Archive - Glass Minds
![Archive - Glass Minds (Dangervisit/[PIAS]; 27.02.2026)](https://www.betreutesproggen.de/wp-content/uploads/2026/02/Archive_Glass_Minds_Artwork-300x300.jpg)
Artrock • Downtempo • Ambient • Trip Hop
(1:17:52; Vinyl (2LP), CD, Digital; Dangervisit/[PIAS]; 27.02.2026)
„Glass Minds“ in der Doppelbetreuung
Teil 1: Carsten Agthe
Die Archive-Releases der letzten Jahre sind so eine Sache für sich. Aufgeplustert bis zum geht nicht mehr (das letzte Werk, „Call To Arms And Angels“, erschien in der Vinyl-Edition gleich einmal als Dreifach-Album) fehlte es letztendlich an Substanz, versandeten die künstlich in die Länge gestreckten Tunes irgendwo im Nirgendwo. Es fehlte an Suspense, welchen einstigen Longtracks wie ‚Again‘, ‚Finding It So Hard‘ oder auch ‚Lights‘ anhaftete. Auch die relative Heavyness von Headbangern wie ‚Numb‘, ‚Noise‘ oder ‚F**k U‘ vermisste man tendenziell. So lässt man ein neues Archive-Release behutsam und auch ohne besondere Erwartungshaltung angehen. Ob es etwas zu bedeuten hat, dass „Glass Minds“ das schon dreizehnte (!) Album der London based Band um die beiden Hauptprotagonisten Danny Griffiths und Darius Keeler ist, bleibt abzuwarten, mit dem ungewöhnlich treibenden Instrumental ‚Broken Bits‘ geht es schon einmal in die Vollen. Aber auch 80 Minuten, welche „Glass Minds“ schwer ist, müssen erst einmal gehaltvoll gefüllt werden. Mit zwölf Tunes bleibt die Gewichtung dann wieder auf dem gepflegten Semi-Longtrack (die Hälfte bringt es immerhin auf über sechs Minuten), was Gelegenheiten zur Optimierung der Spannungen bietet.
Mit Songs wie dem wavig-rockenden ‚Look At Us‘, den elektronisch wirbelnden ‚When You’re This Down‘ und ‚Wake Up Strange‘ sowie der pathetisch-orchestralen Selbstreflexion ‚So Far From Losing You‘ sind Archive dann auch wieder Anwärter auf die Straße der Besten im Bereich trippig hoppenden Progressive Rocks. Und es darf, zum Leidwesen der Puristen, auch wieder gerappt werden. In ‚Heads Gonna Roll‘ gibt der Essex MC Jimmy Collins seinen Archive-Einstand und hievt den Track schon einmal auf eine Stufe mit Massive Attack & Co. Schon einmal ein guter positiver Ansatz, der dann aber mit unendlich erscheinenden Songs wie ‚Patterns‘ (8:20), ‚Where I Am‘ (8:37) oder dem Titeltrack selbst, in denen trotz aller Hoffnungen einfach nichts passieren will, verwässert wird. So bleibt das Fazit, dass „Glass Mind“, eingedampft auf ein Einfachalbum, viel mehr hergemacht hätte.
Bewertung: 8/15 Punkten (CA 8, RB 13, FF 12.5)
Teil 2: flohfish
Wer bei einem neuen Album von Archive reflexartig die Stoppuhr zückt, um auszurechnen, wie viele Minuten man durch beherztes Kürzen „einsparen“ könnte, der hat das Prinzip dieses Kollektivs nie verstanden. Archive waren noch nie die Band für effizienzoptimierte Einfach-Alben. Sie waren immer die Band für: „Lass uns schauen, was passiert, wenn wir es einfach machen.“
Ja, „Glass Minds“ ist Album Nummer 13. Und nein, das ist kein Omen. Eher eine Selbstverständlichkeit für eine Formation, die sich seit 1994 mit stoischer Beharrlichkeit neu erfindet – manchmal zum Entzücken, manchmal zum Stirnrunzeln der Fans. Ich persönlich nehme das liebend gern in Kauf. Lieber ein Kollektiv, das mich alle paar Jahre irritiert, als eine Band, die mir jedes Mal dieselbe Komfortzone tapeziert.
