Gazpacho, HamaSaari, 02.04.26, Rüsselsheim am Main, Das Rind

Offenbarung im Rindvieh
Drei Gazpacho-Konzerte im Umkreis von zwei Stunden. Man könnte also meinen, ich hätte die freie Wahl gehabt. Leider nicht ganz, aber immerhin Optionen. So wurde es dieses Mal – aus Termingründen – Rüsselsheim. Endlich mal Das Rind. Endlich mal Hessen. Endlich mal der Main.
Und endlich die Gelegenheit einer Frage nachzugehen, die die Wissenschaft bislang sträflich ignoriert hat: Gehören Rinder eigentlich zu den Rüsseltieren? Man weiß es nicht. Aber immerhin stand ich drin.
HamaSaari
Die Franzosen HamaSaari durfte ich ja bereits auf Tonträger kennenlernen. „Ineffable“ bekam seinerzeit solide 11 Punkte – also die Kategorie „macht nichts falsch, aber bitte beim nächsten Mal ein bisschen mehr Mut“. Inzwischen ist Album Nummer zwei draußen, und live zeigt sich: Mut haben sie mittlerweile. Und zwar nicht zu knapp.
Als Viererbesetzung (gitarrespielender Sänger, zweite Gitarre, Bass, Drums) legen sie direkt los – mit ‚Frames‘ und ‚Lost In Nights‘ vom neuen Album „Pictures“ – mit diesem typisch melancholisch-atmosphärischen Sound, der irgendwo zwischen nordischer Kälte und französischer Emotionalität pendelt. Und ja, die Stimme von Jordan Jupin? Immer noch irgendwo bei Jeff Buckley und „’Dream Brother‘ auf Metal“. Klingt seltsam, passt aber erschreckend gut.
Spannend wurde es dann bei ‚White Pinnacles‘: ein Einstieg wie ein Vorschlaghammer, plötzlich Growls (ja, wirklich!), dazu diese Mischung aus Härte und Melancholie, die man so nicht unbedingt erwartet hätte. Das Ding wächst, eskaliert, wird zum bisherigen Highlight und zeigt, dass HamaSaari deutlich mehr können als nur „schön traurig“.
Überhaupt ist Dynamik hier das große Thema:
Zarte Passagen, die sich plötzlich in tonnenschwere Bleiwände verwandeln. Songs, die erstmal vor sich hin mäandern, nur um dann mit flirrender Gitarre und drückender Rhythmussektion zu explodieren. Post Rock trifft Prog Metal, zwischendurch wird wieder alles heruntergefahren, nur um noch intensiver zurückzukommen. Man kennt das Prinzip – aber hier funktioniert es.
‚Our Heads Spinning‘, dass vorletzte Stück bündelt all das noch einmal: ruhig, dann aufbauend, dann eskalierend, dann Growls, warum nicht.
Und zum Abschluss: mit ‚Prognosis‘ ein fast schon klischeehaft schönes Post-Rock-Stück vom Debütalbum. Zart, langsam wachsend, mit wimmernder Gitarre und viel Gefühl. Man wartet eigentlich nur darauf, dass jemand ein Feuerzeug hochhält.
Besetzung:
• Jordan Jupin – Vocals/Guitars
• Axel Vaumoron – Guitars
• Élie Chéron – Drums
• Jonathan Jupin – Bass
Gazpacho
Dann die Norweger.
Und wie das bei Gazpacho eben so ist: Man weiß nie genau, ob man ein Konzert besucht oder einer religiösen Zeremonie beiwohnt.
Los geht’s mit einem Intro vom Band: ‚The Loop“‚– und ich habe keine Ahnung, was dieses Intro war. Irgendwas zwischen „kaputte Maschine“, „Vocoder aus der Hölle“ und „gleich passiert etwas Bedeutendes“. Was dann auch passiert: ‚We Are Strangers‘. Wummernder Bass, verfremdete Stimme, visuelle Spielereien – und ein Schlagzeug, das diesmal sehr im Vordergrund steht – ergibt einen interessanten Kontrast.
