Swans - Newly Sentinent Being

Swans - Newly Sentinent Being (Mute/Young God Records; 02.10.2026)

Experimental Rock • Post Rock • Noise Rock • Drone • Industrial
(2:40:23; Vinyl (4LP) + DVD, 2CD + DVD, Digital; Mute/Young God Records/[PIAS]; 02.10.2026)
Waren die letzten Alben schon Monsterplatten, sprengt diese Liveveröffentlichung mit ihren gut 160 Minuten Spielzeit sämtliche Register. Fünf Stücke reichen dafür völlig aus – fast jedes davon bringt es auf die Länge eines gewöhnlichen Studioalbums. „Newly Sentient Being“ dokumentiert den letzten großen Auftritt von Swans im November 2025 in Berlin und damit den Schlusspunkt ihrer fünfzehnjährigen „Big Sound“-Phase. Und natürlich verabschiedet man sich nicht mit einem gepflegten „Tschüss und bis demnächst“, sondern mit einem brandneuen, knapp 53-minütigen Titelsong.

Insgesamt sind sogar zwei der fünf Brocken bislang unveröffentlicht. ‚The End Of Forgetting‘ eröffnet mit fast 40 Minuten und gehört dabei wohl zu den Highlights des bisherigen Swans-Schaffens. Nicht bloß endlose Wiederholung bis zum Hirntod, sondern echte Dynamik und Dramaturgie: Der Track baut Spannung auf, verdichtet sich und packt emotional. ‚The Merge‘ aus „Birthing“ und ‚Paradise Is Mine‘ aus „The Beggar“ liefern dazwischen gewohnt ausuferndes Material, bevor ‚Newly Sentient Being‘ noch einmal 53 Minuten lang so ziemlich alles bündelt, was Swans in den vergangenen 15 Jahren aus ihrem „Big Sound“ herausgeholt haben. Tranceartige Wiederholungen, wuchtige Grooves, Dröhnen und ekstatische Ausbrüche türmen sich zum psychedelischen Monolithen. Den Abschluss bildet ‚The End Of Regretting‘ – immerhin auch noch eine Viertelstunde lang. Fünf Stücke. 160 Minuten. Swans eben.

Dazwischen und darüber ist ohnehin irgendwann nicht mehr wichtig, wo ein Song aufhört und der nächste beginnt. Das war schon 2024 in Köln so: Aus Drone, Noise, Post Rock, Industrial, Blues und Jazz wächst ein Klangkörper, der weniger gehört als körperlich ausgehalten werden will. Wo andere Bands ihre Stücke auf der Bühne etwas aufhübschen, nehmen Swans sie auseinander und setzen sie anschließend als noch größeren Brocken wieder zusammen.

Die Besetzung dieser letzten „Big Sound“-Runde: Michael Gira, Norman Westberg, Kristof Hahn, Dana Schechter, Phil Puleo, Larry Mullins und Christopher Pravdica. Sie treiben das Swans-Prinzip noch einmal bis zur physischen Belastungsgrenze. Gira hat danach allerdings genug vom Großformat. Swans bleiben bestehen, sollen künftig aber mit einer deutlich reduzierten, intimeren musikalischen Palette arbeiten. Wie viel Swans in weniger Swans steckt, dürfte eine der interessanteren Fragen der nächsten Jahre sein.

Eine hübsche Parallele zu The Ocean drängt sich auf: Auch Robin Staps bleibt dort als kreativer Kopf erhalten, während eine langjährige Bandphase endet. Nur sind die Berliner schon einen Schritt weiter, haben ihr neues Album bereits aufgenommen und entwickeln ihren Sound trotz des personellen Umbruchs weiter. Gira dagegen kündigt keinen nächsten Evolutionsschritt an, sondern ziemlich offen einen musikalischen Schnitt.

Nach gut 160 Minuten ist jedenfalls klar, warum. Mehr „Big Sound“ dürfte kaum noch gehen, ohne dass Swans irgendwann einen eigenen Stromanschluss beim Veranstaltungsamt beantragen müssen. „Newly Sentient Being“ ist ein monströser, hypnotischer und gelegentlich schlicht absurder Schlussstrich unter eine Ära. Und damit ziemlich genau das, was man von Swans zum Abschied erwarten durfte.
Bewertung: 13/15 Punkten


Swans - Newly Sentinent Being (Mute/Young God Records; 02.10.2026)
Credit: Mac Janas

Besetzung:
• Michael Gira – Gesang, Gitarre
• Norman Westberg – Gitarre
• Kristof Hahn – Gitarre, Lap-Steel-Gitarre
• Dana Schechter – Bass
• Christopher Pravdica – Bass
• Phil Puleo – Schlagzeug, Percussion
• Larry Mullins – Schlagzeug, Percussion, Keyboards

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Mute zur Verfügung gestellt.