Shortparis - Илиада

Avantgarde • Post Punk • Experimental Prog • Electronic
(59:08; Digital; Fenix Music; 09.10.2026)
Dass ein russischsprachiges Album überzeugt, obwohl man kein Wort der Texte versteht, kommt eher selten vor. Bei „Илиада“ braucht es allerdings keine Übersetzung, um die Grandeur dieses musikalischen Irrgartens anzuerkennen. Wobei ich fest davon überzeugt bin, dass die Lyrics das Ganze noch eine Ebene höher hieven könnten. Shortparis vermengen Post-Punk, Elektronik, Avantgarde und progressiven Größenwahn zu einem mal funkigen, mal jazzigen, dann wieder schrägen Kunstpop, der stellenweise Richtung Fusion Prog schielt. Die stilistische Wundertüte geht dabei erstaunlich selten nach hinten los.
Wer vor allem den kantigen, elektronisch grundierten Post-Punk der älteren Shortparis erwartet, dürfte sich erst einmal neu sortieren müssen. Gerade langjährige Fans könnten mit dieser Öffnung ihre Probleme haben. Für mich ist das allerdings kein Identitätsverlust, sondern eine Erweiterung des Sounds, die der Band ausgesprochen gut zu Gesicht steht.
Schon ‚Пой Со Мной‘ überrascht mit einem proggigen Funk-Ausflug, der stellenweise an die letzten beiden Alben von The Dear Hunter erinnert. ‚Молодость‘ lässt mit opulenten Bläsern und treibendem Rhythmus die ältere Shortparis-DNA durchscheinen. ‚Гвоздь‘ klingt auf rund viereinhalb Minuten geradezu episch, bleibt aber sensibel und melodisch: wunderschöner Avant-Pop, der gelegentlich an Gazpacho denken lässt. ‚Первая‘ schlägt vom klassisch-theatralischen Klavierauftakt über Funk und Jazz einen progressiven Bogen, der auch jüngeren Marillion gut zu Gesicht stünde. Ein Song, der sich offenbar nicht auf ein Genre festlegen lassen will.
Die Stimme von Nikolai Komyagin ist dabei ein Ereignis für sich. Das helle, bewegliche Goldkehlchen trillert wie eine Nachtigall durch die Arrangements und gibt im nächsten Moment den exaltierten Zeremonienmeister. Man liebt diese Theatralik oder möchte vermutlich spätestens nach dem dritten Stück die Flucht ergreifen. ‚Счастье‘ bleibt mit seiner Bläsermelodie prompt als Ohrwurm hängen, während die kurze ‚Интерлюдия I‘ Komyagin ins Rampenlicht rückt.

‚Русская Тоска Или Песня Слабака‘ besitzt einen leichten King-Crimson-Einschlag, bleibt aber angenehm eigenwillig. Bei ‚Седьмая‘ treffen vokale Akrobatik, Fusion und elektronische Rhythmen aufeinander. Der Titeltrack knüpft zunächst stärker an den klassischen Shortparis-Sound mit seinen Post-Punk-Wurzeln an, bevor die brillant arrangierten Bläser das Stück zu einem zunehmend epischen Avantgarde-Epos ausbauen. Ganz großes Kino – bei diesem Titel darf es schließlich auch ein bisschen Epos sein.
‚Он Победа‘ glänzt mit Bläsern, schimmernden Synthesizern und herrlich blubberndem Bass. ‚Заново‘ setzt auf einen markanten Basslauf, eine einprägsame Melodie und Komyagins eigenwillige Gesangslinien. Danach wird es melancholischer: ‚Колыбельная‘ besitzt eine wunderbare Folk-Seele, ‚Интерлюдия II‘ malt mit Gesang und Klavier ein kleines musikalisches Gemälde. ‚Прощальная‘ beschließt das Album mit einem Gesang, der orientalische, vielleicht auch orthodox-russische Assoziationen weckt. Zusammen mit dem Klavier könnte das Stück problemlos in einer Kirche bestehen – ein würdiger Abschluss.
Dass Nikolai Komyagin am 20. Februar 2026 im Alter von gerade einmal 39 Jahren gestorben ist, lässt sich beim Hören kaum ausblenden. Seine Stimme ist auf allen 14 Stücken präsent, und gerade die immense Spielfreude macht diesen Gedanken schmerzhaft. Ob „Илиада“ in dieser Form als Abschied gedacht war, ist nicht bekannt. Das Album auf ein Vermächtnis zu reduzieren, würde ihm ohnehin nicht gerecht: Dafür steckt zu viel musikalischer Übermut und Lust am Ausprobieren darin. Trotzdem tut es verdammt weh zu wissen, dass man dieses Album niemals genau in dieser Form live erleben können wird.
„Илиада“ ist ein unglaublich vielseitiges, theatralisches und progressives Werk, das sich weder von Sprachbarrieren noch von Genregrenzen beeindrucken lässt.
Bewertung: 14/15 Punkten

Besetzung:
• Nikolai Komyagin († 2026)
• Alexander Ionin
• Pavel Lesnikov
• Danila Kholodkov
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Shortparis zur Verfügung gestellt.