Laibach, 25. & 26.09.26, Ljubljana (SI), Kino Šiška

Was ist Kunst, Laibach?

Stichpunkte eines Konzertberichts

Laibach1, Uwe Faltermeier
Kosolec, ein Wahrzeichen Sloweniens „The national anthem“. Osrednjeslovenska, 2023

“Ladies, gentlemen, others. Slaves to the algorithm! Welcome to the concert. This is not entertainment, but an audiovisual protocol designed to intervene in your brain and psyche through intensity, contradiction and ritual. Remain calm and hold your breath. Participation is mandatory. Pleasure is optional. If you feel uncomfortable, that’s okay. We are Laibach.”

Nahezu alles von Laibach, LaibachKunst (wie der Name genau genommen lautet) ist schwer zu ertragen. Bestenfalls Klugscheißer-Musik. Natürlich gibt es Ausnahmen – wie immer: der symphonische Theater-Soundtrack „Macbeth“ for example. Oder ihre sakrale Version von „Across the universe“. Vielleicht dann, wenn sie es ernst meinten.

Laibach2, Uwe Faltermeier
Funktioniert Provokation heute noch? Werbung. Jarše, 2026

Videoprojektionen, Strobolight, Tänzerinnen, Elektrobeats, wie aus einem zu laut schreienden Auto. Zwei Abende lang geb ich mir die (Fast-)Heimspiele in Ljubljana. Fast, weil Laibach 1980 in der etwa eine Autostunde entfernten Bergarbeiterstadt Trbovlje gegründet wurde. Das Ruhrgebiet ist seit zwanzig Jahren meine Heimat („Hello darkness, my old friend“).

Die Idee der Neuen Slowenischen Kunst, Laibach hat sich dieser Kunstbewegung 1983 angeschlossen, ist ein Konglomerat aus Provokation, schwarzem Humor, Historie und einem unerbittlichen Spiegel – einem Spiegel der Dir, der Bourgeoisie, dem Regime vorgehalten wird. In den 1980er-Jahren war der von den Nazis verwendete deutsche Name von Ljubljana ein no-go; Auftrittsverbote.

Laibach3, Uwe Faltermeier
Ist nicht ernst gemeint? „Slaves to the algorithm“. Kino Šiška, 2026

Europatournee. In Berlin kosten die Karten 100 Euro. Für eine Revue aus Kritik an schlechtem Geschmack. Und der Ambiguität, das nicht richtig einordnen zu können.
Zuviel widersprüchliche Informationen for my brain: eine Form des Sozialismus‘, eine Arbeiterstadt unter Bergbauern, fuck your parents, dies und das… dann prallt der Punk auf. Und fast ein halbes Jahrhundert später rudern wir knietief im Trash.

„A different factory“ – drei Fragen/Antworten

I. Kino Šiška schreibt über Laibach: „…und schlagen ein neues Kapitel in ihrer Geschichte auf.“ Wie würden Sie dieses Kapitel im Verhältnis zu Ihrer bisherigen Geschichte beschreiben?

Laibach: Es steht in einem entsprechenden Verhältnis. Jedes neue Kapitel bei Laibach ist zugleich Fortsetzung, Korrektur und Widerspruch zum vorangegangenen.
*MUSICK* ist vielleicht unser kollektivstes Album und paradoxerweise eines unserer „Industrial“-Alben – nicht unbedingt im Sinne des Klangs, sondern hinsichtlich der Methode und des Themas. Industrie besteht heute nicht mehr primär aus Fabriken, Maschinen und Arbeitern. Sie besteht aus Informationen, Algorithmen, Plattformen, Aufmerksamkeit und endloser Produktion. Musik selbst ist zu einem industriellen Überschuss geworden: Hunderttausende neuer Titel erscheinen täglich und konkurrieren um wenige Sekunden menschlicher Aufmerksamkeit.
1980 reagierten wir auf die industrielle Realität, die uns in Trbovlje umgab. Heute reagieren wir auf eine andere Fabrik – eine, die überall und nirgendwo ist und in der wir zugleich Arbeiter, Konsumenten und Produkte sind. Dieses neue Kapitel ist also keine Abkehr vom „ursprünglichen“ Laibach. Es ist eine Rückkehr dazu unter radikal veränderten technologischen Bedingungen.

Laibach4, Uwe Faltermeier
Ein Wandel in Struktur & Zeit „Brat moj (revisited)“. Trbovlje, 2026

II. Was ist die beeindruckendste Veränderung seit 1980: a) für Laibach; b) für die Stadt Trbovlje?

Laibach: Für Laibach besteht die beeindruckendste Veränderung darin, dass wir uns nicht verändert haben. Oder genauer gesagt: Wir haben uns kontinuierlich verändert, um das zu bleiben, was wir sind.
Die beeindruckendste Veränderung in Trbovlje verhält sich fast umgekehrt. Das industrielle Umfeld, das uns hervorgebracht hat, ist weitgehend verschwunden. Die Minen wurden geschlossen, die Fabriken wandelten sich oder verschwanden, und die Sozialstruktur veränderte sich grundlegend. Die Stadt musste ihre Identität neu erfinden, nachdem sie einen Großteil jener materiellen Welt verloren hatte, um die herum diese Identität aufgebaut war.
Aber der höchste Schornstein Europas steht noch immer dort. Und Laibach auch.

III. Sie haben sich von Staatsfeinden zu einem nationalen Kulturgut und – neben Slavoj Žižek – zu einem kulturellen Exportartikel gewandelt. Widerspricht das nicht Ihrem künstlerischen Ansatz der Provokation?

Laibach: Nur wenn man Provokation als unser Ziel betrachtet. Das war sie nie.
Laibach wurde nicht gegründet, um den Staat zu provozieren, und wir haben Opposition gegen die Obrigkeit nie als hinreichende künstlerische Haltung angesehen. Eine Reaktion wird stets von dem bestimmt, worauf sie reagiert. Uns ging es vielmehr darum, in ideologische Strukturen einzudringen, uns deren Sprache zu eigen zu machen und deren Mechanismen von innen heraus zu übersteigern.
Ein Auftrittsverbot war eine mögliche Konsequenz dieser Methode. Gefeiert zu werden, kann eine andere sein. Doch zum nationalen Kulturgut erklärt zu werden, ist nicht zwangsläufig weniger gefährlich, als zum Staatsfeind abgestempelt zu werden. Letzteres schließt einen aus; Ersteres kann einen neutralisieren, indem es einen vereinnahmt.
Glücklicherweise hat sich Laibach in keiner dieser Kategorien je sonderlich wohlgefühlt.

Laibach5, Uwe Faltermeier
Milan Fras, ein Wahrzeichen Sloweniens (in katholisch-violett) „Somewhere in Slovenia“. Kino Šiška, 2026

Setlist 25.09.26
Prelude to Musick
Musick
Musick Pt2
Fluid Emancipation
Love Machine
Love on the Beat
(Serge Gainsbourg cover)
Resistencia
Generationz
Keep it Reel
#Us
Warm up
Allgorhythm
Laibach Medley
Luigi intro
Luigi Mangione
Modern Talking
Bossanova
Yes Maybe No
Singularity
Memorabilia
Das göttliche Kind
Make Your Own Kind of Music
(The Will-O-Bees cover)
Faith no More
Musick remix

Setlist 26.09.26
Ziemlich genau so, nur weniger.


Text und Fotografie: filter_kommunikation / Uwe Faltermeier

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