchte. Das alles habe ich zur Seite getan als ich realisierte, was ich mit dem Album tun wollte. Wir schreiben die Songs nicht über mehrere Wochen, wir gehen immer mal wieder vor und zurück. Und Tóti hat eine wunderbare Art des Schreibens und er inspiriert mich mit den Songs die er mir zuschickt – so arbeiten wir.

„Wir wissen bis heute nicht warum die Angreifer das getan haben…“

Bin ich zu neugierig wenn ich frage, warum diese beiden Typen Dich eigentlich angegriffen haben?

Das ist wirklich eine sehr gute Frage. Und das ist auch der Grund warum es so schwierig ist mit dieser Sache abzuschließen: Wir wissen das noch nicht! Denn während der Gerichtsverhandlungen haben sie nie zugegeben, dass sie es gewesen sind. Obwohl wir sie festgehalten hatten bis die Polizei kam und so. Bis heute weiß ich es nicht. Später realisierte ich, dass es Sicherheitspersonal an einem Veranstaltungsort gab, mit denen ich mal diskutiert hatte. Zu jenem Zeitpunkt konnte ich mich aber nicht an sie erinnern, ich weiß nicht, ob es etwas Persönliches war. Das waren damals die gröbsten und respektlosesten Sicherheitsleute, die ich jemals kennengelernt hatte. Normalerweise arbeiten wir bei Konzerten alle zusammen – der Barkeeper, die Bands, das Sicherheitspersonal. Wir möchten allen eine gute Zeit ermöglichen. Aber manchmal ist das Sicherheitspersonal so machtlüstern. Ich denke, dass dies ein universelles Problem ist. Wenn man Menschen Macht gibt, wissen nicht viele Leute damit umzugehen. Da gibt es dieses Stanford-Gefängnis-Experiment, in dem Wissenschaftler einer Hälfte von studentischen Probanden Polizeiuniformen und -rechte erteilt hatten und die andere Hälfte der Versuchspersonen wie Gefangene behandelt werden sollten. Daran konnte man sehen, wie die Leute langsam wahnsinnig werden -machtgeil und machtmissbrauchend. Ich sage nicht, dass alle Menschen so sind, definitiv nicht. Es gibt viele großartige Sicherheitsleute und nach dem Vorfall kamen viele, um mir den Rücken zu stärken. Wir wissen bis heute nicht warum die Angreifer das getan haben und das ist Teil des Problems. Es wäre leicht gewesen diesen Prozess glatter, schneller und netter durchzuziehen – wenn wir zusammengearbeitet hätten. Aber das war nicht der Fall. Und ich habe immer noch eine Menge von den Gefühlen die im Album vorkommen. Obwohl ich gerne verzeihen würde, aber ich kann niemandem verzeihen, der sich nicht zu seiner Schuld bekennt, zu seinem Fehler. Und das ist wirklich schwierig, ich wünschte es wäre anders, aber so ist es nun mal.

Das ist natürlich auch ein echtes Problem, nicht zu wissen was Deine „Schuld“ an dieser Geschichte ist und was die Männer dazu gebracht hat, Dich zu verletzen. Das ist übel.

