The Dear Hunter, Pale Amber, 02.10.26, Stuttgart, Club Zentral

No Encores For Egos

The Dear Hunter hatten ihre letztjährige Europatour kurzfristig abgesagt, weil das neue Album noch nicht fertig war. Eine Entscheidung, die bei manchen Fans verständlicherweise für wenig Begeisterung sorgte: Bei der überschaubaren Zahl von Konzerten hatten einige schließlich bereits Hotels gebucht und teils lange Anreisen geplant. Inzwischen ist “Sunya” allerdings seit einigen Monaten draußen, und damit stand einer Rückkehr nach Europa nichts mehr im Weg. Neben Festivalauftritten gab es auch einige Clubkonzerte, darunter diesen Abend im Stuttgarter Club Zentral.

The Dear Hunter, Pale Amber, 02.10.26, Stuttgart, Club Zentral
flohfish & Jay-Zee

Beim Euroblast hatte ich The Dear Hunter bereits erlebt. Diesmal sollte es ein Headliner-Auftritt sein, mit mehr Spielzeit und hoffentlich auch einem besseren Sound. Ein weiterer Grund für die Fahrt nach Stuttgart war das persönliche Kennenlernen von Jens, in der Prog-Szene eher als Jay-Zee bekannt, der im Club Zentral unter anderem die Konzertreihe Prog Motion organisiert. Der Club gehört zum Jugendhaus Mitte und war ursprünglich vor allem eine Bühne für junge Bands aus der Region. Daran hat sich im Prinzip nichts geändert – nur dass die Nachwuchsformationen inzwischen auch als Support für etabliertere Namen auftreten. Dass Jens bei der Programmgestaltung ein gewichtiges Wort mitreden kann, dürfte der Prog-Gemeinde jedenfalls kaum zum Nachteil gereichen. Dass sich die regulären Besucher des Jugendhauses eher selten zu den Konzerten verirren, gehört offenbar zu den kleinen Absurditäten dieses Konzepts.

Pale Amber

Pale Amber aus Heilbronn eröffnen den Abend. Die Ankündigung verspricht einen eigenständigen Mix aus Rock, Metal und Alternative, der auf der Debüt-EP “Open Spaces” zwischen atmosphärischen Klangflächen und riffbetonten Passagen angesiedelt ist. Normalerweise gehört auch Keyboarderin Tabea Meingast zur Band, sie ist an diesem Abend allerdings nicht dabei. Auf der Bühne stehen stattdessen zwei Gitarren, sechssaitiger Bass und Schlagzeug. Besonders die Rhythmusgruppe schiebt ordentlich an, während der eigenwillig schräge Gesang von Gitarrist und Sänger Pete Jones sowie Gitarrist Oliver Walter dem Ganzen eine markante Note verleiht. Bassist Moritz Radbruch und Schlagzeuger Alwin Bretz sorgen für ein kräftiges rhythmisches Fundament. Stilistisch reicht die Palette von Alternative-Rock-Vibes bis zu progressiven Passagen, mit gelegentlichen Punk-Einschüben.

Am überzeugendsten sind die dynamischen Wechsel: Zurückhaltende Momente wachsen zu groovenden, dicht arrangierten Abschnitten heran, in denen die Band ihre progressive Seite stärker ausspielt. Dazu kommen ein paar Screams und muntere Sticktricks am Schlagzeug. Auf der Bühne herrscht genügend Bewegung, ohne dass jemand unnötig posieren müsste. Mit einer sympathischen Ansage kündigen Pale Amber den Headliner an und machen zugleich klar, dass auch bei ihnen der Spaß nicht zu kurz kommt.

Hi Stuttgart, there is a big band coming up tonight. Do whatever you want. Make a circle pit. Just have fun.

Das Publikum reagiert wohlwollend, und der Band ist die Freude am Auftritt anzumerken. Dabei stehen Pale Amber noch ganz am Anfang: Ihr erster Auftritt fand erst im November 2025 statt. Vor diesem Hintergrund wirkt die Mischung aus kräftiger Rhythmusarbeit, schrägem Gesang und stilistischer Offenheit bereits vielversprechend. Pale Amber liefern eine unterhaltsame Eröffnung und zeigen, dass ihre Kombination aus Atmosphäre und Druck auch auf der Bühne funktioniert.

