The Pineapple Thief - Far And Wide

Progressive Rock • Artrock • Alternative Rock
(47:43; Vinyl, CD, Digital; InsideOut Music/Sony Music, 09.10.2026)
The Pineapple Thief wollen auf „Far And Wide“ mehr Rockband sein als je zuvor. Sagt der Pressetext. Maximal zwei Gitarren gleichzeitig, keine Akustikgitarre, keine sechsstimmigen Chorsätze – vier Musiker, weniger Firlefanz. Klingt nach Rock. Nur hört man davon erstaunlich wenig.
„Nothing At Best“ vom 2010er „Someone Here Is Missing“ ist beispielsweise rockiger und vor allem heavier als dieses ganze Album zusammengenommen. Zwar gibt es immer wieder derb rockende Momente, etwa das Riff in ‚God Knows‘. Auch ‚Hold The Ashes‘ hat ein griffiges Riff, nur bleibt es so weit im Hintergrund, dass daraus kein echter Rocker wird. Das Problem ist nicht, dass „Far And Wide“ zu wenig Gitarren hätte. Es fehlt schlicht der Druck dahinter. Das Grundgefühl bleibt erstaunlich entspannt.
„Far And Wide“ ist aufgeräumter, direkter und stärker auf den Song konzentriert. Nur ist Aufräumen eben noch keine Verrockung. Wenn die Band schon Ballast abwirft, um mehr nach Rockband zu klingen, hätte sie danach vielleicht auch einmal etwas aufs Gaspedal treten dürfen. Dass es durchaus geht, zeigt ausgerechnet der Bass von Jon Sykes in ‚New World Order‘, der den Song angenehm nach vorne schiebt und deutlich mehr Zug entwickelt als manches der angekündigten Rockelemente.
‚Who Wants It?‘ schlägt mit seiner Grunge-meets-Porcupine-Tree-Ausrichtung sogar eine ziemlich interessante Schneise, ‚Scattering Like Flies‘ gönnt Bruce Soord ein Gitarrensolo und Gavin Harrison darf ohnehin wieder demonstrieren, warum er für diese Band ein Glücksfall ist. Technisch gibt es erwartungsgemäß wenig zu meckern. Überraschungen ebenfalls eher nicht.
Denn The Pineapple Thief können Atmosphäre, Melancholie und kontrollierte Dynamik inzwischen im Schlaf. ‚This Empty Space‘, ‚Through The Noise‘ und ‚No Exceptions‘ funktionieren genau darüber. Nur die Ausflüge in Richtung Prog oder Psychedelic, die der Band früher gelegentlich die Luft zum Atmen gaben, sind weitaus dezenter geworden.
Auch Soords Texte bleiben wenig heiter: Tod, Verlust, gesellschaftlicher Zerfall, moralische Verantwortung. ‚Hold The Ashes‘ macht aus der unvermeidlichen Asche immerhin noch eine Aufforderung, vorher etwas mit dem Leben anzufangen. Mehr Optimismus ist bei The Pineapple Thief offenbar nicht im Lieferumfang.
Für mich ist diese musikalische Kurskorrektur deshalb eher ein Schritt in die falsche Richtung. Wenn schon Rock, dann bitte mit Wumms. Oder eben wieder artrockig, progressiv und psychedelisch wie früher. „Far And Wide“ hängt irgendwo dazwischen: Die progressive Seite wird zurückgenommen, die Rockseite aber nicht konsequent genug aufgedreht. Am Ende bleibt eine Platte, die rockiger aussehen will, als sie klingt.
Handwerklich sitzt natürlich wieder jeder Ton. Nach dem diesjährigen Soord/Sykes-Auftritt beim Midsummer Prog Festival, bei dem zwei Musiker mit erstaunlich wenig Aufwand und noch erstaunlich mehr Nahbarkeit plötzlich sehr viel Leben in die Songs brachten, wirkt „Far And Wide“ stellenweise fast wieder wie die bekannte Qualitätskontrolle auf Albumlänge.
Die Songs funktionieren, die Produktion ist sauber, Gavin Harrison bleibt ein Gewinn und einzelne Momente wie ‚Who Wants It?‘ oder das Riff in ‚God Knows‘ zeigen, dass da durchaus etwas mehr Druck möglich wäre. Aber die angekündigte Verrockung liefert weder die Härte, die sie verspricht, noch lässt die Platte der früheren Abenteuerlust genug Raum. Für eine Band, die musikalisch eigentlich deutlich mehr kann, ist mir das schlicht zu wenig Reibung.
Spannend bleibt deshalb, was diese angekündigte „Verrockung“ live anstellt. Vielleicht bekommt „Far And Wide“ auf der Bühne ja den Wumms, der ihm auf Platte fehlt.
Bewertung: 11/15 Punkten

Besetzung:
• Bruce Soord – Gesang, Gitarre
• Jon Sykes – Bass, Hintergrundgesang
• Steve Kitch – Keyboard
• Gavin Harrison – Schlagzeug
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.