Steven Wilson - Requiem For A Village
Cinematic Progressive Rock • Art Pop
(54:06; Vinyl (2LP), CD, Blu-ray, Box-Set, Digital;
Fiction Records/Stichting Lab Music; 06.11.2026)
Die britische Literatur ist voll von obskuren, düsteren Themen, noch mehr von mystischen Orten und Schauplätzen. Wieso also nicht ein Konzept über eine abgeschiedene Welt, ein Dorf entwerfen, welches jenseits von Raum und Zeit existiert, voller seltsamer Geschichten, menschlicher Dramen/Untiefen und noch mehr Charakteren. Der Meister himself sprach im Vorfeld von einem Konzept, welches sich maßgeblich vom Vorgänger zu unterscheiden weiß. Beherrschte dort die Perspektive, die Melancholie eines einsamen Astronauten weit weg von der Erde und seinen irdischen Fehlbarkeiten, so schauen wir diesmal mikroskopisch in des Village leibhaftigen Folk Horror.
Erneut wurde die Idee, der konzeptionelle Hintergrund von Andy Partridge (XTC) zu Papier gebracht – der prominente Schauspieler David Tennant (u. a. Broadchurch) führt den Hörer mit seiner geheimnisvollen Erzähler-Stimme durch das Album. Wie es sich für ein konzeptionelles Album und vor allem für Wilson gehört, durchlaufen wir als Hörer verschiedenste Ebenen – die Betonung seitens des Musikers im Vorfeld, diesmal weit weg von Perfektion und digitaler Überarbeitung zu performen, mag nur ein Laie heraushören. Für mich und gerade innerhalb der Listening Session im Vorfeld (komplett abgedunkelter Raum) klingt natürlich auch “Requiem For A Village” alles andere als “nur organisch und spontan” – der Hauch Genialität, die audiophile Grenzerfahrung macht natürlich auch dieses neue Album zu einem mehr als stimmigen, perfekt produzierten Gesamterlebnis.
Steven Wilson, und dies ist natürlich seiner niemals ruhenden experimentellen Kreativität und Freude an Musik geschuldet, sucht ständig neue Wege, versucht sich selbst an ungewöhnlichen Instrumenten wie Oboe oder Geige. Wilson ist selbst Musikfreund, Vinyl-Sammler und setzt sich dort genauso wenig Grenzen und so wird nach dem eher melancholisch-kosmischen Art Rock auf “The Overview” mit “The Village..” ein abwechslungsreiches Feuerwerk an Ideen gezündet, die den Meister of Prog zwar weitestgehend innerhalb seiner Grenzen agieren lassen, aber in vielen Details frische Ideen und Lust am Experiment offerieren. Ob es die direkte Heaviness im Titelsong ist, bei dem Prog und harsche Riffs ein Tänzchen vollführen, aber subtile Sound-Effekte natürlich nicht fehlen dürfen.
Das leider viel zu kurze, wunderschöne ‘The Same River Twice’ wird dann weiter, orchestraler, symphonischer – ein mystisch-melancholischer Tune, alles ohne Gitarre und konkrete Song-Struktur. Hier offeriert sich bereits das Herz der Platte. Dieser soundtrack-artige, düstere Charakter weiß zu begeistern und mit geheimnisvoll flüsternder Stimme, proggy verschachtelten Riffs, abgefahrenen Synths kombiniert ‘Now Departing’ typisch melancholische Wilson-Melodik mit organischen, fast dreckigen Riffs. Mal heavy verquer, dann treibend akzentuiert, immer wieder mit subtil arrangierter Elektronik unterfüttert. Mehrstimmig, strange Chorus-Momente und einfach viel Dramatik lassen keine Langeweile aufkommen, die temporären balladesken Abfahrten sind dann wie immer nur grandios, Steven-Wilson-typisch … aber viel zu kurz!