Ja, und der Angriff erfolgte von hinten, ich sprach gerade mit meiner Schwester. Ich wusste von der ersten Sekunde an, dass dies ein Angriff ist und geriet in Panik, ebenso meine Schwester. Ich versuche zu kämpfen aber einer hat mich zu Boden geworfen und der andere hat mir dann ins Gesicht getreten. Es ist alles so beschämend, wie das passierte – vor so vielen Leuten, und wie die Polizei dann damit umgegangen ist. Es gab sogar Aufzeichnungen davon, nur diese wurden nie von der Polizei angefordert, trotz vielfacher Aufforderung von uns, und schließlich wurden die Aufnahmen gelöscht, so dass dann in der Gerichtsverhandlung letztlich Aussage gegen Aussage stand. Viele Dinge haben diese Sache richtig unnötig schwierig gemacht. Aber glücklicherweise haben sich die Typen im Gericht nicht so gut geschlagen, es gab widersprüchliche Aussagen von den beiden. Das Urteil war dann aber sehr sehr milde, sie mussten mir nur Schmerzensgeld bezahlen. Aber was bringt das? Das Album legt ein wenig den Fokus auf psychische Gesundheit und wie extrem animiert und manipuliert man durch seinen Körper werden kann, z.B. wenn man Wut und Angst erlebt. Und das Systems versagt- wie werden die beiden zu besseren Menschen wenn sie eine milde Strafe bekommen und noch nicht einmal ins Gefängnis gehen? Und wie hilft es mir? Das blöde Geld hilft mir dabei überhaupt nicht! Mir ist nur wichtig, dass diese Typen eine Konsequenz für Ihr Verhalten spüren und dafür die Verantwortung übernehmen. Ich habe ein Interview und einen Artikel hierüber in Island gemacht, und es ist schlimm zu sehen, dass fast jeder den ich kenne schon einmal bedroht oder angegriffen wurde oder mindestens jemanden kennt, dem das so ergangen ist. Und der dann aufgegeben hat und damit noch nicht einmal zur Polizei gegangen ist, weil es allen klar ist, dass so etwas einen langwierigen, schwierigen und teuren Prozess nach sich zieht. Unsere moderne Gesellschaft ist wirklich weit davon entfernt das gut zu machen. Es besteht eine absolute Wissenslücke bezogen auf die mentale Gesundheit und wie Verantwortung übernommen werden sollte. Ich glaube nicht an Haftstrafen, nicht daran, dass es Leuten hilft für viele Jahre in eine Kiste hineingesteckt zu werden. Ich könnte ständig über soziale Themen reden, dazu habe ich viele Gedanken, aber ich würde nicht sagen, dass das Album politisch ist. Andererseits ist es das aber doch. Gefühle und Gedanken die ich habe reflektieren natürlich die Gesellschaft die ich erlebe. Wie Du hören kannst fängt man dann an sich selber und die Gesellschaft in Frage zu stellen, und die Prioritäten im Leben. Das waren ein paar verrückte Jahre, auch weil ich sehr viel in Frage gestellt habe: meine Band, meine Beziehung, mich selbst als Künstler und Mensch, als Bruder und als Sohn, meine Freunde, die Gesellschaft – einfach alles. Ich fing an alle zu hassen (lacht). Das ist sehr leicht, man muss nur die Nachrichten aufschlagen, da sieht man ständig, warum wir unsere Erde nicht verdient haben und wie wir mit unserer seltsamen Gesellschaft alles kaputt machen, wie wir die falschen Dinge zu Prioritäten machen, die es in dieser wundervollen Welt nicht sein sollten – dunkle Tage (lacht).

„Das hört sich jetzt so an, als wäre es die Hölle gewesen…“

Dunkle Tage, die das Album beeinflusst haben. Welchen Einfluss hatten Deine Bandkollegen?

Es ist schwierig für mich darüber zu sprechen was sie mitgemacht haben. Ich hatte mich komplett von meiner Umwelt isoliert. Meine Bandkollegen reden nicht viel – während ich mehr wie ein offenes Buch bin, sind sie mehr wie ein geschlossenes Buch. Ich weiß bis heute nicht, wo sie mental waren. Aber ich weiß, dass es schwierig für sie war mitanzusehen, wie ich durch das alles gegangen bin. Sie waren einfach zu ängstlich mir nahezutreten und sie hatten Angst mit zusätzlichem Anschieben alles zu verschlimmern. Das macht auch Sinn, weil ich sehr labil war. Aber andererseits fühlte ich mich als würde mir niemand helfen. Niemand machte die anderen Sachen. Ich habe ja nicht nur die Songtexte geschrieben und musste die Aufnahmen machen, es waren auch Absprachen mit der Plattenfirma und der Booking-Agentur zu machen, alle Leute voranzutreiben, die sozialen Medien zu betreuen, die Buchhaltung zu machen und alles andere. Da hätte es viele Dinge gegeben, die mir andere hätten abnehmen können, so dass ich mich auf die anderen Sachen hätte konzentrieren können. Ich will wirklich nicht an der Stelle meiner Bandkollegen antworten, aber ich nehme an, dass es auch für sie schwer war. Mein Drummer hatte alle seine Aufgaben Ende 2013 erledigt. Da hatte er alles aufgenommen, und dann musste er ein ganzes Jahr darauf warten, dass ich mit den Gesangsaufnahmen fertig wurde. Ich nahm sehr langsam auf, und verlor immer wieder meine Stimme, weil ich so gestresst war. Ich war bei Ärzten und konnte mir nicht erklären, woran es lag. Ich dachte es wäre die isländische Luft, die Luftfeuchtigkeit. Oder hatte ich etwas in meiner Kehle? Das war alles nur psychisch! Als ich das realisierte wurde es mir möglich mich selber zu „reparieren“, das war einfach zu verrückt. Ich weiß nicht wo die Jungs emotional waren, weil wir einfach nicht in Kontakt standen. Wir wollen nicht, dass wir bei den Aufnahmen im Studio alle vor Ort sind, das könnte uns Konzentration kosten. Wenn ich aufnahm waren normalerweise nur Tóti und Styrmir Hauksson, der das Album gemixt hat, anwesend. Da war dann nicht viel Gemeinschaftsgefühl. Das hört sich jetzt so an, als wäre es die Hölle gewesen, ich muss da einfach ehrlich sein, es war eine echt irre und schwierige Zeit und viele Dinge hätten besser laufen können. Aber so ist das Leben nun mal. Wir müssen Risiken in Kauf nehmen und damit experimentieren. Wenn wir uns verbrennen, lernen wir, dass wir einen Fehler gemacht haben und wir es in der Zukunft anders machen müssen. Wir haben viel von diesem Prozess gelernt, da müssen wir uns weiterentwickeln. Diese Band beschäftigt sich nicht mit „Entspannung“ und „der sicheren Seite“. Wir reden halt nicht über die grundlegenden Dinge, die uns nicht berühren.

