Bruce Soord - Ghosts In The Park

Bruce Soord - Ghosts In The Park (Kscope/Edel, 15.05.2026)
Progressive Rock • Singer/Songwriter
(42:39; Vinyl, CD, Earbook (3CD+Blu-ray), Digital; Kscope/Edel; 15.05.2026)
Es gibt Künstler, die irgendwann anfangen, ihre eigenen Schatten zu kuratieren. Und dann gibt es Bruce Soord, der diese Schatten inzwischen in Dolby Atmos exportiert und mit 16-seitigem Booklet versieht. „Ghosts In The Park“ ist dabei sein bislang konsequentester Versuch, das Persönlichste überhaupt in eine Form zu pressen, die gleichzeitig intim, global, audiophil und vermutlich auch noch in fünf verschiedenen Vinylfarben erhältlich sein muss.

Man muss Soord zugutehalten: Das hier ist kein leicht verdauliches „Singer/Songwriter-Album mit bisschen Prog-Glanz“, sondern ein sehr bewusst gebautes Erinnerungsarchiv. Entstanden zwischen Hotelzimmern in Hamburg, Chile, Oberhausen und wahrscheinlich dem akustisch gut isolierten Teil des eigenen Bewusstseins, trägt dieses Album seine Biografie wie eine offene Wunde – nur eben eine, die vorher noch kurz gemastert wurde.

Thematisch ist das alles ernst, sehr ernst sogar. Verlust des Vaters, die fortschreitende Alzheimer-Erkrankung der Mutter, dazu dieses permanente Unterwegssein im Tourmodus mit The Pineapple Thief – also genau dieser Zustand, in dem das Leben passiert, während man selbst eigentlich gerade „zwischen zwei Flughäfen emotional verarbeitet“. „Grief in motion“, heißt es im Pressetext, und selten klang ein PR-Begriff so sehr nach einer hervorragend vermarktbaren Krise.

Musikalisch ist „Ghosts In The Park“ fast demonstrativ reduziert. Akustikgitarre im Zentrum, First-Take-Ästhetik, fragile Hotelzimmermomente, die später in Studioarrangements überführt werden, als hätte jemand gesagt: „Das klingt noch zu echt, da müssen wir noch Kontrolle drüberlegen“. Genau diese Spannung aus Rohheit und Nachbearbeitung ist auch der eigentliche Kern des Albums – nicht die Songs selbst, sondern ihr ständiger Versuch, sich selbst nicht zu verlieren.

Und diesmal ist dieser Ansatz tatsächlich radikaler als zuvor. Im Gegensatz zu „Luminescence“, bei dem noch sechs Gastmusiker beteiligt waren, handelt es sich hier um ein echtes Soloalbum im engeren Sinne – mit nur punktuellen Ausnahmen wie Jon Sykes am Bass auf ‚Kept Me Thinking‘ und Steve Kitch im Mastering. Selbst auf dem persönlichsten Material bleibt also noch ein minimaler Kreis vertrauter Hände aus dem Umfeld von The Pineapple Thief im Spiel. Ganz allein ist Soord also auch hier nicht, aber deutlich näher dran als zuletzt.

Und genau das scheint ihm gutzutun – zumindest besser als der etwas „kollektivere“ Ansatz von „Luminescence“. Denn so sehr dort die Arrangements glänzten, so sehr wirkt „Ghosts In The Park“ jetzt fokussierter, unmittelbarer und auch weniger abgelenkt von zusätzlicher musikalischer Kommentierung. Oder einfacher gesagt: Mir selbst gefällt dieser reduzierte, stärker solistische Ansatz ertwas besser als der von „Luminescence“, weil er die Fragilität der Songs konsequenter durchzieht, statt sie durch zusätzliche Perspektiven zu polieren.