Besetzung:
• Pete Jones – Gitarre und Gesang
• Oliver Walter – Gitarre und Gesang
• Moritz Radbruch – Bass
• Alwin Bretz – Schlagzeug

Pale Amber Setlist Club Zentral, Stuttgart, Germany 2026


The Dear Hunter

Pinke Glitzergitarren und eine Talkbox mit ihrem auffälligen Schlauch: The Dear Hunter setzen auch optisch eigene Akzente. Bei diesem Effektgerät wird der Klang eines Instruments durch einen Schlauch in den Mund geleitet und mithilfe der Mundbewegungen wie eine Stimme geformt. Anders als am Tag zuvor in Aschaffenburg, wo ich eher zu den Jüngsten gehörte, fühle ich mich hier plötzlich alt. Das Publikum besteht auffällig häufig aus Menschen zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig. Dazu kommen viele Frauen, die allein zum Konzert gekommen sind – ausdrücklich nicht sexuell gemeint, aber bei Prog-Konzerten erfahrungsgemäß doch eher eine Seltenheit. Und dann wird auch noch erstaunlich viel mitgesungen. Die Stimmung ist von Beginn an bestens.

Vier Songs mehr als beim Auftritt auf dem Euroblast in Köln sorgen für ein längeres Set. Fünf Stücke stammen von “Sunya”, darunter ‘Marauders’, ‘The Bazaareteria’ und ‘The Glass Desert II – Cliffs And Stormlands’. Dazu kommen drei Songs von “Act IV: Rebirth In Reprise”, drei von “Antimai” und zwei von “Act V: Hymns With The Devil In Confessional”. Die Auswahl verbindet den funkigen Groove des aktuellen Albums mit den melodischen Bögen und dramatischen Steigerungen der älteren Stücke. Gerade der Wechsel zwischen diesen unterschiedlichen Facetten macht den Reiz des Sets aus: Die komplexen Arrangements bleiben erhalten, bekommen live aber eine zusätzliche Leichtigkeit, die offenbar auch das Publikum mitnimmt.

Irgendwann machte Gitarrist Rob Parr Bekanntschaft mit technischen Schwierigkeiten an seinen Pedalen. Während ein Fan mit der Taschenlampe seines Handys zur Hilfe eilt, überbrückt Sänger Casey Crescenzo die Pause mit einer Improvisation an den Keyboards. Eine kleine Panne, die sich ziemlich charmant in den Abend einfügt.

Zwischendurch bin ich allerdings auch immer wieder an der Theke zu finden. Die Gesellschaft ist so gut, dass sich bei einem Bier schnell Gespräche ergeben, die länger dauern als geplant. Das liegt keineswegs an der Band – im Gegenteil, The Dear Hunter hätten es durchaus verdient, dass ich die ganze Zeit im Saal geblieben wäre. Aber selbst als Hintergrundbeschallung funktionieren die Stücke wunderbar. Immerhin bekomme ich so auch mit, dass die Band auf Zugaben wenig Wert legt. Casey Crescenzo erklärt, Zugaben seien etwas für Egos, und kündigt stattdessen schlicht drei weitere Songs an.

Noch besser ist sein Monolog darüber, wie seltsam es sei, wenn das Publikum plötzlich still werde. Die Leute nehmen ihn beim Wort und verstummen tatsächlich. Die Band kann sich vor Lachen kaum halten. Solche Momente zeigen eine angenehm lockere Seite von The Dear Hunter: musikalisch präzise, aber ohne die eigene Bühnenroutine allzu ernst zu nehmen. Ein Konzert, das nicht nur durch seinen funkigen Zug und die vielen Mitsingenden in Erinnerung bleibt, sondern auch durch den Humor zwischen Band und Publikum.

Besetzung:
• Casey Crescenzo – Gesang, Gitarre, Orgel
• Rob Parr – Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
• Nick Sollecito – Bass
• Nick Crescenzo – Schlagzeug, Percussion, Hintergrundgesang
• Max Tousseau – Gitarre, Keyboards, Percussion, Hintergrundgesang

The Dear Hunter Setlist Club Zentral, Stuttgart, Germany, Live in Concert - Europe & UK 2026


Fotos: Schlens

The Dear Hunter, Pale Amber, 02.10.26, Stuttgart, Club Zentral

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