Kanaan - Kanaan

Vintage • Jam Rock • Stoner • Psych • Instrumental
(44:21; Vinyl, CD, Digital; Jansen Records; 16.10.2026)

“Kanaan” in der Doppelbetreuung

Teil 1: Rajko Baers
Zum zehnjährigen erscheint die zehnte Rille, dies kann man feiern. Die Norweger sind kreativ, fleißig und stets hochwertig mit ihren Retro-Jams, klingen oftmals wie im ersten Take, gleichzeitig sehr ausformuliert und so weiß auch diese selbstbetitelte Platte auf knapp einer Dreiviertelstunde mit vier Songs all das zu untermauern, wofür die Vintage-Junkies stehen.

Mit wildem Fuzz – organisch und rau – empfängt einen das Album – alles klingt maximal roh, energetisch, wild, wie direkt aus dem Proberaum auf Platte gepresst. So geht’s bis zum dritten Track ‘Ouroboros’, bei dem die Jungs zeigen, wie durchkomponiert, melodisch und strukturiert hier alle wertigen Stärken und Einflüsse der Norweger auf den Punkt musizieren dürfen.

Wunderschöne akustische Gitarren, eine feierliche Prog-Rock-Melodik, die an die frühen elegischen 70er wie Camel oder die balladesken Opeth erinnert, baut sich langsam, herbstlich-melancholisch auf, man nimmt sich die angemessene Zeit, um die Stimmung auf den Hörer zu übertragen. Irgendwann schichtet man mit Fuzz-/Stoner-Riffs doomigen Ballast hinzu, breitet den Teppich gehörig aus und drückt aufs Gewicht. Das geht eine Weile so – majestätischer Retro-Psych-Rock vom Feinsten – bis man artgerecht wieder ins feingliedrige Anfangsthema zurückkehrt und sanft ausfädelt. So gefällt mir das und hier zeigen die Musiker ihr Handwerk im Kompositorischen, lassen Kontraste zum eher wilden Jam-Einstieg blitzen.

Der Schlusstrack ‘The Wonderer (Part I-V)’ ist mit über 21 Minuten die volle Ladung Kanaan. Hier bleibt kein Auge trocken, kein Versprechen unaufgelöst und Dramatik, Prog, Psychedelic und Vintage Rock feiern gemeinsam ihre heilige Allianz. Die Norweger sind konsequent stark in ihren Jams, ich freue mich über jedes neue Release und kann diese Selbstbetitelte für Freunde der Sparte ohne Wimpernzucken weiterempfehlen.
Bewertung: 12/15 Punkten

Teil 2: Carsten Agthe
Bei seinem zehnten (!) Album kann man sich schon einmal den Luxus erlauben, dieses nach der Band selbst zu benennen. Genügend Vorarbeit hat man ja an dieser Stelle schon geleistet. Nun ist “Kanaan” durchaus ein Album der Steigerungen. Sowohl in Form als auch Habitus. Mit dem durchaus kurzweiligen, weil eben auch mit knapp drei Minuten recht kurzen ‘P1800’ groovt sich das Trio aus Oslo lässig ins Geschehen, da es in den kommenden 40 Minuten noch viel zu bieten hat.

Schon im siebenminütigen ‘Silver Cloud Blues’ werden alle Komponenten, nämlich Suspense, Intensität, Improvisationsfreudigkeit und Heavyness, nicht unerheblich angezogen. Mit orgiastischen Steilvorlagen in Richtung Jamrock wird hier erst einmal ein Peak erklommen, der mit nachfolgendem ‘Ouroboros’ (13:41) ein wenig bedächtiger, aber nicht weniger intensiv fortgeführt wird, wobei die Grundtendenz ins Hypnotische abdriftet.

‘The Wonderer (Part I-V)’ jammt sich letztendlich seitenfüllend durch die Universen des Prog-, Stoner- und Psychedelic-Rocks und zitiert hierbei mächtig und ausgiebig aus den Annalen eben dieser. Und die freudentaumelnde Selbstvergessenheit, die Kanaan hier an den Tag legen, schwappt hierbei ungefiltert auch auf die Hörer über.
Bewertung: 12/15 Punkten


Besetzung:
• Ask Vatn Strøm – electric and acoustic guitars
• Eskild Mørtl Myrvoll – bass, synthesizers, Mellotron, additional guitars, no-input mixer
• Ingvald Vassbø – drums, percussion

Surftipps:
• Bandcamp
• YouTube
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews

Abbildungen: Kanaan/Bandcamp