Alex Henry Foster - The Fragile Beauty (Of New Morning Hopes)

Alternative Rock • Post Rock • Post Hardcore • Psychedelic Rock
(1:09:22/1:13:05; Vinyl (2LP), CD, Digital; Hopeful Tragedy Records; 23.10.2026)
Seit “Windows In The Sky” hat Alex Henry Foster zwar einiges veröffentlicht, ein neues, halbwegs songorientiertes Album war allerdings nicht darunter. Wobei “songorientiert” bei Foster natürlich relativ ist – wer seine bisherigen drei Alben kennt, weiß schon, was gemeint ist. “Kimiyo” verband ambient-geprägten Post-Rock mit elektronischen Experimenten und sphärischen Klanglandschaften, während “A Measure Of Shape And Sounds” weitgehend instrumental angelegt war. Auf “Kimiyo” übernahm Momoka Tobari den Gesang, während Foster aus gesundheitlichen Gründen pausieren musste. “The Fragile Beauty (Of New Morning Hopes)” markiert nun die Rückkehr zu seiner eigenen Stimme und zur songorientierten Form des Debüts.
Die rohe, energetische Post-Hardcore-Seite von Your Favorite Enemies schimmert wieder stärker durch, wie sich bereits bei den letzten Konzerten angedeutet hatte. Gemeinsam mit Ben Lemelin, der mit Foster die Musik geschrieben und das Album produziert hat, verbindet er diese Direktheit mit hypnotischen, cineastischen Klanglandschaften und afrikanischen wie arabischen Einflüssen. Vertrautes wird neu arrangiert, ohne dass Foster seinen ausladenden, atmosphärischen Ansatz aufgibt.
Dass dieses Album eine besondere Bedeutung hat, liegt an den gesundheitlichen Rückschlägen der vergangenen Jahre. Die Trauer um seinen Vater hatte Foster bereits auf “Windows In The Sky” verarbeitet; eine lebensbedrohliche Herzoperation und deren neurologische Folgen stellten ihn später erneut vor die Aufgabe, sich selbst neu zu finden. ‘Springtime’ greift das Gefühl auf, sich nach der Operation im eigenen Körper fremd zu sein. Aus dieser Erfahrung erwächst eine Dankbarkeit für das eigene Weiterleben, die sich durch das Album zieht. Hoffnung bedeutet hier nicht, dass Schmerz und Verlust verschwinden, sondern dass das Leben trotz allem wieder angenommen werden kann.
Gesanglich wechselt Foster zwischen intimem, verhalltem Vortrag, gesprochenen Passagen und leidenschaftlichen Ausbrüchen. Wenn Miss Isabel in ‘Sirens Call’ seine Stimme ergänzt, gewinnt diese zusätzliche Klangfarben. ‘Good Omen’ setzt mit einer arabischsprachigen Spoken-Word-Passage einen eigenen Akzent und verbindet eine düstere Atmosphäre mit der Geschichte entwurzelter Liebender und der Hoffnung auf erneute Verbindung.
‘A Spoken Whisper’ ist verdammt intensiv. Mit wechselnden Rhythmen, gesprochenen Passagen, Piano und flirrenden Gitarren verändert das Stück fortlaufend seinen Charakter, bis es dramaturgisch ein Eigenleben entfaltet, wie man es von Fosters Konzerten kennt. ‘New Morning Hope’ verbindet Streicher und Percussion zu einem Stück, das klingt, als würde jemand über dem Gerüst eines komponierten Songs live improvisieren. Als ausgedehntes Intro führt es zu ‘Springtime’, einem echten Highlight: Die intensive Rocknummer kombiniert Dulcimer und Sitar mit verzerrten Gitarren und wuchtigem Schlagzeug, während Foster seinen Gesang mit Nachdruck nach vorn treibt. Die ungewöhnliche Instrumentierung verleiht dem Song einen ganz eigenen Charakter.
‘Calling Out!’ legt gleich noch ein Brett nach: Fuzzige Gitarren und ein markanter Bass treiben die Nummer voran, dazu kommt der eingängigste Refrain des Albums. Die rauere Rockseite Fosters tritt hier besonders deutlich hervor. ‘Blue As The Rain’ schlägt dagegen sanfte, melancholische Töne an. Streicher und Fosters sanfter Gesang prägen das Stück, in dem die Trauer um den Vater und weitere Verluste mit der Sehnsucht nach Tanger zusammenkommt. Der Wunsch, Verlorenes noch einmal bei sich zu haben, steht neben dem vorsichtigen Versuch, den Verlust anzunehmen.
Im ausladenden Finale ‘Of Dreams And Ghosts’ laufen die Motive zusammen. Der wiederholte Ruf „Beloved, wake up“ richtet sich gegen einen Zustand, in dem Trauer längst zum inneren Zuhause geworden ist und Erinnerungen allmählich entgleiten. Mit „It’s morning now“ bleibt zumindest die Möglichkeit eines Neubeginns. Dass Foster nach seinen gesundheitlichen Rückschlägen wieder selbst singen kann, scheint er regelrecht auszukosten. Seine Stimme klingt dabei wie ein Stück zurückgewonnene Freiheit.
Diese emotionale Offenheit prägt die Wirkung seiner Musik. Sie hat etwas Spirituelles, beinahe Beseelendes, und entfacht eine Energie, die sich auf das Publikum überträgt – zumindest auf diejenigen, die dafür empfänglich sind. Andere halten den ganzen Zirkus um Foster vermutlich für aufgeblasenen Hokuspokus. Wer ihn live erlebt hat, kennt die Mischung aus Verletzlichkeit und entfesselter Energie. Zwischen echter Ergriffenheit und Heiligenverehrung liegt mitunter nur ein schmaler Grat.
Tanger bleibt ein wichtiger Bezugspunkt. Dort entstanden Teile des Albums, und die Lyrik des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish mit ihren Themen Vertreibung, Heimatlosigkeit und Zugehörigkeit korrespondiert mit der emotionalen Ausrichtung der Platte. Auch die Videos zu ‘Springtime’ und ‘Blue As The Rain’ greifen die Verbindung zu Marokko auf. Die biografischen Hintergründe sind eng mit der Musik verwoben, erschöpfen sich aber nicht in bloßer Selbstauskunft. Foster macht daraus ein Album, das trotz seiner Schwere von der Lust erzählt, wieder am Leben teilzunehmen.
Wie sich die neuen Stücke auf der Bühne entwickeln, dürfte spannend werden. Die letzten beiden Alben waren im Liveprogramm schließlich gar nicht vertreten. Wer Foster schon live erlebt hat, weiß ohnehin, dass seine Songs dort ein Eigenleben entwickeln: Sie verändern ihren Charakter, wachsen über sich hinaus und werden mitunter zu etwas völlig anderem.
Bewertung: 14/15 (FF 14, RB 14) Punkten

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Beats International zur Verfügung gestellt.