The Church – Further/Deeper

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Further/Deeper(01:19:30, CD/Vinyl, Unorthodox Records/Rough Trade, 2015)
Wie durch einen Nebelschleier, unwirklich und hypnotisch dringt ‚Vanishing Man‘, der Opener von „Further/Deeper“, des mittlererweile 24. Studio-Albums von The Church aus den Lautsprecherboxen. Möglicherweise ist der Titel eine Anspielung auf den kürzlich ausgeschiedenen Gitarristen Marty Willson-Piper, der die Band zwar nicht offiziell verlassen hat, aber alle Versuche der Kontaktaufnahme seitens seiner Kollegen ignoriert hat, als es daran ging, den Nachfolger des 2009er Albums „Untitled #23“ aufzunehmen. Diesen Posten übernimmt jetzt Ian Haug (Powderfinger). In Fankreisen gab es diesbezüglich zunächst eine weit verbreitete Skepsis, da Willson-Pipers Spiel vielfach als unersetzlich für den Sound der Band galt. Bandboss Steve Kilbey lies sich daraufhin zu folgender verärgerten Äusserung hinreißen: „… if you cant dig it I’m sorry. this is my fucking band after all and it has existed at times without Peter and in the beginning without Marty. And for times in between while he went AWOL.“

Zurück zum Album, wird bereits nach wenigen Takten klar, dass „Further/Deeper“ auch ohne MWP wohl keinen Fan enttäuschen wird. Ganz im Gegenteil, die integralen Trademarks, wie etwa der weite, epische und psychedelische Sound sind so präsent wie lange nicht mehr. Kilbeys Bass wummert wie in besten Zeiten durch Space-Rocker wie ‚Delirious‘ oder ‚Globe Spinning‘ und es gelingen so wunderbar aus der Zeit gefallene Hippie-Balladen wie ‚Laurel Canyon‚ und ‚Old Coast Road‘. Die Gitarren von Ian Haug und Peter Koppes baden genüsslich in einem Meer aus Reverb, Delay und Echo und klingen dabei so vertraut wie eh und je. Im abschließenden ‚Miami‘ werden Erinnerungen an Songs wie ‚Destination‘ und ‚Hotel Womb‘ vom epochalen Meisterwerk „Starfish“ aus dem Jahr 1988 wach. Dem Jahr also, als die Band kurz die Höhenluft eines weltweiten Erfolgs schnuppern durfte. 28 Jahre später sind Kilbey & Co. noch immer vital, relevant, unangepasst, verschroben und eben präsent, was einem großen Respekt vor dieser Formation abverlangt.

Bleibt die Frage: Wie progressiv sind The Church?
Sicher hat die Musik der Australier wenig mit Bands wie Yes, Genesis oder etwa King Crimson gemein. Vertrackte Komposition, Rhythmuswechsel und Longtracks sind in der Diskographie von The Church Mangelware. Da sind aber der Klangkosmos, der Trip, die abstrakte Lyrik, die durchaus auch Schwergewichte wie Steven Wilson inspiriert haben könnten.  Möglicherweise sind sie auch viel mehr ein Vorreiter des PostRocks, als ihnen allgemein zugestanden wird. Letztlich bleibt es eine Frage der Definition. Auffällig ist jedoch, dass The Church bislang in deutschsprachigen Prog-Magazinen und auf den üblich verdächtigen Webseiten praktisch nicht stattfand. Damit ist jetzt Schluss! 🙂

„Further/Deeper“ ist im Übrigen bereits Anfang 2015 in Australien und Nordamerika erschienen. Die kürzlich veröffentlichte europäische Version enthält drei Bonusstücke, die allerdings das Niveau des Albums nicht ganz halten können. Der Veröffentlichungstermin der Vinyl-Ausgabe wurde inzwischen auf den 10. Juli verschoben, vermutlich weil die Presswerke und Druckereien unter der Flut von Mainstream-Wiederveröffentlichungen (u. a. auch mit Reißverschluss) restlos ausgelastet sind.
Bewertung 12/15 (DH 12, KR 11)

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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The Church – Further/Deeper

von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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