Im kurzen Übergang ‘Hiraeth’ gibt es Piano, Bombast und Transzendenz, wie man sie irgendwie nur bei Wilson so schön wiederfinden kann – auch hier wäre mehr Spielzeit zum Fallenlassen fan-gerecht gewesen, haha. ‘On Chapel Slope’ ist einer meiner persönlichen Favoriten, driftet dieser Trip zwischen dunkler Americana, Archive und späten Talk Talk, voller Hall und geheimnisvoller Grandezza durch die regenverhangene Wolkendecke im britischen Nirgendwo. Eine wunderschöne Melodie, tolle Vocals, die perfekte Verdichtung nebst Oboe, Mundharmonika und epischem Crescendo lassen aus meiner Sicht nichts offen. Dieser Song lässt so schön eintauchen, nimmt dank seiner trippigen Struktur den Prog raus, baut eher auf Stimmung und Atmosphäre, die Chöre am Ende … Gänsehaut pur! ‘Murmuration’, eine wunderschöne Ballade, folgt darauf und ist mit vielen akustischen und synthetischen Details, verschiedensten Phrasierungen in der Stimme ein weiteres Sehnsuchtsstück und Wilson pur. Die mehrstimmigen Vocals ziehen mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken, lassen jeden Grün-/Braun-Ton auf dem herbstlichen Floor noch intensiver/satter leuchten.
Diese Art der Melancholie, und ich wiederhole mich da gern, finde ich in dieser unverfälscht emotionalen Form musikalisch nur beim Briten wieder. Auch wenn der Song mit geisterhaft weiblichen Schatten-Vocals und Ambient-Schwaden ausläuft, bleibt es ein weiteres Album-Highlight. Im kurzen Zwischenstück ‘Cursus Fingerprint’ kreuzen Erzählerstimme, 70’s Prog Folk im frühen Genesis-Look und alptraumhafte Drones des Hörers Ohr – alles geht ineinander im musikalischen Universum des Briten. Klassische Porcupine-Tree-/Steven-Wilson-Harmonien lassen ‘A Basket Of Bees’ mit Queen-Chöre-Dramatik vorerst dank filigraner Akkorde und Harmonien sehr heimisch und sanft klingen, werden später mit knackigem Mid-Tempo-Groove und verqueren Prog-Riffs disharmonischer und fordernder. Dies ist vermutlich für die Prog-Gemeinde da draußen das erhoffte Futter, ich für meinen Teil vergrabe mich lieber in Melancholie, akustisch satter Opulenz und dem abgehobenen Bombast. Schöner Track nichtsdestotrotz und auch ‘Great Green Map’ führt sich wie ein Hörspiel dank Tennant ein, wird dann mit Piano und Stevens zerbrechlicher Stimme weiter verdichtet. Hier spielt der Brite wieder mal all seine Qualitäten aus, Streicher und romantisch-balladeske Arrangements führen weit zurück in die Ära des lyrischen Prog Anfang der Siebziger.
Der innerlich ewig junge, offen gebliebene Musiker führt seine Trademarks, aber auch viele kleine frische alptraumhafte Score-Details auf “Requiem..” zusammen und so weiß das rockige ‘Wheel’ mit Falsett-Gesang nebst gesprochenem Outro ein sehr abwechslungsreiches Prog-Album zu beenden, bei dem hoffentlich jeder Steven-Wilson-Fan auf seine Kosten zu kommen weiß. Ich bin froh, dass der Brite hungrig und offen bleibt, seine Melancholie, Wehmut in den Arrangements nie verliert und trotzdem mit kleinen experimentellen Gimmicks, neuen konzeptionellen Ideen, Spaß an unkonventionellen Einflüssen/Sounds frisch und stilistisch mutig agiert. Ich erfreue mich derweil hoffentlich noch lange an “Requiem For A Village”.
Bewertung: 14/15 Punkten
Tracklist:
1. ‘Swirl In A Lark’s Eye’ (2:41)
2. ‘Requiem For A Village’ (7:55)
3. ‘The Same River Twice’ (3:23)
4. ‘Now Departing’ (7:20)
5. ‘Hiraeth’ (2:25)
6. ‘On Chapel Slope’ (4:53)
7. ‘Murmuration’ (7:15)
8. ‘Cursus Fingerprint’ (2:41)
9. ‘A Basket Of Bees’ (4:32)
10. ‘Great Green Map’ (5:08)
11. ‘Wheel’ (3:55)
12. ‘The Old God Is Buried’ (2:00)

Besetzung:
• Steven Wilson – Gesang, Bass, Gitarre, Mellotron, Keyboards, Percussion, Piano, Oboe, Lyra, Violine, Schlagzeug
• Randy McStine – Gitarre, Hintergrundgesang, Synthesizer, Mellotron, Lyra
• Russell Holzman – Schlagzeug
Gastmusiker:
• Andy Partridge – Erzähltext, Songtexte, Co-Produktion
• David Tennant – Sprecher
• Katherine Priddy – Gesang
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Promotion Werft zur Verfügung gestellt.