So ist die Band auch noch nie gewesen.

Exakt. Der Fokus lag dieses Mal auf sehr extremen Sachen. Ich war dafür eigentlich nicht wirklich bereit, da bin ich zu schnell hineingeraten.

Styrmir Hauksson ist als Perfektionist bekannt. Er nimmt sich viel Zeit für seine Arbeit.

Woher weißt Du das? (lacht)

Ich kenne die Jungs von Arstidir.

Nett!

Und ich kenne die Schwierigkeiten, die es mit ihrem Album „Hvel“ gab. Da wurde weniger Zeit für das Mixing eingeplant als es letztlich gedauert hatte und der Releasetermin wurde immer wieder verschoben.

Ich war mit Karl (Karl James Pestka) auf Tour, er ist der Violinist von Arstidir und war Sessionmusiker für Ólafur Arnalds. Styrmir arbeitete gleichzeitig an beiden Alben. Ich war wirklich verärgert, Arstidir war wirklich verärgert und Styrmir war wirklich verärgert. Es endete dann irgendwie mit: „Styrmir, mach das Album von Arstidir fertig und dann konzentrier Dich auf unser Album.“ Aber er sprang zwischen beiden Alben hin und her, das war auch eines der Hauptprobleme, die das Album verzögerten. Ich war natürlich mit meinen Sachen sehr spät dran, aber da gab es noch so viele andere Faktoren. Styrmir war auch einer davon, aber darauf würde ich mich nie in einer negativen Weise fokussieren. Wir sind alle Perfektionisten bei dem was wir tun, und wir hatten großartige Diskussionen, es war ein tolles Arbeiten mit ihm. Das war, was wir wollten. Wir wollten mit jemandem zusammen arbeiten, der vorher nicht notwendigerweise an Rock oder Math oder etwas ähnlichem gearbeitet hatte. Wir wollten jemanden mit einem tollen Gehör, der bereits verschiedenste Dinge gemacht hat und neue Elemente einbringen würde. Und ich bin sehr stolz auf das, was wir geschaffen haben. Aber es gab Zeiten da war es wie: „Huuuaaargh! (schreit und lacht) – Was passiert hier eigentlich?“. Und Arstidir kann natürlich nicht alles auf Styrmir schieben, Karl war auch nicht immer fertig etc., da ist auch viel schief gelaufen.

Und im Oktober waren sie zwischendurch auf Tour, Zeit die sie eigentlich für die Arbeit im Studio gebraucht hätten. Und sie hatten diesen enormen Druck dadurch, dass sie das Album über Kickstarter finanziert hatten und jeder nun auf die Veröffentlichung wartete.

