Gong - Bright Spirit
Space Rock • Psychedelic Rock • Progressive Rock • Fusion • Folk • Canterbury
(43:42; Vinyl, CD, Digital; Kscope/Edel; 13.03.2026)
Es gibt Bands mit langer Geschichte. Und es gibt Gong. Das ist ein Unterschied. Denn während andere Gruppen nach zwanzig Jahren anfangen, Jubiläumstourneen zu spielen, haben Gong lieber gleich ein ganzes Paralleluniversum gegründet. Paragong, Gongzilla, Gong Expresso, Planet Gong, Gongmaison, Mother Gong – man bekommt fast den Eindruck, dass sich der Name wie ein kosmischer Pilzsporenbefall in alle Richtungen ausgebreitet hat.
Gegründet wurde der ganze Spaß Ende der 60er von Daevid Allen und Gilli Smyth. Zwei Figuren, die Psychedelia nicht nur musikalisch verstanden, sondern offensichtlich auch als Lebensform praktizierten. Beide sind inzwischen seit etwa einem Jahrzehnt verstorben, doch der Gong-Spirit lebt weiter – aktuell in der Besetzung um Kavus Torabi, Fabio Golfetti, Dave Sturt, Ian East und Cheb Nettles.
Und jetzt kommt das Geständnis, das wahrscheinlich irgendwo im Prog-Kodex unter „peinlich“ geführt wird: Während ich über diese legendäre Canterbury-Psych-Prog-Institution schon verdammt viel gelesen habe, hatte ich bis vor Kurzem noch nie einen einzigen Ton von Gong gehört. Kein Stück. Null. Nada.
Beim Vorgänger „Unending Ascending“ (2023) war genau dieses Unwissen noch der Grund, mich nicht mit der Band zu beschäftigen. Eine Prog-Legende mit über fünfzig Jahren Diskografie ist schließlich ungefähr so zugänglich wie ein Ikea-Regal ohne Anleitung und mit drei fehlenden Schrauben.
Ganz unvorbereitet bin ich allerdings doch nicht. Frontmann Kavus Torabi ist mir nämlich längst kein Unbekannter mehr. Beim Roadburn Festival durfte ich ihn vor zwei Jahren mit seinem Soloprogramm erleben, und auch an „LSD“, dem aktuellen Album der Prog ’n‘ Punker Cardiacs war er maßgeblich beteiligt. Mit anderen Worten: Der Weg zu Gong führt für mich nicht über deren halbes Jahrhundert Bandgeschichte, sondern über Torabi.
Also höre ich „Bright Spirit“ letztlich wie eine neue Band – nur eben eine mit einem vertrauten Gesicht im Cockpit.
Der Opener ‚Dream Of Mine‘ liefert jedenfalls genau das, was ich mir von Gong immer vorgestellt habe: ein epischer, hypnotischer Space-Prog-Trip. Zehn Minuten lang schiebt sich das Stück langsam vorwärts, baut Schichten auf, verliert sich in kosmischen Schleifen und wirkt dabei wie ein klassischer Auftakt zu einer Reise irgendwo zwischen Traumzustand und Sternenstaub.
‚Mantivule‘ biegt danach in eine jazzigere Richtung ab. Groovy, leicht hyperaktiv und erstaunlich tanzbar für Prog-Verhältnisse. Saxofon und Gitarre liefern sich ein hypnotisches Wechselspiel, das sich wie ein tranceartiger Jam anfühlt – irgendwo zwischen Canterbury-Jazz und Space-Rock-Clubnacht.
‚The Wonderment‘ hingegen wabert eher, als dass es sich bewegt. Pulsierend, meditativ und sehr spacig – wie ein gemütlicher Raumflug Richtung Quasar. Die Synthesizer klingen dabei zeitweise so, als hätte jemand ein Theremin in einen Nebel aus kosmischem Hall gestellt.
Mit ‚Stars In Heaven‘ zeigen Gong anschließend, dass sie auch vergleichsweise songorientierten Prog können. Starke Melodie, kompakte Struktur – und trotzdem genug psychedelische Farben, damit niemand versehentlich glaubt, hier würde plötzlich Popmusik passieren.
‚Fragrance Of Paradise‘ überrascht mit einer deutlichen Folk-Note, die stellenweise fast nach Jethro Tull klingt. Ein warmer organischer Song, der beweist, dass kosmische Bands offenbar auch Gefühle haben dürfen.
Das kurze ‚Relish The Possibility‘ bringt danach wieder Bewegung ins Spiel: kompakt, zugänglich und melodisch, mit einer Rhythmik, die subtil genug ist, um interessant zu bleiben, ohne sich dabei zu verknoten.
Und dann wäre da noch ‚Eternal Hand‘. Warm, elegant und vielschichtig – mit einer Atmosphäre, die mich überraschend an ‚Illusory Blu‘, das 2014er Debüt von Messenger erinnert, allerdings deutlich verträumter. Ein Stück, das sich Zeit nimmt, schwebt, schimmert und vor allem eines tut: verdammt gut klingen. Ich liebe diesen Sound.
„Bright Spirit“ bildet gleichzeitig den Abschluss einer Trilogie, die mit „The Universe Also Collapses“ (2019) begann und über „Unending Ascending“ hier ihren vorläufigen Endpunkt findet. Viel kosmisches Pathos also – aber erstaunlich wenig Selbstverliebtheit.
Wenn man Gong so hört, ohne sich von der halben Jahrhundertgeschichte einschüchtern zu lassen, bleibt am Ende eine ziemlich einfache Erkenntnis: Diese fünf Musiker machen farbenreichen, verspielten, manchmal leicht esoterischen, aber immer sehr lebendigen Space-Prog.
Und falls das tatsächlich schon seit fast sechzig Jahren so läuft, muss ich wohl zugeben: Ich hätte vielleicht doch etwas früher mal reinhören sollen.
Bewertung: 11/15 Punkten
Tracklist:
- ‚Dream Of Mine‘ (10:32)
- ‚Mantivule‘ (6:22)
- ‚The Wonderment‘ (5:11)
- ‚Stars In Heaven‘ (4:01)
- ‚Fragrance Of Paradise‘ (7:39)
- ‚Relish The Possibility‘ (3:09)
- ‚Eternal Hand‘ (6:48)
Besetzung:
• Kavus Torabi
• Fabio Golfetti
• Dave Sturt
• Ian East
• Cheb Nettles
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.