Kollege Carsten vermisst Suspense, Heavyness, Headbanger. Ich verstehe das. Wer bei Longtracks automatisch an ‚Again‘-Eskortenfahrten denkt, wird hier nicht abgeholt. „Glass Minds“ ist kein „You All Look The Same To Me Part 2“. Es ist nicht einmal „Call To Arms & Angels – The Lean Cut“. Und das ist auch gut so.
Während das Triple-Album „Call To Arms & Angels“ (das ich – anders als manch anderer – in seiner Überlänge und stilistischen Inkoheränz durchaus genossen habe) noch alle Archive-Identitäten gleichzeitig auf die Bühne zerrte, macht „Glass Minds“ etwas Radikales: Es lässt los. Weniger Gitarren. Kaum klassische Songstrukturen. Stattdessen Synthesizer-Flächen, elektronische Rhythmen, Bläser, Raum. Viel Raum.
Keeler selbst verweist auf das Debüt „Londinium“ – und tatsächlich: Nicht stilistisch, sondern emotional gibt es Überschneidungen. Diese schwere, melancholische Rhythmik. Dieses Gefühl urbaner Einsamkeit. „Glass Minds“ funktioniert nicht im Vorbeihören. Wer es zwischen Supermarktparkplatz und Steuererklärung konsumiert, wird Carsten vermutlich zustimmen: „Da passiert ja nichts.“
Doch es passiert eine Menge. Man muss nur still genug sein.
‚Broken Bits‘ eröffnet überraschend treibend, fast motorisch. ‚Look At Us‘ wummert mit Neu!-Referenz durch die Nacht. In ‚Heads Are Gonna Roll‘ sorgt Jimmy Collins für jene düstere Wucht, die Puristen vermutlich wieder in Alarmbereitschaft versetzt. Und ‚So Far From Losing You‘ ist tatsächlich ein achtminütiges Herz-auf-der-Zunge-Epos, das Rap und Gesang nicht kombiniert, um „hip“ zu sein, sondern um ehrlich zu wirken.
Aber die eigentliche Magie liegt woanders. Im Titelsong. In ‚Patterns‘. In diesen scheinbar monotonen Stücken, in denen minimalistische Verschiebungen unter der Oberfläche arbeiten. Synths, die sich ganz langsam verändern. Bläser, die wie emotionale Risse wirken. Vier Stimmen – Dave Pen, Pollard Berrier, Lisa Mottram und Collins – die mehr tragen als jede Gitarrenwand es könnte.
„Glass Minds“ ist kein klassisches Progalbum und es ist erst recht kein Rockalbum. Es ist ein Nachtalbum. Musik für die Momente, in denen man allein durch eine künstlich beleuchtete Großstadt fährt. Für jene Stunden, in denen man sich gleichzeitig verloren und hoffnungsvoll fühlt. Beim Hören hatte ich permanent Bilder aus Sofia Coppolas Meisterwerk „Lost In Translation“ im Kopf – Neon, Glas, Spiegelungen.
Kann man das Album auf ein „effizientes“ Einfach-Album eindampfen? Sicher. Man kann auch „Blade Runner“ auf 45 Minuten zusammenschneiden und alle langsamen Kamerafahrten entfernen. Die Frage ist nur: Warum?
„Glass Minds“ verlangt Atmosphäre. Geduld. Hingabe. Gibt man sie ihm nicht, bleibt es verschlossen. Gibt man sie ihm, entfaltet es einen hypnotischen Sog, der gerade in seiner Weite wirkt.
Archive haben keine Lust mehr, Erwartungen zu bedienen. Und ich bin ehrlich gesagt froh darüber.
Bewertung: 12.5/15 Punkten (CA 8, RB 13, FF 12.5)
![Archive - Glass Minds (Dangervisit/[PIAS]; 27.02.2026)](https://www.betreutesproggen.de/wp-content/uploads/2026/02/Archive_credit_Yagub_Allahverdiyev-300x169.jpg)
Besetzung:
• Darius Keeler – Piano, Keyboards
• Danny Griffiths – Keyboards
• Dave Pen – Vocals, Guitar
• Pollard Berrier – Vocals, Guitar
• Lisa Mottram – Vocals
• Jimmy Collins – Vocals
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von [PIAS] zur Verfügung gestellt.