Das ist schwierig, ja. Ich werde das nie tun. Ich werde den Leuten nie so etwas versprechen, weil man einfach die benötigte Zeit nicht kalkulieren kann. Mixing ist ja auch ein kreativer Prozess. Für manche Leute mag es sein wie: „Ich mixe Dir diesen Song innerhalb eines Tages – dann ist er fertig.“ Für uns ist es aber so, dass das Lied gemixt wird, wir uns das Ergebnis anhören und überlegen: Ist da irgendetwas in der Klanglandschaft, das wir ändern möchten? Wollen wir neue Elemente? Brauchen wir neue Melodien oder irgendwelche anderen Klangatmosphären in diesem Song?
Mit Styrmir konnten wir zusammenarbeiten, es ist komplexer als nur „Mixing“. Ja, ich habe wirklich Verständnis für ihn. Er arbeitete mit zwei Bands, die durch dieselben Dinge zum gleichen Zeitpunkt gingen. Und er versuchte beide Alben gleichzeitig fertigzustellen. Wir verkackten, Arstidir verkackten und Styrmir verkackte. Es war ungefähr wie folgt: ich hatte eine Verabredung mit Styrmir im Studio weil wir an dem Mixing eines Songs arbeiten wollten und als ich reinkam saß dann da einer der Arstidir-Jungs. Ich sagte so etwas wie „Hey, wie geht’s Dir?“ Und innerlich dachte ich aber „Oh, verzieh Dich hier aus dem Studio, denn WIR müssen hier fertig werden.“ (lacht). Aber wir haben uns alle gegenseitig verstanden, wir hatten alle Druck von den Plattenfirmen etc.. Obwohl es das nicht richtig trifft, weil unser Label wirklich fantastisch war. Es war mehr unser eigener Druck, das reicht mir schon. Das war eine verrückte Situation.

Besonders für Dich – ja auch aufgrund Deiner mentalen Situation.

Ja, ich wollte einfach nur fertig werden. Und zeitgleich fragten mich immer wieder Leute, warum diese Person nicht seine Sachen macht und warum jene Person nicht seine Dinge fertig bekommt. Und ich wollte nur eine Pause haben um mich auf die Songtexte konzentrieren zu können, und weil ich nicht komplett verrückt werden wollte. Erneut: Wir werden da eine Menge aus diesem Prozess lernen. Hoffentlich (lacht). Es war wundervoll und sehr stressig und hoffentlich können uns alle die Ergebnisse glücklich machen – wir sind sehr glücklich. Wir können jetzt darüber lachen, aber es war keine lustige Zeit in meinem Leben.

„Nee, der ist nicht gut genug!“

Das verstehe ich. „A Long Time Listening“ wurde von Eurem Gitarristen und von Euren Drummer produziert. Und jetzt hat Styrmir neue Element in Eure Musik eingebracht?

Eigentlich waren es nicht nur Tóti und Keli, die „A Long Time Listening“ produziert haben – wir waren es alle. Es ist irgendwie verrückt, dass ich meinen Namen nicht dazu geschrieben habe. Das hatte ich nicht getan, weil ich Ihnen einfach mehr Ehre zukommen lassen wollte, weil sie mehr Zeit im Studio verbracht hatten, z.B. um an den Schlagzeugparts zu arbeiten. Wobei das Wort „produzieren“ nicht so ganz treffend ist, eigentlich haben wir alle an dem Album „gearbeitet“.
Aber auch für das aktuelle Album hatten wir eigentlich keinen „echten“ Produzenten. Wir hatten darüber mit Styrmir gesprochen, und hauptsächlich wir es wir drei, Styrmir, Tóti und ich, die das Album produziert haben. Der „Produzent“ formt nicht nur das Album, er ist auch derjenige, der dafür sorgt, dass alle Leute ihre Sachen machen und es ist derjenige, der den Überblick behält. Alle Aufgaben waren bei uns strikt aufgeteilt. Styrmir kommt dann aber definitiv mit seinem Mixing ins Spiel, mit seiner Denkweise bzgl. der Klangatmosphären. Wir hatten am Anfang schon komplett fertige Demos dabei und kannten auch die Richtung in die er gehen sollte. Es ist immer nett einen neuen Typen mit dazuzubekommen, der Tóti entlastet. Der möchte diese Extra-Perspektive und braucht jemandem, dessen Meinung er respektiert. Manchmal braucht man das, weil man viele Songs einfach schon zu oft gehört hat. Wie ‚Dark Water‘ aus 2011. Irgendwann weiß man nicht mehr, ob der Song gut oder schlecht ist. Als die Plattenfirma uns 2014 sagte, dass das die erste Singleveröffentlichung sein sollte, dachten wir uns „Nee, der ist nicht gut genug!“. Wir hatten also keine Ahnung, welche Songs verwendet oder nicht verwendet werden sollten. Es war sehr gut und ich bin sehr glücklich darüber, dass wir mit Styrmir zusammen gearbeitet haben. Für das nächste Album möchten wir aber definitiv mehr damit experimentieren einen Produzenten und eine andere Person für das Abmischen zu haben. Alleine schon um jemanden zu haben, der uns mehr Dinge abnehmen kann, so dass wir uns ausschließlich auf die künstlerischen Elemente des Albums konzentrieren können.

