As Everything Unfolds - Did You Ask To Be Set Free?

(Century Media Records/Sony Music, 10.04.2026)

Alternative Metal • Post Hardcore • Metalcore • Electronic Rock
(41:24; Vinyl, CD, Digital; Century Media/Sony Music; 10.04.2026)
Als As Everything Unfolds 2021 mit ihrem Debüt „Within Each Lies The Other“ aufschlugen, wirkte das noch wie eine jener seltenen modernen Post-Hardcore-Bands, die trotz Pop-Appeal tatsächlich so etwas wie Persönlichkeit besaßen. Zwischen Core-Gebretter, emotionalem Überschwang und eingängigen Hooks steckte damals nämlich überraschend viel Herzblut. Danach verlor ich die Briten allerdings irgendwo zwischen Pandemie, Festival-Lineups und ungefähr 14.000 anderen Bands, die „Genregrenzen sprengen“ wollten und dabei klangen wie Spotify-Algorithmen mit Breakdown-Abteilung.

Nun also Album Nummer drei. Erstes Werk für Century Media. Neues Kapitel. Neue Ära. Neues Buzzword-Bingo. Und natürlich „ignorieren As Everything Unfolds weiterhin konsequent traditionelle Genregrenzen“. Das muss man heutzutage vermutlich bereits unterschreiben, bevor man überhaupt einen modernen Alternative-Metal-Release veröffentlichen darf.

Doch hinter all dem Promo-Vokabular steckt diesmal tatsächlich ein Album mit echtem emotionalem Gewicht. „Did You Ask To Be Set Free?“ entstand nach dem tragischen Tod von Schlagzeuger Jamie Gowers und verarbeitet Trauer, Überforderung, Burnout, Realitätsflucht und Identitätsverlust mit einer Ehrlichkeit, die man im heutigen Hochglanz-Alternative-Core-Zirkus nicht mehr allzu oft findet.

Musikalisch bewegen sich As Everything Unfolds inzwischen endgültig weg vom klassischen Post Hardcore und hinein in jene hypermoderne Schnittmenge aus Alternative Metal, Electronic Rock, Industrial-Flächen und stadiontauglicher Emotionalität, die irgendwo zwischen Bring Me The Horizon, Spiritbox und dem Soundtrack eines dystopischen Netflix-Anime existiert. Und ja, manches davon klingt so geschniegelt, dass man beinahe erwartet, gleich noch einen Energydrink-Gutschein eingeblendet zu bekommen.

Songs wie ‚Set In Flow‘, ‚Gasoline‘ oder ‚Point Of View‘ verbinden massive Hooks mit einer unterschwelligen Nervosität, die das Album davor bewahrt, komplett in algorithmusoptimierter Festival-Massenware zu versinken. Besonders Charlie Rolfe trägt die Platte dabei mit beeindruckender Präsenz zwischen verletzlicher Melancholie, wütender Katharsis und radiotauglicher Eingängigkeit. Gleichzeitig merkt man dem Album aber auch an, wie stark inzwischen auf maximalen Effekt produziert wird. Fette Gitarren, elektronische Texturen, große Refrains, Breakdowns – alles sitzt an seinem Platz. Manchmal vielleicht ein bisschen zu perfekt.

Auch textlich ist „Did You Ask To Be Set Free?“ stärker, als es die üblichen „wir waren diesmal noch persönlicher“-Presseinfos zunächst vermuten lassen. Immer wieder kreist das Album um die Frage, ob Eskapismus Rettung oder Falle ist. Um Identitäten, die zerfallen. Um Menschen, die funktionieren sollen, obwohl innerlich längst alles kollabiert. Selbst das Replikantenmotiv von ‚Set In Flow‘ wirkt dabei weniger wie billige Cyberpunk-Deko, sondern eher wie eine Metapher für Entfremdung, Selbstverlust und die verzweifelte Suche nach Individualität in einer Welt voller Kopien.

Natürlich bleibt das hier weiterhin Musik für Menschen, die gleichzeitig Wacken, TikTok, Therapie-Memes und futuristische Neonästhetik konsumieren. Und immerhin eine recht gut gemachte.

Denn genau darin liegt die Stärke, aber auch die Schwäche von As Everything Unfolds: Sie schaffen es trotz aller modernen Hochglanzproduktion immer wieder, echte emotionale Verwundbarkeit durchscheinen zu lassen. Nur wird diese zunehmend von einer Produktion überlagert, die offenbar nichts dem Zufall überlassen möchte. Das ist professionell, eingängig und emotional durchaus packend – aber eben auch ein Stück weit austauschbar.

Für den ganz großen Wurf fehlt mir deshalb mittlerweile etwas mehr Ecken und Kanten. „Did You Ask To Be Set Free?“ ist ein gutes, stellenweise sogar starkes modernes Alternative-Metal-Album. Aber die Persönlichkeit des Debüts blitzt inzwischen eher auf, als dass sie dauerhaft den Ton angibt.
Bewertung: 10/15 Punkten


(Century Media Records/Sony Music, 10.04.2026)
Credit: Zak Pinchin

Besetzung:
Charlie Rolfe – Gesang
Adam Kerr – Gitarre
George Hunt – Bass
Jon Cassidy – Synthesizer, Programming

Gastmusiker:
Dani Winter-Bates – Gesang (‚What You Wanted‘)

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.