Port Noir - The Dark We Keep

Port Noir - The Dark We Keep (InsideOut Music/Sony Music, 15.05.2026)
Alternative Metal • Progressive Metal • Djent Dark Pop • Electronic Rock
(49:13; Vinyl, CD, Digital; InsideOut Music/Sony Music; 15.05.2026)
Port Noir machen es einem inzwischen wirklich leicht, sie entweder in die „früher war mehr Prog“-Schublade zu stecken oder direkt in die „modernes Alternative-Streamingprodukt mit dunklem Eyeliner“ abzuräumen. Beides greift zu kurz. Aber beides steht irgendwo im Raum, während „The Dark We Keep“ läuft und sich weigert, eindeutig zu werden.

Denn was hier auffällt: Die Band geht nicht einfach „weiter“, sie geht auch nicht wirklich „vorwärts“ im klassischen Sinne. „The Dark We Keep“ fühlt sich in Teilen eher wie ein bewusster Schritt zurück an – in Richtung der frühen Alben „Puls“ und „Any Way The Wind Carries“. Nur eben ohne deren damalige Unschuld im Sounddesign.

Die große Experimentierfreude, die „The New Routine“ noch als leicht schräger, stilistisch offener Befreiungsschlag getragen hat, ist hier kaum noch vorhanden. Schon auf „Cuts“ hatte sich das angekündigt, aber auf dem neuen Album ist sie endgültig nur noch als Erinnerung im Hintergrund aktiv. Hip-Hop-Anflüge oder Rap-Elemente? Quasi verschwunden. R&B-Einschläge? Deutlich zurückgefahren. Stattdessen dominiert ein klar fokussierter, dunkler Alternative- und Modern-Prog-Rahmen, der sich stärker auf Atmosphäre und Groove verlässt als auf stilistische Reibung.

Der Minimalismus, der „The New Routine“ noch so reizvoll offen und manchmal fast unberechenbar gemacht hat, ist auf „The Dark We Keep“ einem deutlich dichter gewobenen Sounddesign gewichen. Statt luftiger Brüche und einzelner stilistischer Kanten setzt die Band jetzt stärker auf Verdichtung: Schichten über Schichten, Atmosphäre über Atmosphäre, bis sich alles zu diesem typischen Zustand verbindet, in dem einzelne Elemente weniger isoliert wahrnehmbar sind, sondern eher als Teil eines geschlossenen Systems funktionieren.

Und trotzdem: Das ist kein Verlust im Sinne von „Band wird kleiner“, sondern eher eine Verschiebung der Prioritäten. Electronica bleibt weiterhin ein tragender Bestandteil, genau wie dieses typische Port-Noir-Gespür für süße, fast schon gefährlich eingängige Melodien. Nur wird das hier nicht mehr ständig gebrochen oder konterkariert. Es wird eher ausgespielt, glattgezogen und in eine durchgehende Stimmung eingebettet.

Diese Stimmung ist klar dunkler als auf den Vorgängern. Gleichzeitig hat das Album aber etwas paradox Wohlfühlendes – eine Art kontrollierte Nachtwärme, die sich durch alle Songs zieht. Port Noir haben die Härte dabei tatsächlich angezogen: Es „djentet“ an einigen Stellen mehr, ohne dass sie jemals wirklich in klassische Metal-Übertreibung kippen würden. Die Schwere entsteht weiterhin über Druck, nicht über Riff-Dominanz.

Teapot of the Week
„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW20/2026

Der vielleicht größte Unterschied zu „The New Routine“: Die einzelnen Songs stehen weniger als individuelle Ereignisse im Raum. Damals gab es noch mehr markante Peaks, stilistische Brüche, diese kleinen Irritationen, die jedes Stück eigenständig gemacht haben. Auf „The Dark We Keep“ dagegen greift alles stärker ineinander, ähnlich wie auf den ersten Alben der Band. Das Album funktioniert weniger als Sammlung von Tracks, sondern als zusammenhängender Flusszustand.

Das passt auch zu den lyrischen Themen, die sich durchziehen: emotionale Abnutzung, Entfremdung, Beziehungsschleifen, innere Müdigkeit, Kontrolle im Autopilot-Modus. Schon der Opener ‚Complicated‘ setzt mit seinen mantraartigen Wiederholungen („buried deep, buried deep“) genau diesen Ton: keine Entwicklung, sondern Kreislauf. Kein Abschluss, sondern Wiederkehr.

Und genau darin liegt die eigentliche Stärke der Platte – auch wenn sie gleichzeitig ihr größter Unterschied zu früheren Port-Noir-Alben ist: „The Dark We Keep“ lebt nicht von einzelnen Momenten, sondern von seinem durchgehenden Zustand. Kein Song muss hier zwingend herausstechen, weil das Album selbst der eigentliche Song geworden ist.
Bewertung: 12/15 Punkten



Port Noir - The Dark We Keep (InsideOut Music/Sony Music, 15.05.2026)

Besetzung:
Love Andersson – Lead Vocalist, Bass Guitar, Guitar, Keyboards, Piano
Andreas Wiberg – Drums
Andreas Hollstrand – Guitar, Background Vocal, Keyboards, Piano

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.