Wenn Du über Deine Krise während der Aufnahmen sprichst, den Stimmverlust etc., erlebst Du dann erneut die gleichen Gefühle wie damals im Schaffensprozess, oder langweilt es Dich womöglich inzwischen, weil Du es bereits so viele Male erzählt hast? Wie fühlt sich das gerade an?

Ich spreche gerne mit Menschen, das macht immer Spaß (lacht). Und es ist immer gut für mich und sehr erfrischend, auch weil ich eigentlich gar nicht so viel über das Album gesprochen habe. Ich mag es nicht Interviewfragen schriftlich zu beantworten, auch wenn es eigentlich die gleichen Fragen sind. Aber wenn ich eine Unterhaltung mit einem menschlichen Wesen habe, dann liebe ich das immer, weil jeder einen eigenen Klang und unterschiedliche Wahrnehmungen des Albums hat. Gerade jetzt fühle ich aber ein kleines bisschen dieses Halsgefühl, das ich auch hatte als ich meine Stimme verlor – nur vom darüber sprechen. Da hängen definitiv noch Dinge in meinem Geist fest.

Es arbeitet also noch?

Ja genau. Und auch das zeigt wieder, dass die Probleme wirklich psychologischer Natur sind. Darüber sprechen ist gut und vermutlich auch notwendig für mich. Die Jungs in meiner Band fragen nicht viel zu den Songtexten, oder überhaupt. Ich erzähle ihnen was ich denke und mit welchem Konzept ich arbeite. Ich mag es über die Songs und die Texte zu sprechen, da möchte ich kein Geheimnis draus machen. Davon gibt es wirklich nur wenige bei mir. Gerade in Zeiten wie jetzt, in denen die Konzentrationsspanne der Leute eher nicht so gut ist, viele sich nicht die Zeit nehmen um sich mit einem Album intensiv zu beschäftigen oder den Aufwand scheuen, da hilft es natürlich eine emotionale Einführung zu geben – die Geschichte dahinter zu erzählen. Ich schreibe ja nicht auf eine direkte Art, vieles versteckt sich hinter Metaphern und dem Symbolismus von diesem „Destrier“. Es geht nicht ums Pferd (lacht)! Es geht um die persönlichen Geschichten hinter den Songs. Und das finde ich sehr wichtig und daher liebe ich es auch über meine Arbeit zu sprechen. Manchmal hilft es mir auch dabei Sachen im Nachhinein besser zu verstehen, die vorher unterbewusst abliefen. Und ich kann wertschätzen, was wir geleistet haben, es bekommt eine neue Perspektive, erscheint in einem anderen Licht.

Ich habe einen Bonustrack bei Spotify gefunden, ‚Stillness‘ heißt er. Dieser Song ist nicht auf der CD und auch nicht auf der Schallplatte, richtig?

Ja, es ist ausschließlich ein digitaler Bonustrack.

Kannst Du etwas darüber erzählen?

Wir wollten diesen Song auf dem Album behalten, aber es war ein klassischer „Mittelsong“ als es um das Textkonzept, die Klangatmosphäre und die Struktur ging. Und wir wollten das Album ein wenig einkürzen. Auf dem letzten Album waren 17 Songs vorhanden und nicht einer wäre dabei gewesen, den ich hätte weglassen wollen. Anders war es bei diesem Album. Die emotionale Verbindung zu ‚Stillness‘ war nicht so stark ausgeprägt. Es ist ein großartiges Lied, aber dieser Song „musste“ nicht in dem Album enthalten sein. Wir lieben ihn natürlich und wir werden ihn auch mal live spielen, aber es war einfach gut ihn als „B-Side“ zu behalten. Und weil wir ja keine B-Sides veröffentlichen wollen, nicht weil sie einfach nicht gut genug für das Album sind, der Song ist gut genug, sondern weil sie nicht so ganz ins Konzept passen. Ich mag es nicht, wenn es heißt „Der Song ist nicht gut genug für das Album, also ist es eine B-Side“. Wenn der Song nicht gut genug für das Album wäre, dann würde er da in keiner Form hingehören. Die Verbindung zum Album war hier einfach nicht so stark. Aber das Label wollte den Song gerne als B-Side verwenden, also war diese Veröffentlichungsweise dann das Beste, was wir damit machen konnten. Wir hätten auch mehr Remixes bekommen oder etwas Akustisches aufnehmen können und blablabla, aber es fühlte sich besser an diesen einen Song zu verwenden. Hm. Ich habe mir den Song schon lange nicht mehr angehört, den müssen wir heute Abend auch noch proben. Daran muss ich nachher noch denken. Ja, das ist es vom Prinzip her.

