CD Kritik Progressive Newsletter Nr.54 (01/2006)

Yes - The word is live
(75:44 + 79:39 + 74:39, Rhino Records, 2005)

Fans der britischen Proglegende YES können sich alle Finger lecken: die Dinosaurier veröffentlichen ein 3CD Livewerk, das in Sachen Inhalt und Aussehen umwerfend ist und die Magie der Rockklassiker einmal mehr lebendig macht. "The word is live" ist eine hochformatige 3-CD-Box mit 26 live aufgezeichneten Songs aller Phasen der Band. Das Layout hat Roger Dean todschick gestaltet, innen und außen ist die Box große Augenfreude. Im dicken Booklet zwischen den CDs sind etliche Bilder vieler Bandmitglieder zu sehen; Fans, Musikerkollegen (Greg Lake) und Kritiker haben kurze und lange Statements abgegeben, teilweise sehr persönlich und anschaulich. Fast alle Musiker, die in Yes gespielt haben, sind abgebildet; schlichte und aufgemotzte Eintrittskarten kann man betrachten - diese Produktion ist Nostalgie pur! Aber nicht nur das, neben aller emotionalen und wahrhaft schön gestalteten Beigabe ist die Musik wertvoll und von großem Interesse. Chronologisch sortiert, sind live gespielte Aufnahmen von 1970 bis 1988 auf den 3 CDs verewigt. Yes haben schon etliche Live-Alben veröffentlicht, macht es da Sinn, noch eine Box unters Volk zu bringen? Definitiv ja! Gerade eine solche Box, die 28 Jahre Bandgeschichte aufzeigt, vielen Besetzungen und Stilvarianten Raum gibt und differierende Songarrangements beinhaltet, ist die Anschaffung unbedingt wert. Alle großen Bands haben jede Menge Live-Alben veröffentlicht. King Crimson die mittlerweile fast 30-teilige Club-Serie, Zappa sowieso (zudem wie bei Yes Bootlegs ohne Anzahl!), Genesis oder Gong und viele mehr kramen alle Archive durch, um alles Verwertbare anzubieten und die Diskographie um wertvolle und fragwürdige Produkte zu ergänzen. Yes schmeißen glücklicherweise nicht alles unters Volk, was je aufgenommen worden ist. Jedoch gibt es auch von Yes endlos viel geklautes Bootleg Material mit schrecklichstem Sound. Schön, wenn dann plötzlich ganz offiziell, neben allen bisher erhältlichen Live-Alben, eine Box erscheint, die als quasi Best of einen Großteil der Karriere der Band überdenkt und die verschiedenen Strömungen der Popmusik in den Songs der Band bewusst macht. Zudem sind die berücksichtigten Zeiten nicht unbedingt im Zentrum der Live-Veröffentlichungen der Band gewesen, da schließt sich eine Lücke. "Yesshows" war 2 LPs, "Yessongs" 3LPs, "The word is live" wären 6LPs! Die 3 randvollen CDs bieten nicht nur Aufnahmen, die im Klang astrein sind. Gerade der Auftakt der ersten CD, mutig!, beginnt mit dumpfem Klang. Die ersten beiden Songs wurden 1970 als BBC Session eingespielt (schön, dass bei den Aufnahmen genau die technischen Details angegeben worden sind: Aufnahmedatum, Bandmitglieder, Location), das sind zudem Stücke aus der ersten Bandperiode, die viele Yes-Fans nicht unbedingt anspricht. Die Tracks 4 und 5 haben ebenso noch kein besonders klares Soundbild, sind jedoch wie die ersten beiden Stücke anhörbar und besser als der Bootleg-Durchschnitt. Die Songs sind es wert. Typisch Yes gibt es jede Menge Longtracks. Die 10-Minuten-Grenze wird etliche Male spielend überschritten. Tolle Songs sind dabei: "Everydays" von Stephen Stills in einer 11-minütigen Version, "America", 16 Minuten lang. Als achten und letzten Track auf der ersten CD spielt die Band "It's love". Der mir bisher unbekannte 11 Minuten lange Track klingt, als wäre er zu Yessongs Zeiten eingespielt worden. Langes, geniales Basssolo, wilde, heftige Performance; wahrhaft progressiv und virtuos das Stück, wie alle vier letzten, 1971 in London aufgezeichneten, Songs der CD1. CD2 beinhaltet die Phase von 1975 bis 1979. Sound sehr gut bis exzellent, spielt die Band ihre großen Klassiker, ab 1978 Songs von "Tormato" und das 25-minütige "The Big Medley". Der Unterschied zur 1. CD in Sachen Performance, Arrangements, solistischer und improvisativer Strukturen ist ebenso groß wie der zur 3. CD. Auf der letzten Disc spielt die Band traumhafte Versionen ihrer Klassiker wie "Heart of the sunrise" und "Awaken" sowie poppiges Material aus der Zeit von 1980 bis 1988. Viele Versionen haben Yes ungewöhnlich gespielt, allein das lange Medley auf der 2. Disc verbindet Songs, die so vorher nicht veröffentlicht worden waren. Da viele Bandmitglieder Erwähnung finden und die Umbesetzungen sowie stilistischen Wechsel und äußeren Einflüsse unverkrampft aufgezählt werden beziehungsweise in den Stücken zu hören sind, scheint die Box auch so etwas wie die Befriedung des inneren Yes-Kosmos zu sein. Die wunderschöne, vielseitige und umfangreiche Box kann ich nur unbedingt empfehlen.

Volkmar Mantei



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