‚Soyuz‘ kommt danach fast schon wie ein Ruhepol – wunderschön, aber deutlich druckvoller als auf Platte. Dieser Kontrast steht der Band erstaunlich gut.
Zwischendurch erklärt man dem Publikum, dass Setlists bei einer Band, die nur Konzeptalben schreibt, schwierig sind. Ach was. Wirklich? Wer hätte das gedacht.
Dafür gibt’s dann ‚Golem‘: mystische Keys, Geige, wuchtige Toms – Gänsehaut. Genau so muss das klingen. Kurz darauf ein Gitarrensolo, das gar nicht lang sein muss, um zu wirken.
Dann ein kleiner Reality-Check: ausverkauftes Haus. Und die Erkenntnis von Jan-Henrik Ohme, dass drei der Musiker seit „zehn Jahren“ zusammenspielen. Keyboarder Thomas Andersen korrigiert ihn – auf dreißig. Details.
Mit ‚Gingerbread Man‘ und dem Titeltrack von „Magic 8-Ball“ wird es dann wieder aktueller – und wie immer bei Gazpacho gilt: Es ist völlig egal, was sie spielen. Ich bin emotional sowieso verloren.
Und dann… ‚The Walk‘.
Ich erspare mir große Worte: Es gibt Songs, zu denen hat man eine Beziehung. Und dann gibt es ‚The Walk‘. Ich stehe da und frage mich kurz, ob es gesellschaftlich akzeptiert ist, in einer Konzerthalle komplett die Fassung zu verlieren. Spoiler: Ist es vermutlich nicht. Passiert trotzdem.
Nach technischen Problemen (natürlich) wird die Setlist spontan umgebaut.
‚Sky King‘ walzt dann alles nieder: Piano, Jans Stimme, diese fiependen Sounds im Hintergrund – eine Wall of Sound, die gleichzeitig zerbrechlich bleibt. Diese Band lebt von Kontrasten. Und von der Fähigkeit, dich emotional komplett auseinanderzunehmen.
Kurze Verwirrung auf der Bühne, wie es weitergeht. Noch was von „Tick Tock“? Später. Vielleicht.
Stattdessen: ‚Starling‘. Warm, überwältigend, mit einem Keyboard-Sound für die Ewigkeit. Und wieder diese Frage:
Wie schaffen es Gazpacho eigentlich, dass Songs aus völlig unterschiedlichen Konzeptalben so klingen, als gehörten sie alle zusammen?
Antwort: Vermutlich schwarze Magie.
Mit ‚Upside Down‘ geht’s zurück zu „Night“, bevor ich innerlich beschließe, dass Notizen jetzt auch wirklich nicht mehr wichtig sind. Man kann sich diesem Konzert ohnehin nicht analytisch nähern. Man muss es einfach passieren lassen.
Und dann doch noch: ‚Tick Tock‘. In allen drei Teilen. Wann gab es das zuletzt? Eben. Ganz großes Kino.
Auch die Zugaben sind Streicheleinheiten für die Seele.
‚Defense Mechanism‘ trifft irgendwo zwischen „fight or flight“ und „ich weiß nicht mehr, was ich fühlen soll“.
Und mit ‚Winter Is Never‘ endet das Ganze so, wie es begonnen hat: mit dieser seltsamen Mischung aus Melancholie, Schönheit und emotionalem Overkill.
„See you at the bar“, meint Jan-Henrik.
Für mich leider nicht. Der Nachhauseweg ruft.
Besetzung:
• Jan-Henrik Ohme
• Thomas Andersen
• Jon-Arne Vilbo
• Kristian Torp
• Robert Risberget Johansen
• Mikael Krømer
Fazit:
HamaSaari liefern ein starkes, dynamisches Set mit deutlich mehr Profil als noch auf dem Debüt.
Gazpacho hingegen machen das, was Gazpacho immer machen: Sie spielen keine Konzerte. Sie erschaffen Zustände.
Und irgendwo dazwischen stehe ich im Rind und frage mich immer noch, ob das jetzt ein Konzert war – oder ein kontrollierter emotionaler Zusammenbruch.
Fotos: Prog in Focus
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