TEMIC - Caiba

Progressive Metal
(65:57; Vinyl (2 LP), CD, Digital; Season Of Mist; 02.10.2026)
Ich muss gestehen, dass ich großer Fan der Stimme von Fredrik Klemp bin. Sie war einer der Hauptgründe, warum ich mir seinerzeit sogar die nicht gerade günstige Vinylausgabe von 22s „You Are Creating: Limb 1/2“ ins Regal stellte. Das Ende der Band nahm ich entsprechend mit einiger Trauer zur Kenntnis, fand mit Maraton und deren Alben im Plattenregal aber schnell einen würdigen Ersatz. Dass ich auch bei TEMIC zugriff, dürfte daher niemanden überraschen. Nur konnte mich „Terror Management Theory“ trotz der illustren Besetzung nicht vollends überzeugen. Irgendetwas daran blieb mir zu austauschbar, und beim Hören schlich sich immer wieder der Verdacht ein, dass TEMIC eher ein Nebenprojekt ihrer prominenten Mitglieder war.
„Ceiba“ macht nun erfreulich wenig Anstalten, diesen Eindruck zu bestätigen. Die Platte klingt nicht nach einem Mischmasch aus den aktuellen und früheren Bands ihrer fünf Protagonisten, sondern nach etwas Eigenständigem. Dass Miguel Pereira inzwischen vom Live-Bassisten zum festen Mitglied aufgestiegen ist und diesmal alle fünf am Songwriting beteiligt waren, dürfte dabei geholfen haben. Natürlich erfinden die fünf das Rad nicht neu: Anleihen bei Dream Theater, Leprous, Kingcrow oder Caligula’s Horse lassen sich durchaus heraushören. Trotzdem klingt TEMIC hier nicht wie die nächste Prog-Metal-Kopie aus dem Baukasten, sondern wie eine Band, die inzwischen ihre eigene Identität gefunden hat.
Ganz wesentlich wird diese von Fredrik Klemp getragen. Sein Gesang geht mir tief unter die Haut, irgendwo zwischen emotional mitreißend und herzzerreißend. Er bewegt sich durchaus in hohen Gefilden, ohne sich allzu sehr auf Kopfstimme zu verlassen, wie etwa Einar Solberg oder Steve Hogarth. Das passt hervorragend zu einem Album, dessen thematische Klammer Verlust in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen ist: Trennung, Angst, Schmerz, Tod und Loslassen. Der namensgebende Ceiba-Baum, der in der Maya-Kosmologie Himmel, Erde und Unterwelt verbindet, liefert dafür die passende Metapher.
Vor allem erreichen mich die Songs diesmal auf einer deutlich emotionaleren Ebene als jene des Debüts. „Broken“ bleibt im Scherbenhaufen einer co-abhängigen Beziehung, während „Ceased To Be“ den Tod weniger als Katastrophe denn als Übergang betrachtet. Die Texte müssen dafür keine lyrischen Purzelbäume schlagen. Manchmal reicht es, wenn ein Sänger klingt, als würde ihm das gerade tatsächlich etwas bedeuten.

Musikalisch gibt es ordentlich Druck auf die Gitarren, ohne komplett im Djent zu verheddern. Eric Gillette ist ein grandioser Prog-Gitarrist, sein Spiel hatte für mich allerdings lange diesen gewissen Morse-Geschmack. Auf „Ceiba“ bekomme ich davon erfreulich wenig mit. Seine Fingerfertigkeiten blitzen in geschmackvollen Soli auf, ohne dass daraus eine einstündige Bewerbung für den nächsten Gitarrenlehrgang wird.
Auch Diego Tejeida agiert angenehm zurückhaltend. Er fällt weniger durch Tastenhexerei als durch sein atmosphärisches Sounddesign auf. Seine Klangflächen haben stellenweise beinahe etwas kuschelig Gemütliches und geben Klemps verträumtem Gesang einen passenden Resonanzraum. Gerade weil Tejeida sich nicht permanent in den Vordergrund drängt, bleibt ihm umso mehr Raum, die Atmosphäre der Songs zu prägen.
Untenrum sorgen Simen Sandnes und Miguel Pereira dafür, dass diese Klanglandschaften nicht davonsegeln. Sandnes spielt energiegeladen und durchaus groovy, während Pereiras Bass gegenüber dem Debüt wesentlich prägnanter ausfällt. Zusammen bilden sie das druckvolle Fundament für Klemp, Tejeida und Gillette. Überhaupt funktioniert das Zusammenspiel der fünf diesmal bemerkenswert gut.
Und damit ist TEMIC dort angekommen, wo ich sie beim Debüt noch nicht gesehen habe: nicht als Ansammlung prominenter Prog-Musiker, sondern als Band. Das Rad bleibt rund, aber inzwischen weiß TEMIC ziemlich genau, wohin damit.
Bewertung: 13/15 Punkten

Besetzung:
• Fredrik Klemp – Gesang
• Eric Gillette – Gitarre, Begleitgesang
• Diego Tejeida – Keyboards, Sound Design
• Simen Sandnes – Schlagzeug
• Miguel Pereira – Bass
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Season Of Mist zur Verfügung gestellt.