Scott Henderson Trio, 20.04., Duisburg, Grammatikoff

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Beam me up, Scott!


Manchmal stimmt einfach alles: ein lauer Frühlingsabend, das Dream Team ist im tiefschwarzen Betreuungsmobil staufrei unterwegs, Duisburg entpuppt sich als ein einziges (Baum-)Blütenmeer, das erstmals aufgesuchte Grammatikoff als prächtiger Altbau mit – aktuell sogar noch wichtiger – einem vorgeschalteten Außenareal mit einladenden Biergartenbänken und leckerer Karte, es gibt dank den Profis bei Maximum Booking auch keinerlei Gehampel an der Gästeliste – und dann dieses Konzert..!
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Das Scott Henderson Trio hat zwar mit „Vibe Station“ ein (uns noch nicht vorliegendes) knackfrisches Album am Start, diese Tour stand aber noch überwiegend unter dem Motto des Vorläufers „Well To The Bone“. Vorab: Scott (Gitarre; Tribal Tech, Chick Corea’s Elektric Band, Vital Tech Tones; Tourgitarrist bzw. Live-Partner für u.a. Joe Zawinul, Jean-Luc Ponty, Dennis Chambers oder Jeff Berlin) zählt der Rezensent in die Klasse der Top 10-Gitarristen weltweit, wo er die gleiche Höhenluft wie beispielsweise Jeff Beck oder Mattias IA Eklundh atmet. Das Trio besteht weiter aus Travis Carlton (Bass), übrigens Sohn von „335“-Edelgitarrist Larry Carlton, sowie Alan Hertz (Drums; u.a. Michael Lee Firkins, Garaj Mahal, Jack Blades).

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Ein glänzend aufgelegter Scott führt das Publikum mit „In den Staaten ist heute Stoner Day – we’re all stoned“ in den Konzertabend ein und begrüßt sodann freundlich den FOH-Soundmenschen. Der hohe, mit einer heute nicht genutzten Empore versehene Raum ist u.a. von Kerzen illuminiert! Was außerdem noch gleich zu Beginn flashed, ist Scotts mintgrüne Strat – eine wahre Augenmastweide, genau wie sein Amp, der im Vergleich zu dem, was Kollegen nutzen, nicht viel größer als ein Fisherman’s Friend-Drop wirkt – und der Sound, den Travis aus seinem Fünfsaiter holt: klar definiert und doch wie ein Tritt in den Magen. Auffallend ist auch, dass Scott mit Wah und gerade mal vier „Tretminen“ ein vergleichsweise schmales Effekt-Board vor sich hat und auch von Travis hört man in der Hinsicht nicht viel mehr als gelegentlichen Flanger und viel Sahne-Distortion. ‚Sphinx‘ beginnt mit einem trügerisch simplen Rock-Riff, um dann natürlich sogleich rhythmisch unglaublich vertrackt „auszuarten“, bis Alan und Travis die Ausbrüche wieder in einen marschierenden Groove einfangen.

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An ‚Calhoun‘ begeistern einmal mehr Scotts Phrasierungen, bei denen er in wirklich rasendem Tempo einzelne Wendungen voll ausspielt und andere bewusst nur andeutet – so entsteht der Eindruck einer erregten menschlichen Stimme – ganz ohne Talkbox. Für das wahnwitzige Bass-Solo verlassen die anderen die Bühne und beim Schlagzeugsolo zeigt sich sogar der diesbezüglich nicht leicht zu beeindruckende Tobi verblüfft. Beim als Zugabe spendierten Boogie ‚Dolemite‘ begeistert das Trio mit halsbrecherischen Generalpausen – viel besser geht’s im Bereich BluesRock meets Jazz meets Funk wohl nicht mehr…

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Apropos: Gleich am Abend drauf gab’s Simon Phillips‘ Protocol II in der Homezone der Bonner Harmonie. Im Stundenabstand zweimal JazzRock & Co. – da schien sich ein Vergleich aufzudrängen. Der haut aber irgendwie doch nicht hin: Beides waren Meisterklasse-Konzerte von weltweit führenden Virtuosen. Aber beispielsweise Simon’s Gitarrist Andy Timmons spielt unglaublich melodiebetont, ja fast gesanglich, während Scott mit mitsingbaren Melodien meist keinerlei Verträge hat. Dennoch ist er imho der nochmals beeindruckendere Instrumentalist.

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Setlist:
All Blues
Sphinx
Calhoun
Black Market
Vibe Station
Festival (Bass- u. Schlagzeug-Solo)
„D6“

Dolemite

Surftipps:
Homepage von Scott Henderson
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Alan Hertz @ allmusic.com
Scott Henderson @ FB (unofficial)
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Scott Henderson Trion ‚Dolemite‘ (live, YouTube)
Wikipedia
20.04. = „Weed Day“ @ Wikipedia

Fotos: Tobias Berk

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Über den Autor

Klaus Reckert

„everything happy, and progressive, and occupied“
K. Grahame, The Wind In The Willows

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Scott Henderson Trio, 20.04., Duisburg, Grammatikoff

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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