Die Kehrseite dieses Ansatzes zeigt sich allerdings in der Struktur der Stücke: Die meisten Songs sind recht kurz gehalten, manche, wie etwa ‚Pillars‘, enden beinahe abrupt, als hätte jemand mitten im Satz das Licht ausgeschaltet. Diese Fragmentierung passt zwar zum Tagebuchcharakter des Albums, sorgt aber auch dafür, dass sich nicht jeder Moment wirklich ausatmen kann.

Und dann ist da dieser eine Gegenpol: der fast 13-minütige Titeltrack ‚Ghosts In The Park‘. Ein Stück, das eigentlich nach Überlänge klingt, sich aber erstaunlich organisch anfühlt, weil es selbst ständig wieder verschwindet. Unterbrochen von Stillen, Pausen, Atemräumen – weniger ein klassischer Longtrack als ein wiederkehrendes Auftauchen und Verschwinden von Erinnerung. Genau hier wirkt das Album am freiesten, am wenigsten kontrolliert und damit am stärksten.

‚Kept Me Thinking‘ wiederum schlägt eine andere Richtung ein: Mit Jon Sykes am Bass klingt das Stück sofort wie ein direkter Rückgriff auf frühere Stadien von The Pineapple Thief. Und das ist kein Zufall, sondern eher eine Erinnerung daran, dass diese Band in ihren Anfangsjahren ohnehin fast wie ein Solo-Projekt von Bruce Soord funktionierte. Entsprechend vertraut wirkt dieser Moment – nicht nostalgisch im engen Sinn, sondern eher wie ein Wiederaufblitzen eines bekannten Musters.

Und dann ist da natürlich diese Stimme von Bruce Soord, die seit Jahren zwischen emotionaler Direktheit und vorsichtiger Selbstzensur pendelt. Schon auf „Luminescence“ war das die große Frage: Wie viel bleibt hängen, wenn alles so kontrolliert erzählt wird? Hier beantwortet Soord sie nicht wirklich anders, nur konsequenter. Die Melodien wirken weniger aufdringlich als vielmehr wie Erinnerungen, die sich erst nach dem dritten Kaffee im Hotelzimmer wieder melden.

Spannend wird das Album immer dann, wenn diese Kontrolle kurz Risse bekommt. Wenn sich in ‚Kept Me Thinking‘ oder im Titelstück plötzlich diese Weite auftut, die weniger nach Konzept und mehr nach echtem emotionalen Überlauf klingt. Genau dort funktioniert das Album am besten: nicht als sauber kuratierte Trauerarbeit, sondern als Moment, in dem sie kurz nicht mehr vollständig kuratierbar ist.

Im Vergleich zu seiner Arbeit mit The Pineapple Thief wirkt „Ghosts In The Park“ weniger wie ein „Solo-Ausflug“ und mehr wie ein Gegenentwurf zur dortigen Hochglanz-Perfektion. Während die Band mittlerweile live wie eine perfekt geölte Maschine zwischen audiophiler Präzision und kontrollierter Erhabenheit operiert, zieht Soord hier alles zurück in den privaten Raum – nur um ihn anschließend wieder sorgfältig zu polieren. Ganz los wird er diese zweite Ebene offenbar nie.

Am Ende bleibt ein Album, das sich seiner eigenen Schwere sehr bewusst ist – und genau deshalb manchmal fast zu sauber darin bleibt. „Ghosts In The Park“ will ehrlich sein, aber es will eben auch gut klingen, gut aussehen, gut verpackt sein. Und irgendwo zwischen diesen beiden Ansprüchen entsteht diese typische Soord-Spannung: berührend, aber nie unkontrolliert; intim, aber nie wirklich ungeschützt.

Oder anders gesagt: Wenn das hier Geister sind, dann sind es sehr ordentlich archivierte.
Bewertung: 11/15 Punkten


Bruce Soord - Ghosts In The Park (Kscope/Edel, 15.05.2026)

Besetzung:
Bruce Soord

Gastmusiker:
Jon Sykes – Bass (‚Kept Me Thinking‘)

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