„Ich finde es toll, wenn Leute fremde Elemente nehmen und diese in ihre eigene Landschaft, die eigene Heimaterde, einpflanzen.“

Du hast Remixes erwähnt. Zeitgleich zum Release der Single ‚Wait For Me‘ ist ein Remix von Kristian Kamp mitveröffentlicht worden. Der hatte vorher auch schon eine Version von ‚Dark Water‘ veröffentlicht. Welche Verbindung gibt es da zwischen Euch?

Als ich mit Ólafur Arnalds auf Tour war arbeite ich mit Kristian zusammen. Er war ein Teil der Livebesetzung um Lisa Alma herum, sie ist eine dänische Künstlerin. Wir hatten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, einige Shows in den USA zusammen mit Ólafur Arnalds. Und weil ich in Dänemark aufgewachsen bin plauderten wir miteinander. Und ich mochte ihn. So entstand die Idee, dass er ein paar Songs remixen könnte. Also mixte er ‚Dark Water‘ und wollte noch einen anderen Song machen. Ich mag seine Sachen sehr, deshalb arbeiten wir mit ihm zusammen. Und der andere Mix ist von Tóti, unserem Gitarristen. Natürlich sollten wir unsere eigenen Songs auch remixen dürfen (lacht). Das wollten wir ausprobieren. Ich finde es toll, wenn Leute fremde Elemente nehmen und diese in ihre eigene Landschaft, die eigene Heimaterde, einpflanzen. So lernte ich Kristian kennen – zusammen touren. Er ist ein großartiger „Elektonikmusiker“.

‚Dirt Water‘ (Arnór beginnt zu lachen) ist ein besonderes Video zur Ankündigung der Teilnahme am Iceland Airwaves Festival letztes Jahr gewesen. Was ist die Geschichte hinter dieser netten Idee?

Das war eine Überraschung – wir hatten keine Ahnung, dass das passieren würde. Es waren Bowen Staines und andere, das haben wir in den Video Credits sicherlich alles aufgezählt. Die Freundin unseres Drummers Keli, Esther Þorvaldsdóttir, schauspielert in dem Video. Wir spielten auf diesem Fest, dessen Namen man mit „schmutziger Fußball“ übersetzen könnte. Und sie waren da um dieses Festival aufzuzeichnen, da wird Fußball im Matsch gespielt, und sie haben darin unser Video einfach nachspielten – damit wir es als Möglichkeit zur Ankündigung des Airwaves Festivals nutzen konnten. Das war urkomisch. Als sie uns das Video das erste Mal zeigten wusste ich überhaupt nicht was uns erwartete. Das war so lustig. Wir haben über die Jahre sehr viel mit Bowen Staines zusammengearbeitet, für Promosachen und Fotos etc.. Und Esther, die Freundin von Keli, ist so etwas wie ein Rückgrat. Sie hilft uns viel, z.B. wenn es um die Beantragung von Geldmitteln geht oder die Erledigung der ganzen Formalien, die für eine Band schon mal sehr schwierig sind. Also: Gute Freunde, die ein großartiges und lustiges Video gemacht haben, das wir dann für die Band nutzen durften.

Schöne Idee.

Urkomisch.

Kommen wir zum Thema Vinyl. „Destrier“ wurde, genauso wie „A Long Time Listening“, ebenfalls auf Schallplatte veröffentlicht. Für „A Long Time Listening“ gab es eine transparente Spezialversion. Wird es auch für „Destrier“ eine Sonderedition geben?

Ich habe keine Ahnung. Ich mag momentan das Aussehen der „Destrier“-Vinyl-Edition sehr gerne. Eine Sonderedition könnte es geben, wenn die anderen Schallplatten alle verkauft sind und wir Nachschub ordern müssen.

Aber das ist jetzt noch nicht geplant.

