O.R.k., Lifesigns, 10.03.19, Köln, Kantine

O.R.k.anböen


O.R.k. live in DortmundWenn das Vorjahreskonzert einer Band so mal eben das Zweitschönste des ganzen Jahres war, so schürt das eine gewisse Erwartungshaltung. Darum auch konnte weder ein (leicht) verzögertes Warmwerden mit dem aktuellen Album noch die obwaltende Unwetterwarnung im Raum Köln/Bonn wg. Orkanböen (!) unsere Vorfreude auf dieses besondere Konzert dämpfen.

Allerdings haben die Warnungen laut Aussage des Veranstalters etliche Käufer von Vorverkaufs-Tickets (und stark vermutlich auch etliche Aspiranten auf die Abendkasse) davon abgehalten, sich auf die Reise zu begeben – jammerschade. Wegen eines (so informativen wie netten – Text folgt schnellstmöglich) Interviews waren wir mal wirklich früh vor Ort. Und konnten das tatsächlich nur tröpfchenweise Eintreffen der Fans ebenso ungestört genießen wie die wirklich absolut grauenerregende “Einheiz”-Musik, sämtlich Geronto-Rock von Cher bis Joe Cocker. Aber auch Songs von Cutting Crew und Mister Mister schallten aus den Boxen, was nicht von ungefähr passierte, waren doch Lifesigns-Drummer Martin “Frosty” Beedle sowie O.R.k.-Drummer Pat Mastelotto im früheren Leben in just diesen Bands aktiv. Apropos ältere Semester: Es fällt schwer, sich an ein Konzert zu erinnern, bei dem einerseits so viele aktive oder gewesene Betreuer anwesend waren: WE, AG, AI, JM, SP, KR, HR, TR, JW (und ein gefühltes Viertel der anderen Anwesenden kannte man auch irgendwie – nette Menschen von der Band Karibow, vom WDR bzw. (Ex-) Mr. Music oder von Prog im Pott beispielsweise. Und an ein Konzert, bei dem andererseits die Interessenlagen so unterschiedlich verteilt waren.

Was uns zur ersten Band des Abends dieser “Double Headliner Tour” bringt. Denn das waren Lifesigns, auch wenn der Tourmanager sie uns (im Vorfeld besagten Backstage-Gespräches) als Headliner verkaufen wollte.

Fakt ist, dass John Youngs Band eine Bande von Sympathen ist, die unter unseren Redakteuren auch zahlreiche Fans besitzt. Vertretbar ist aber auch, dass die Musik ungemein gefällig, bisweilen AOR-mäßig und in einigen Momenten auch nahezu süßlich erlebt werden kann.

Los ging es mit dem schon sehr hymnischen ‘Open Skies’, gefolgt von ‘N’ und ‘Different’ bei dem ein wahrhaft Camel-mäßiges Solo von Dave Bainbridge (u.a. Iona) schlagartig etwaigen Zuckerüberschuss durch Melodie und Feeling ersetzte, ein Effekt der sich auch bei ‘At The End Of The World’ und (glaubt das federführende Schreibluder zumindest) ‘Carousel’ fortsetzte. Der Anfang von ‘Loh’ rief Assoziationen von sowohl Yes wie “Tubular Bells” hervor, es hätte also erheblich schlimmer kommen können. Wie überhaupt beim ganzen Konzert: Fröhliche bis glückliche Gesichter beim Großteil der anwesenden ReakteurInnen.

Genau wie beim Autor, sollte es doch jetzt nach kurzer Umbaupause (u.a. beide Drumkits waren vom Start weg aufgebaut – was neben den sich so leider nicht in Besuchern realisierenden VVK-Zahlen ein weiterer Grund gewesen war, nicht aus der vergleichsweise großen Kantine in den Yard Club zu wechseln) nach dem mädchentauglichen MeloProg mit O.R.k. weitergehen.

Leider überstanden Teile des Publikums – darunter auch einige Betreuer – diesen durchaus erwartbaren Kulturschock nicht gut. Und suchten ihr Heil in der Flucht. Endlos schade, denn letztlich handelt es sich hier nicht nur um ein faszinierend, aber künstlich zusammen-gecastetes Supergroup-Projekt. Sondern mehr als alles andere um eine großartige, leidenschaftlich und ohne Ende virtuos zusammen spielende Live-Band.

‘Funfair’ vom bislang wohl stärksten Album “Inflamed Rides” eröffnete nach einem ausgesprochen coolen Intro mit Samples aus deutschen Rezensionen zu O.R.k. mit Lorenzo Esposito Fornasaris (a.k.a. LEF) imponierenden Western-Soundtrack-Whistles und Carmelo Pipitones Heavy Metal-Sperrfeuer an der Rhythmusgitarre den zugegeben lauten, aber immer noch differenziert erlebbaren Vergnügungs-Rummel. ‘Signals Erased’ führte das erst seit zwei Wochen veröffentlichte, deutlich düsterere und auch heftigere Material ein, inklusive Rappen in tiefer Stimmlage von LEF.

Vom immerhin amtierenden King Crimson-Schlagzeuger Pat Mastelotto anmoderiert erlebten wir nun die aktuelle Single ‘Kneel To Nothing’, also die O.R.k.-Version von zugänglich, mitsing- und –tanzbar: großartig! Und abermals ist das ungemein körperliches Spiel des Schlagzeugers eines der Highlights des in dieser Hinsicht allerdings reich bestückten Konzerts. Auch LEFs mühelos von tiefen bis in allerhöchste Lagen gleitender Vortrag ist unnachahmlich. Colins ultracooles Gebasse ja sowieso. Und es war auch erhebend, sich in vorderster Reihe ganz genau anzuschauen, wie virtuos Carmelo nach beispielsweise wüstesten Tapping-Exzessen seine Gitarren (sogar die Akustische!) beim Spielen verstimmt. Ganz bewusst und sehr gekonnt, für Effekte, für die alle sonst außer Jeff Beck mindestens einen Whammy Bar brauchen.

‘Black Blooms’ wird auf Platte von System of a Downs Serj Tankian gesungen. Da er wie Pat scherzte, einen Flieger verpasst hat, musste es heute LEF richten – und tat dies ganz wunderbar. Das Bowie-Cover ‘Im Afraid Of Americans’ moderierte Pat diesmal wie folgt an: “It is getting weirder and weirder where I live. The president needs a war. And he’s gonna get it”.

Doch am Ende, bei der ersten und einzigen Zugabe, wird doch wieder alles gut: (“Come on Baby light my”) ‘Pyre’. Was LEF hier im wortlosen Gesang in der Coda veranstaltet, ist seine Version von ‘The Great Gig In The Sky’! Und genau das haben die “Order of Random knights” (das könnte der Bandname laut Colins freundlicher Auskunft aktuell bedeuten) an diesem stürmischen Abend in Köln abgeliefert.

O.R.k. Köln, 03/19; Foto: André Wilms

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Review “Ramagehead” (2019)
Konzertbericht O.R.k. (und LiZzard), 22.01.18, Dortmund, Piano
Setlist vom 05.03.19
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Review “Cardington” (2017)
Lifesigns Setlist vom 08.03.19
Fotos vom Konzert

Live-Fotos: Andrew Ilms