Marillion, Unbelievable Truth, 23.10.26, Eindhoven (NL), Muziekgebouw, Hertog Jan Zaal

You Never Miss It Till It’s Gone

Marillion waren lange meine Lieblingsband. Eigentlich sind sie das immer noch, auch wenn ich mir da inzwischen nicht mehr ganz so sicher bin. Neues Studiomaterial ist rar, bei der schieren Flut an Neuveröffentlichungen höre ich selbst die alten Platten längst nicht mehr so häufig wie früher, und auch die jährlichen Tourbesuche gehören der Vergangenheit an. Dafür veranstaltet die Band mittlerweile beinahe jedes Jahr mehrtägige Fan-Conventions mit mehreren Konzerten, die sich von Jahr zu Jahr auf weitere Länder ausdehnen. Eine schöne Sache für die Fans, aber eben kein Ersatz für eine reguläre Tour.

2026 war es endlich wieder so weit. Dumm nur, dass sämtliche Deutschlandtermine mit meinem Urlaub kollidierten. Auch das nahegelegene Heerlen kam terminlich nicht infrage, sodass Eindhoven als einzige Alternative blieb. Drei Stunden Fahrt pro Strecke für einen Konzertabend – da zögert selbst der geneigte Fan kurz. Dann war die Akkreditierungsanfrage aber doch abgeschickt, und wenig später kam von Marillion-Managerin Lucy die erfreuliche Zusage. Dass beide Abende im Muziekgebouw bereits ausverkauft waren, machte die Sache nicht unbedingt weniger reizvoll. Nun musste sich der Aufwand nur noch lohnen.

Die Deutschland- und UK-Tour lagen da bereits hinter der Band, auch die Tour durch die Niederlande neigte sich dem Ende entgegen. Der zweite Abend im Hertog Jan Zaal war zugleich der letzte niederländische Termin, bevor es in Frankreich weitergehen sollte. Die Setlists hatten sich im Verlauf der Tour an einigen Stellen verändert, sodass auch für alte Hasen nicht vorhersehbar war, welche Songs diesmal auf dem Programm stehen würden. Für mich also ein etwas aufwendigerer Anlauf, um eine Band wiederzusehen, die in meinem musikalischen Leben einmal einen deutlich größeren Platz eingenommen hatte.

Unbelievable Truth

Als Vorgruppe stand mit Unbelievable Truth eine mir bis dahin unbekannte Band auf der Bühne. Eine kurze Recherche förderte immerhin eine interessante Verbindung zutage: Sänger und Gitarrist Andy Yorke ist der jüngere Bruder von Radiohead-Frontmann Thom Yorke. Musikalisch sollte man daraus allerdings keine allzu weitreichenden Schlüsse ziehen. Unbelievable Truth bewegen sich eher zwischen akustischem Alternative Rock und Folk, und wenn überhaupt, erinnern einzelne Balladen entfernt an die zugänglichere Seite von Radiohead. Experimente oder größere stilistische Ausschläge sind hier jedenfalls nicht zu erwarten.


Das Trio besteht neben Andy Yorke aus Nigel Powell, der Keyboard, Akustikgitarre und Gesang beisteuert, sowie Jason Moulster am E-Bass. Über die rund 30 Minuten hinweg bleibt das musikalische Grundmuster weitgehend konstant. Die Songs sind angenehm anzuhören, die Klangfarben ändern sich jedoch kaum, und auch in Sachen Dynamik und Arrangement hält sich die Band eher an ein vertrautes Schema, als dass sie ihre Stücke in unerwartete Richtungen entwickelt. Für einen Prog-Fan passiert da unterm Strich schlicht zu wenig.

Dabei gibt es durchaus Dinge, die für den Auftritt einnehmen. Besonders der stellenweise dreistimmige Harmoniegesang gefällt mir, und auch die Akustik im Hertog Jan Zaal erweist sich als ausgesprochen fein aufgelöst. Man hört nicht nur die einzelnen Instrumente klar voneinander getrennt, sondern bisweilen sogar das Rutschen und Quietschen der Finger auf den Gitarrensaiten.

Das hat seinen Reiz und passt zur zurückgenommenen Musik der Briten. Unbelievable Truth liefern damit ein solides, schön anzuhörendes Vorprogramm – nur eben eines, das mich als Freund komplexerer musikalischer Entwicklungen nicht nachhaltig aus der Reserve lockt.

Marillion, Unbelievable Truth, 23.10.26, Eindhoven (NL), Muziekgebouw, Hertog Jan Zaal

Besetzung:
• Andy Yorke – Gesang, Akustikgitarre
• Nigel Powell – Keyboard, Akustikgitarre, Gesang
• Jason Moulster – E-Bass, Gesang

Unbelievable Truth Setlist Muziekgebouw (Grote Zaal), Eindhoven, Netherlands 2026


Marillion

Steve Hogarth aka h ist grau geworden. Oder genauer: Er scheint seine Haare inzwischen nicht mehr zu färben. Die Jahre sind also auch an Marillions Frontmann nicht spurlos vorbeigegangen, was bei einer Band, die mich seit Jahrzehnten begleitet, eine etwas absurde Feststellung ist. So richtig alt fühlt man sich schließlich erst, wenn die Musiker, mit denen man groß geworden ist, plötzlich auch so aussehen.