Nein, das ist noch nicht geplant. Wir sind sehr glücklich mit der aktuellen Version. Ich mag das einfache Schwarz. Als wir „A Long Time Listening“ außerhalb von Island veröffentlichten war es schön, dass wir dem Ganzen einen frischen Look verpassen konnten – transparent. Aber es gibt keine Pläne für eine Special-Edition von „Destrier“. Vielleicht sind aber die Chancen ganz gut, dass das später mal passiert.

Dann freue ich mich da schon drauf (lacht).

(lacht) Cool.

Wer von Euch besitzt denn einen Schallplattenspieler? Hast Du einen?

Ja, ich habe einen. Beziehungsweise ich hatte einen für circa einen Monat. (lacht) Und dann hatten wir den Sohn von der Schwester meiner Freundin zu Besuch – wir „babysitteten“ ihn. Ich war gerade damit beschäftigt im Wohnzimmer sauberzumachen, als ich diese seltsame Stille verspürte.

Oha…

Und ich drehte mich um, er stand in der Ecke, ganz still, und ich dachte „Was hast Du getan?“ (lacht).
Es stellte sich heraus, dass er die Nadel auf die Schallplatte drückte. Damit hatte er natürlich beides ruiniert. Bisher hatte ich kein großes Interesse daran die Nadel zu ersetzen, auch weil ich eigentlich angemessene richtig gute Lautsprecher bräuchte. Aber ich habe Angst davor mich in einen Schallplattenfreak zu verwandeln, früher war ich ein CD-Freak, und ich würde bankrottgehen, wenn ich mir jetzt alle meine Lieblingsalben auf Vinyl kaufen würde. Da gibt es rund 40 davon. Ich versuche mich da ruhig zu verhalten, aber ich verstehe die Liebe zur Schallplatte total, auch weil man das Artwork auf eine angemessene Weise vorliegen hat. CDs können einfach zu klein sein, aber das Artwork in der Größe einer Schallplatte ist einfach wunderschön.

Und es ist ja auch eine ganz andere Art die Musik zu hören – man nimmt sich Zeit um die Schallplatte zu wenden etc.. Und das ist natürlich etwas ganz anderes als wenn man einen MP3-Player bedient.

Exakt. Ja, die Konzentration ist einfach eine ganz andere wenn man Schallplatte hört. Unser Bassist (Vignir Rafn Hilmarsson) sammelt Schallplatten. Mit ihm müsstest Du reden, wenn es darum geht, er mag das sehr gerne. Aber das ist auch der Grund, weshalb er nie Geld hat. Und das will ich nicht auch so erleben.

„So etwas öffnet einfach viele Türen und half mir in den letzten Jahren von der Musik zu leben.“

Nun noch eine Frage zur Zukunft. Du hast mit Ólafur Arnalds zusammengearbeitet. Wie wichtig sind diese Projekte für Deine Weiterentwicklung als Künstler?

Wirklich wichtig. Als so viel Zeit in den Aufnahmen von „Destrier“ ging, war es sehr schön zwischendurch mit Ólafur auf Tour zu gehen. Das erfrischt und man entkommt seinen Routinen und ich kam mal aus dem raus, in das ich immer tiefer und tiefer hinein rutschte. In vielerlei Hinsicht hat mich Ólafur wirklich gerettet, vor allem mental. Für ihn bin ich nur ein Session-Musiker – ich muss mich nicht ums Setup sorgen etc.. Ich komme einfach auf die Bühne und singe die Songs und esse alles was es Backstage gibt – das ist eine sehr schöne Art zu touren. Und es war auch schön, weil, obwohl Agent Fresco innerhalb des „Genres“ viel mit unterschiedlichen Dynamiken und Intensitäten arbeitet, es für mich dennoch wichtig ist immer neue Herausforderungen zu suchen. Da ist es mal ganz schön eine komplett andere Art der Musik zu machen, sanft mit mehr Falsett oder flüsternd- das zu erleben und damit zu touren und andere Orte zu besuchen. Und es ist auch spannend, mal an der Musik für eine Fernsehserie zu arbeiten, „Broadchurch“ war mein erster Kontakt zum Schreiben für eine TV-Sendung, in diese Welt eingeführt zu werden, mit den Serien und Songs die in Filmen gespielt werden. Das hat mich dann auch zur Arbeit mit Yoko Kanno für „Terror in Resonance“, einer japanischen Anime-Serie, gebracht. So etwas öffnet einfach viele Türen und half mir in den letzten Jahren von der Musik zu leben. Finanziell gesehen werden alle Einkünfte von Agent Fresco quasi wieder reinvestiert für Touren, Aufnahmen und Equipment, damit können wir also momentan nicht wirklich Geld verdienen. Auch die anderen Jungs machen Kollaborationen mit anderen, das hilft Dir zu wachsen und die Dinge stärker wertzuschätzen die Du machst. Es ist einfach gesund aus den eigenen Routinen herauszukommen und eine neue Perspektive davon zu erhalten wie man einen Song schreibt, oder wie man auftritt, oder wie man als Bandmitglied ist. Für mich ist das wirklich wichtig.

