Susanne Sundfør With Kit Downes - Revelations Of Divine Love

Susanne Sundfør - Revelations Of Divine Love (Bella Union/Bertus; 02.10.2026)

Orgelmusik • Kirchenmusik • Experimental • Art Pop
(40:29; Vinyl, CD, Digital; Bella Union/Bertus; 02.10.2026)
Das ist die Art von Musik, für die selbst Nichtgläubige freiwillig in eine Kirche gehen könnten. Susanne Sundfør macht auf „Revelations Of Divine Love“ zwar kein christliches Bekenntnisalbum, bewegt sich aber durchgehend in hochspirituellen Gefilden. Dafür sind Gesang und Orgel ziemlich genau die richtige Besetzung. Die Orgel schafft den sakralen Raum, Sundførs Stimme sorgt dafür, dass darin trotzdem Menschen und keine Heiligenstatuen herumstehen.

Ausgangspunkt ist Juliana Von Norwich, Mystikerin und Verfasserin der „Revelations Of Divine Love“. Während einer schweren Erkrankung soll sie 1373 sechzehn mystische Offenbarungen empfangen haben. Sundfør greift auf die Übersetzung von Grace Warrack zurück, macht daraus aber keine mittelalterliche Museumsführung. Liebe, Angst, Schmerz, Geburt und Verwandlung sind schließlich immer noch ziemlich aktuelle Themen.

Besonders schön zeigt sich das bei ‚All Shall Be Well‘. Juliana Von Norwichs berühmtester Gedanke wird hier zur Meditation über die Geburt: Oxytocin, Atem, Angst, Geborgenheit und Verwandlung treffen auf Spiritualität. Das ist weniger entrückte Mystik als ziemlich körperliche Angelegenheit. Das Göttliche steckt hier offenbar mitten im menschlichen Schlamassel.

Musikalisch reduziert Susanne Sundfør nach elektronischem Pop, orchestraler Pracht und diversen Grenzüberschreitungen radikal. Stimme und Orgel, mehr gibt es nicht. Aufgenommen wurde das Album im November 2024 live in der Bragernes Kirke im norwegischen Drammen. Die Akustik des Kirchenraums ist deshalb nicht bloß Kulisse, sondern Teil des Sounds. Gemeinsam mit Kit Downes, selbst Orgel- und Jazzspezialist, macht Sundfør daraus allerdings keine Sammlung hübscher Kirchenlieder. Mal baut Downes mächtige Klangräume, mal bleibt kaum mehr als ein einzelner Ton übrig. Dazwischen singt Sundfør oft so leise, dass man automatisch näher an die Lautsprecher rückt.

Und dann klingt das tatsächlich manchmal nach Kirchenmusik, an anderer Stelle aber eher nach Ambient. Die Orgel verliert ihren sakralen Auftrag und wird zur Klangfläche, Sundførs Stimme schwebt darüber. Das funktioniert oft ausgesprochen gut, verlangt über die gesamte Strecke aber etwas Geduld. Gerade die konsequente Reduktion ist Stärke und Schwachpunkt zugleich: Sie schafft eine eigenwillige Atmosphäre, lässt aber wenig Ausweichraum, wenn ein Stück einmal nicht richtig zündet. Die Spoken-Word-Passagen verstärken diesen Eindruck noch.

Susanne Sundfør - Revelations Of Divine Love (Bella Union/Bertus; 02.10.2026)

Auch das Cover passt. Die Kohlezeichnung zeigt eine Frau im Moment der Geburt und stellt damit die Körperlichkeit ins Zentrum, die auch musikalisch eine Rolle spielt. Beim alternativen Artwork für Streamingdienste wird derselbe menschliche Körper dann plötzlich zum Problem, weil bestimmte Darstellungen nackter Körper nicht akzeptiert werden. Ein Album über Geburt, Schöpfung und Spiritualität, dessen Körperdarstellung an Content-Regeln scheitert – unfreiwillig komisch ist das schon.

Und irgendwo passt dazu sogar die kleine Randnotiz, dass Juliana Von Norwich angeblich eine Katze gegen die Ratten in ihrer Zelle hielt. Die große Mystikerin also mit Haustier und Schädlingsbekämpfung. Auch Sundfør holt ihre Spiritualität nie ganz aus der Welt heraus.

„Revelations Of Divine Love“ ist eine konsequente Reduktion auf Stimme, Orgel und Kirchenraum. Die Idee trägt weit, aber nicht jeden Moment. Ein eigenwilliges, atmosphärisches Album, das seine Wirkung vor allem dann entfaltet, wenn man ihm die nötige Ruhe gibt.
Bewertung: 11/15 Punkten


Susanne Sundfør - Revelations Of Divine Love (Bella Union/Bertus; 02.10.2026)
Credit: Sunniva Hartgen

Besetzung:
• Susanne Sundfør – Gesang
• Kit Downes – Orgel

Gastmusiker:
• Jørgen Træen – Electronic Treatments
• Marta Warelis – zusätzliche Orgel

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.