Orange Utan - Futur III

Orange Utan - Futur III (Eigenveröffentlichung; 27.03.2026)
Credit: Jaime Villanueva

Artrock • Emo • Progressive Rock • Post Punk • Stoner • Math Rock • Post Hardcore
(48:47; CD, Digital; Eigenveröffentlichung; 27.03.2026/04.09.2026)
Die Jungs von Orange Utan sind einen weiten Weg gekommen. Hört man sich „JETZT MACHT!“ (2014) an, trifft man auf eine ganz andere Welt: Stoner-Riffs dominieren das Album, irgendwo zwischen Kyuss und Monster Magnet, aber mit deutschsprachigem Gesang, Grunge-Atmosphäre, Punk-Attitude und nur zarten progressiven Untertönen. Damals war das Ganze noch eine wilde, ungestüme Mischung – charmant, roh, aber noch nicht so recht erwachsen.

Vier Jahre später folgte „Katastrophil“, und die Band hatte sich hörbar weiterentwickelt. Klaus Heuschkel lobte zurecht das waschechte Konzeptalbum, in dem Zirkusdirektor, Clown und Akrobaten durch eine albtraumhafte Welt zwischen Realität und Traum geführt wurden. Hier begann Orange Utan, ihre Identität auszubauen und eine größere Palette von Stilen zu nutzen. Das Ergebnis: ein progressives Album voller Überraschungen, das zeigte, wieviel Potenzial in der Band steckt – und das trotz roher Underground-Energie erstaunlich gut klang.

Mit „Futur III“ ist dieser Entwicklungsbogen nun konsequent fortgeführt – nur noch wilder, noch komplexer, noch unberechenbarer. Donnerndes Schlagwerk, knarzende Basstiraden, harkende Gitarren und grob geschnitzte Texte fackeln im steinalten Urwald. Synthesizer mischen sich erstmals ins Klangbild, Gäste wie Ilja John Lappin (The Hirsch Effekt, Pinhead) am Cello, Zen-Zebra-Frontmann Martin Endt (Vocals) und der HGB-Chor sorgen für zusätzliche Tiefe. Scott McLean hat in Leipzig ein ungestümes, aber trotzdem orchestriertes Chaos produziert, und Brad Boatright verlieh dem Ganzen in Portland den nötigen Druck.

Schon der Opener ‚Kanndiktat‘ verdeutlicht die stilistische Nähe zu The Hirsch Effekt: Gäblers Stimme erinnert in Tonfall und Ausdruck an deren Stil, bleibt dabei aber völlig frei von Core-Anteilen. In Kombination mit Ilja John Lappins dominanten Cello-Linien könnte man glatt meinen, es handele sich tatsächlich um einen Hirsch-Effekt-Track. Die Dynamik des Liedes und die Zuspitzung des Härtegrads im Mittelteil verstärken diesen Eindruck – ohne dass Orange Utan jemals die Core-Schwere übernehmen. Gleich danach überrascht ‚Furchtus‘ mit einem Gitarrenriff, das auch von Polyphia stammen könnte, während dunkler Kehlkopfgesang (der noch öfters auf dieser Platte auftauchen wird) das Stück als atmosphärisches Stilmittel spannend gestaltet und ein wunderschönes, smoothes Gitarrensolo kurzzeitig in eine andere Sphäre entführt.

Ein weiteres Highlight ist ‚Merkante‘: das mehrstimmige, fast zweiminütige a-cappella-Intro hat etwas von gregorianischen Gesängen und dient als Auftakt zu einem siebenminütigen Monster, in dem sich die Band langsam aber stetig in einen Rausch der Ekstase spielt – großartig inszeniert und ein Paradebeispiel für die Spannweite von „Futur III“. Direkt danach zeigt ‚Zunametan‘ die andere Seite der Band: ein kompaktes, treibendes Stück, bei dem erneut der dunkle Kehlkopfgesang für Spannung sorgt und das durchgängig eingängig bleibt.

‚Ohnmachtdas‘ wirkt energetisch und dicht gewoben, mit einprägsamem Bassspiel, eingängiger Gesangslinie und einem kleinen Augenzwinkern am Ende, wenn Gäbler kurz leicht keifend die Spannung hochhält. ‚Attackratie‘ passt in jeder Hinsicht zum Titel: stakkatohafte Gitarren, mehr gesprochen als gesungen, mit jaulenden Gitarren, die leicht an Tom Morello erinnern, und einem Hauch von Jazz zum Ende hin. Trotz seiner Kompaktheit ist das Stück alles andere als leichte Kost und zeigt, dass die Band auch auf kleinem Raum mit Details und Dynamik spielt. Mit ‚Triebsal‘ wird der Galopp weitergeführt: modernes progressives Gitarrenspiel treibt das Stück voran, während ein entschleunigender Mittelteil den künstlerischen Anspruch der Band unterstreicht und den Hörer kurz innehalten lässt, bevor es wieder Fahrt aufnimmt.

‚Apostal‘ zeigt die ruhigere, fast kontemplative Seite der Band: zurückgenommen im Beginn, spannungsgeladen durch langsamen Aufbau und wieder mit Lappin am Cello, lädt es zum Zurücklehnen und Genießen ein, bevor kontrollierter Kontrollverlust alles auf die Spitze treibt. Das abschließende ‚Cuora‘ ist das außergewöhnlichste Stück des Albums: mehrstimmiger Gesang trifft auf Cello, und hier verschmilzt alles zu einer fast schon kunstvollen Komposition. Mehr Kunst als Unterhaltungsmusik, ein kurzer, aber angemessener Abschluss für ein Album, auf dem es so viel zu entdecken gibt.

Man fühlt sich bei „Futur III“ immer wieder an The Hirsch Effekt erinnert – weniger wegen Lappins Gastspiel, sondern aufgrund der stilistischen Ausrichtung. Gleichzeitig fehlen die Core-Anteile – sowohl instrumental als auch beim Gesang von Sandro Gäbler – was das Album deutlich zugänglicher, aber immer noch sperrig genug macht, dass man nach nur ein paar Umläufen längst nicht alles erfasst hat.

Wer ‚Katastrophil‘ mochte, bekommt hier die logische Weiterentwicklung: dichter, wilder, unberechenbarer und doch erwachsener. „Futur III“ bleibt sperrig, scharf, eigenwillig – und gelegentlich brillant. Wer auf Narrative, Genre-Hopping, dunklen Kehlkopfgesang und Eskapismus steht, kann sich ruhig in den Urwald wagen. Wer einfache Antworten sucht, hat hier ohnehin schon falsch abgebogen.
Bewertung: 13/15 Punkten


Orange Utan - Futur III (Eigenveröffentlichung; 27.03.2026)
Besetzung:
Sandro Gäbler – Gesang
Burkhard Naumann – Gitarre, Saz
Christian Kupsch – Schlagzeug
Sören Müller – Bass, Synthesizer

Gastmusiker:
Ilja John Lappin – Cello
Martin Endt – Gesang (auf ‚Kanndiktat‘)
• HGB Chor (Leitung: Christopher Peyerl) – Outro „Merkante“

Surftipps:
Homepage
Linktree
Bandcamp
YouTube
Rezensionen, Liveberichte & Interviews

Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Orange Utan zur Verfügung gestellt.