Mit ‘Gaza’ geht es gleich zur Sache. Das Stück ist nicht nur eines der härtesten, sondern auch eines der längsten im Marillion-Katalog und als Opener ein Statement, das sich gewaschen hat.

Danach folgt mit ‘You’re Gone’ ein deutlich zugänglicherer Publikumsliebling, der mit reichlich Klatschen quittiert wird. Bei ‘Fantastic Place’ wird es dann erstmals so richtig marillionesque: weite Klangflächen, eine schwelgerische Atmosphäre und dieses schwer zu beschreibende Gefühl, das die Band in ihren besten Momenten auslösen kann. Man kennt das alles, und doch ist es schön, wieder mittendrin zu sein.

We have been here many times in this venue, but it has never been as good as yesterday.

Ein kleiner Seitenhieb auf den Vorabend, der hier offenbar besonders gelungen war. Dann kündigt h ‘Seasons End’ an. Und plötzlich ist sie da, diese Gänsehaut, für die sich die lange Fahrt allein schon gelohnt hätte. Steve Rothery spielt sich mit seiner Gitarre in Regionen, in denen technische Finesse herzlich egal ist. Das ist schlicht ein Meisterwerk. Besonders das lange Outro entfaltet live eine ungeheure Wirkung: Die Spannung wird langsam aufgebaut, die Atmosphäre verdichtet sich, und Rothery muss dafür nicht einmal besonders viel tun. Manchmal reicht eben die richtige Note zur richtigen Zeit.

Ein neues Album haben Marillion übrigens auch. Also, nicht wirklich.

We have new album out! No, we don’t. We have a new album out in my mind.

So erklärt Hogarth und kündigt an, dass ein Stück darauf vertreten sein werde. Es geht um ‘Ribbons And Lace’, dessen Entstehungsgeschichte er zum Besten gibt. In der ersten Woche des Lockdowns habe er sich einen Zahn ausgeschlagen und entsprechend wie ein Pirat ausgesehen. Einen Zahnarzttermin bekam er erst für das folgende Jahr. Ian Mosley kannte offenbar eine Frau, die ihm ein Gebiss hätte anfertigen können – für Fotosessions hätte er es aufsetzen und sich ansonsten weiter als Pirat präsentieren können. Als der Lockdown schließlich vorbei war, ging h zum Zahnarzt. Der Zahn, um den es in dem Song geht, sei nicht echt; der Rest der Strophen handle vom Älterwerden und davon, was einem durch den Kopf geht, wenn man hübsche junge Frauen sieht. Man muss den Mann einfach mögen.

Musikalisch beginnt ‘Ribbons And Lace’ bluesig, mit einer auffälligen Kopfstimme, die nicht immer ganz treffsicher sitzt. Mosley trommelt jazzig, während Mark Kelly mit seinem Klavier zu Beginn sehr dominant im Vordergrund steht. Später folgt ein langgezogenes Gitarrenstück, das fast wie ein Solo klingt, ohne im klassischen Sinne eines zu sein. Der Song hat durchaus Charme, auch wenn er mich nicht sofort vom Hocker reißt.

Bei ‘Hotel Hobbies’ ist das anders. Diese Gitarre, diese Klaviermelodie – zum Niederknien. Und dann dieses Solo! Es sind solche Momente, in denen sich die langjährige Vertrautheit mit der Musik nicht abnutzt, sondern plötzlich wieder mit voller Wucht bemerkbar macht. Tränen in den Augen sind da keine Übertreibung.

‘Hotel Hobbies’ wird weitgehend instrumental gespielt, erst in der letzten Strophe setzt Steve Hogarth wieder ein, und statt des erwarteten ‘Warm Wet Circles’ gibt es nach dem Break die bekannten Anfangsnoten von ‘Afraid Of Sunlight’ zu hören, einem der stärksten Lieder der frühen h-Ära. Das ist so ergreifend, dass sich die Gänsehaut gleich noch einmal meldet.

Danach überrascht ‘Go!’ ausgerechnet als Wiederentdeckung. Ewig nicht mehr gehört, frage ich mich, warum eigentlich. Das Stück war seinerzeit eines der Highlights auf “Marillion.Com”, und auch heute hat es nichts von seiner atmosphärischen Sogwirkung verloren.

Hogarth stellt anschließend Steve Rothery vor, und die Halle bebt.

I am not gonna mention him again. This is a song about us, especially about him.