Aber der Fokus bleibt bei Agent Fresco?

Der Fokus bleibt immer bei dem was ich gerade mache. Und im Moment ist das Agent Fresco, natürlich. Hier verschieben wir wirklich Grenzen. Bei den anderen Projekten bin ich auch ich selber, aber es geht da mehr um die Komfortzone. Die Arbeit mit Agent Fresco geht darüber hinaus – das ist nicht „der einfache Weg“, es ist die Herausforderung von uns als Musikern. Wir haben eine Europa-Tour für den November/Dezember geplant. Z.B. werden wir auf der Reeperbahn auftreten.

agent-fresco-klein

Und in Köln! Ich habe bereits meine Eintrittskarte.

Schön! Wir freuen uns da echt drüber und wir haben gerade für eine Tour in den USA unterschrieben, so dass wir nächstes Jahr auf Tour durch Nordamerika gehen. Da sind wir wirklich sehr engagiert – sonst wäre ich nicht in dieser Band. Und es wird sehr spannend werden, was als nächstes passieren wird. Die Leute hören unsere Musik, die Reviews sind bisher gut, da können wir nicht mehr verlangen. Jetzt ist es nur noch ein grausames Abwarten (lacht). Natürlich kann ich Interviews geben und Shows spielen. Aber bis dahin ist es noch eine Weile und wir wollen einfach raus mit der Musik. Bis jetzt ist es fantastisch, wir fühlen uns sehr gut und sind wirklich stolz darauf.

Habt Ihr einen Support für die Europa-Tour?

Nicht für die gesamte Tour, wir werden überall auf lokale Bands zurückgreifen. Natürlich würden wir gerne eine aufstrebende Band mitnehmen oder jemanden von außerhalb Islands, den wir gut finden, aber das ist in unserer Situation auch finanziell nicht möglich. Es macht einfach mit den lokalen Bands mehr Sinn.

Um mehr Publikum anzuziehen?

Ja. Und auch weil es Spaß macht. Man lernt viele anderen Bands kennen und viele andere Leute. Man weiß nie, ob man mit denen noch einmal zusammen spielen wird, für mich geht es da um die Gemeinschaft. Besonders in der Rock-Szene gibt es viel Liebe, es ist aufregend mit neuen Bands zu spielen, die tolle Sachen in der lokalen Szene machen. Ich habe gesehen, dass wir in Köln erneut mit Lake Cisco auftreten werden. Die hatten wir schon einmal als Support vor ca. 2-3 Jahren, und jetzt wird es aufregend sein, die Jungs wieder spielen zu hören. Und hoffentlich haben sie gutes neues Material dabei. Es ist immer schön neue, frische und wirklich hart arbeitende Bands zu sehen und das kann man erleben, wenn man mit lokalen Bands zusammenarbeitet. Die geben immer ihr Bestens und stellen sicher, dass sie ebenfalls Besucher für das Konzert werben. Jetzt müssen wir nur noch die Daumen drücken, dass wir nicht irgendwelche Idioten bekommen (lacht), irgendwelche doofen Bands. Nein, ich vertraue da unserer Booking-Agentur und den Veranstaltern. Ich freue mich da wirklich drauf.

Wir uns auch! Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen und für diesen sehr persönlichen Einblick in „die dunklen Tage von Agent Fresco“!

Surftipps:
Homepage
Wikipedia
Review zu „Destrier“
Bandcamp
Facebook
Twitter
Flickr
YouTube
Video zu ‚Dark Water‘
Video zu ‚See Hell‘
Video zu ‚Wait For Me‘
Video zu ‚Dirt Water‘
Arnarson @ Facebook
Arnarson @ YouTube

Teilen.

Über den Autor

Annika Dormeyer

Das Leben ist komplex!

Antworten

Arnór Dan Arnarson, Agent Fresco, zu „Destrier“…

von Annika Dormeyer Artikel-Lesezeit: ca. 30 min
0