Giantsky - Giant Sky III

Giant Sky - Giant Sky III (Imaginary Friend Records; 02.10.2026)

New Artrock • Progressive Pop • Folk
(47:08; Vinyl, CD, Digital; Imaginary Friend Records; 02.10.2026)
Ich halte den Norweger Erlend Viken (Soup) spätestens seit deren Album „Children Of E.L.B.“ aus dem Jahre 2010 für eines der verkanntesten Genies der Neuzeit. Moderner, vielseitiger Artrock, der nordisch-melancholisch zwischen Prog, Folk, Post und ätherischen Rockklängen hin und her wogt und treibt. Hier findet garantiert jeder Freund anspruchsvoll-atmosphärischer Sounds alles, was ihn glücklich, wahlweise melancholisch oder traurig machen sollte. Die letzten Alben seines Projektes Giantsky, im besonderen die Doppel-Rille Giant Sky II“ beinhaltete alles, was Freunde des nordisch feingliedrigen Progressive Rock an eben selbigen lieben. Allein das ich verspätet über die Info stolpere, dass es zwei neue Scheiben aktuell als Geschwister-Releases im Oktober zu entdecken gibt, löst automatisch einen kleinen Endorphin-Rausch in mir aus.

Was gibt es zum Ende der Trilogie zu entdecken? Ich sag es mal so: Schlecht geht bei Viken einfach nicht, und auch die „III“ bewegt, berührt mannigfaltig und ist voll von übergroßen Arrangements und Details. Streicher, 70s Prog, Chamber Pop, orchestrale Elemente, zarte Folk-Liebeleien und die sanftmütige Stimme des Norwegers, der auf ähnlich feingliedrige Weise wie Steven Wilson diese transzendente Melancholie transportiert, ohne wie der Brite allzu gerne mit härteren, dissonanten Jazz-/Prog-Abfahrten Ecken, Kanten und Brüche heraufzubeschwören. Hier regiert Melancholie, die kreative, elegische Hochzeit des lyrischen Prog Anfang der Seventies – sei es Genesis oder die frühen King Crimson – ist im Sound des Norwegers und all der vielen Gastmusiker ein nicht zu unterschätzender Trumpf. Der postrockige Rausch im Opener ‚Mundane Morning‘ integriert dank der wunderschönen Vocals und Arrangements (Peter Gabriel trifft auf Steven Wilson) den anspruchsvollen Prog der letzten 55 Jahre in so vielen Nuancen kreativ in den Sound.

Ein Stück wie ‚Limerence‘ hat so viel Gutes, Edles und Anmutiges in seinem Schmerz und seinen Streichern und ist sehr nah an den Isländern von Sigur Rós. Laut Viken sind viele Ideen bereits in den letzten 25 Jahren entstanden und finden nun auf diesem wundervollen Release einen würdigen Platz. Ein Song wie ‚All The Rage‘ mit all seiner folkloristischen Verletzlichkeit und den weiblichen Vocals macht mich komplett kaputt, weil er die Sinne sensibilisiert, ja geradezu malträtiert mit seiner anfänglichen Zurückhaltung. Der spätere Aufruhr, die ungestüme Wall of Sound, der transportierte Schmerz – das geht mir durch und durch. Etwas freier und erneut voller symphonischer Untermalung euphorisiert der aufgedrehte Indie-Folk in ‚Reveries Of Gold‘ – eine Fülle an Details sowie akustischen und orchestralen Elementen steigert sich im Song-Finale zu einem schlicht großartigen Crescendo.

Das ist alles so besonders, und mit ‚Fleeting Glimpse‘ verschiebt der Musiker das Ganze erst einmal kurzzeitig Richtung Piano Pop/Jazz, um den Song dann, ähnlich wie \Steven Wilson\, für einen kurzen Moment in filmisch-ambienter Stille zu verabschieden. Dass auch hier mit wahnsinnig viel dynamischem Feingefühl ein stürmisch-progressiver Rausch im Finale zwischen Post und Progressive Rock die Sinne vernebeln darf, ist dann schon fast selbstredend. Auch die weiblichen Vocals finden wie bei den kongenialen Vorgängern ihren verdienten Platz. ‚Sun World‘ ist ein wunderbar ätherisches Stück Pop voller Sehnsucht, und diese Wehmut in den Melodien ist purer Eskapismus in dieser oft so kalten Welt. Erlend Viken setzt mit seiner zerbrechlichen, introvertierten Musik ein bewusstes Statement in Zeiten von KI, digitalem Tempo und Hyper-Präsenz. Dazu ist die Musik des Norwegers wie geschaffen, denn nebenbei geht hier für mich nichts.

Der epische, sehr kraftvolle Abschluss ‚Lifting Apples‘ verschiebt noch einmal ganze Gebirgszüge, beschließt dieses großartige Album auf beeindruckende, sehr epische Weise und ja: Ich liebe die Musik des Norwegers, die Art, wie er Sehnsucht, Schmerz, Introspektion, Traurigkeit, Liebe und Optimismus in Klänge verwandelt – all dies kreativ, hoffnungsvoll, voller Intensität und mit einem riesigen Ensemble an Gastmusikern (u. a. Mogwai). Wer die Melancholie und das eher Filigrane, Sensitive an Steven Wilson liebt, muss diesem Künstler endlich durch seine gesamte Diskografie folgen.
Bewertung: 15/15 Punkten


Giant Sky - Giant Sky III (Imaginary Friend Records; 02.10.2026)

Besetzung:
• Erlend Viken – Gesang, Gitarre, Bass, Keys, Noise, Percussion, Banjo und weitere Instrumente
• Myrtoula Røe – Gesang
• Andreas Kjøl Berg – Schlagzeug
• Tuva Halse – Violine
• Jonas Viken – Violine
• Astrid Hoffman-Tollaas – Cello

Gastmusiker:
• Espen Berge – Schlagzeug (Track 8)
• Øystein Megård – Gitarre (erster Teil von Track 8)
• Hogne Galåen – Gitarre (Outro von Track 7)
• Stuart Braithwaite – zusätzliche Gitarre (‚Lifting Apples‘)

Surftipps:
• Homepage
• Bandcamp
• YouTube
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews

Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Giantsky zur Verfügung gestellt.