Es folgt ‘Lucky Man’. Der Mittelteil klingt etwas anders als auf Platte, und auch wenn das Stück wohl nie mein Lieblingslied werden wird, sitzt der zweistimmige Gesang mit Pete Trewavas ausgezeichnet. Der Refrain wäre eigentlich wie geschaffen zum Mitsingen, doch das Publikum hält sich damit eher zurück. Der Applaus fällt trotzdem angemessen aus.

Vor ‘Care’ widmet h das Stück den Menschen, die sich während der Pandemie bei der Betreuung anderer selbst in Gefahr gebracht hätten. Was folgt, ist eines der vielen Highlights des Abends. Auf Platte hatte mich der vierteilige Zyklus nicht besonders abgeholt, live entwickelt er jedoch eine ganz eigene Wucht. Der Klang ist hervorragend: Steve Hogarth‘ Metallglocke sorgt für einen markanten Percussion-Sound.

Trewavas’ Bass brummt und knarzt, Mosley arbeitet wie ein Uhrwerk, Rothery legt seine Gitarre darüber und Kelly schafft die passende Atmosphäre. Rhythmisch ist das großartig, und plötzlich erschließt sich mir das Stück viel unmittelbarer als auf der Aufnahme. Offenbar hat ‘Care’ live schlicht die Zeit bekommen, die es braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Danach gibt es die ersten Standing Ovations des Abends.

This is one of the first songs we wrote.

Hogarth erklärt das und Rothery greift zur Akustikgitarre. h fragt das Publikum nach dem Titel; ‘Easter’, lautet dessen frenetische Antwort. Bei diesem Song ist dann kein Halten mehr: Die Halle singt mit, und als Rothery seine elektrische Gitarre dazunimmt, wird es endgültig zum Niederknien. Auch Mark Kelly darf sich gesanglich beteiligen. Das Stück ist einer jener Songs, die sich längst von ihrer ursprünglichen Studioversion gelöst haben und live eine ganz eigene Selbstverständlichkeit besitzen.

Danach geht es ins “Brave”-Land: Bei ‘Wave’ und ‘Mad’ dreht h völlig ab.

Und schließlich ‘The Great Escape’ mit seinen beiden Anhängseln bilden einen düsteren, intensiven Block. h dreht noch einmal auf, und bei ‘The Great Escape’ hört man zahlreiche Stimmen aus dem Publikum mitsingen. Die Band spielt sich hier nicht einfach durch drei alte Songs, sondern baut eine Spannung auf, die sich bis zum Ende hält. Gerade ‘The Great Escape’ entfaltet live eine Intensität, die dem Stück bestens steht.

Als Marillion die Bühne verlassen, ist der Abend eigentlich schon ein Erfolg. Doch natürlich kommen sie noch einmal zurück – und liefern mit ‘Splintering Heart’ gleich einen echten Klassiker. Schon das blaue Licht und die ersten Töne lassen mich innerlich ausrasten.

Das ist für mich der Höhepunkt des Abends, mit einem Steve Hogarth, wie man ihn liebt: präsent, intensiv und mit Cricketschläger – ganz in seinem Element.

Dass danach mit ‘The Release’ eine der vielleicht besten B-Seiten der Bandgeschichte folgt, verleiht dem Ganzen einen besonderen Akzent.

Für die zweite Zugabe bleibt dann ‘Sugar Mice’. Das Publikum singt lautstark mit, und die Glückseligkeit ist nicht nur auf den Rängen zu spüren. Auch der Band scheint der Abend sichtlich Freude zu bereiten. Nach all den Jahren ist es ein schönes Gefühl, diese Songs gemeinsam mit so vielen anderen Menschen zu erleben – ohne dass man dafür die eigene Vergangenheit verklären müsste.

Drei Stunden Fahrt pro Strecke, ein Vorprogramm, das mich nur bedingt erreicht hat, und eine Band, die ich inzwischen viel seltener sehe als früher. Hat sich das gelohnt? Und wie. Marillion sind immer noch meine absolute Lieblingsband, auch wenn ich sie nicht mehr jedes Jahr live erleben kann. Vielleicht ist das sogar ganz gut so. Wenn man sich seltener sieht, weiß man die Momente, in denen es wieder klickt, umso mehr zu schätzen.

Marillion, Unbelievable Truth, 23.10.26, Eindhoven (NL), Muziekgebouw, Hertog Jan Zaal

Besetzung:
• Steve “h” Hogarth – Gesang, Keyboards, Percussions, Gitarren, Cricket Bat
• Steve Rothery – Gitarren
• Mark Kelly – Keyboards, Begleitgesang
• Pete Trewavas – Bass, Begelitgesanh
• Ian Mosley – Schlagzeug

Marillion Setlist Muziekgebouw (Grote Zaal), Eindhoven, Netherlands, Live 2026


Fotos: Prog in Focus

Marillion, Unbelievable Truth, 23.10.26, Eindhoven (NL), Muziekgebouw, Hertog Jan Zaal

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