ViaMedia - Lullabies For The Marooned
Art Pop • New Artrock
(45:40; CD, Digital; Eigenveröffentlichung; 18.09.2026)
Auf dem dritten Werk der norwegisch-britischen Artrock-Allianz ViaMedia greift man lose auf historische Ereignisse um das Kriegsschiff The Wager zurück, welches auf einer fatalen, unglückseligen Mission gegen die spanische Armada vor Chile im 18. Jahrhundert strandete.
Die Musiker um Karl Ingvar Dale und Tore Dimmestol (beide bereits in den späten 80s/frühen 90s aktiv und mit New-Wave-nahen Einflüssen sogar erfolgreich) musizieren gekonnt auch auf „Lullabies..“ zwischen traditionellem lyrischem Prog der Siebziger, elektronischen Einflüssen und vielen erzählerisch-lyrischen Art-Pop/Chamber-Sounds.
Die klare Produktion darf als ein großes Plus erlebt werden, perlen die kristallinen Sounds mit viel Eleganz und Charme durch die Boxen, sodass ich mehrmals an die glorreichen Helden Mitte der Siebziger, vor allem Genesis um Peter Gabriel, denken muss. Wie mit Trompete und verspielter Rhythmik im Opener ‚Everything Is Quiet Now‘ verzaubert wird, das folgende ‚Commodore Anson‘ mit wunderschön akustischen Gitarren und lieblichem Piano zu orchestralen Hintergrund-Arrangements agiert, weiß einfach zu bezirzen. ‚Weight Of The World‘ treibt mit sanftem Rock, einiger verspielter Melancholie und Dramatik, integriert subtile Score-Elemente.
Diese fantasievollen, stets kammermusikalisch-orchestralen Passagen gemahnen schon sehr an den lyrischen Prog dieser Epoche, und trotzdem ist man in Sachen Sound immer auch im Hier und Jetzt. Japan, balladeske Porcupine Tree, Paddy McAloon, White Willow, David Sylvian und Rhys Marsh dürfen getrost benannt werden, nehmen diese Echos im Sound des Duos nebst einiger namhafter Gäste liebevolle Referenzen ein.
Die Songs sind eher von fast radio-tauglicher Länge, fließen eh spielerisch, ja konzeptionell ineinander. Somit hat die Platte einen sehr natürlichen Flow, der die Gedanken und Bilder wie von alleine formuliert. Die vielseitigen Chöre, wie exemplarisch in ‚Losing Paradise‘, werden in stillen Sound-Gemälden mit einer Vielzahl kleiner Details und komplexen Strukturen sanft proggy skizziert, ohne jemals ins Rockige zu finden.
Der atmosphärische, balladeske, sogar trippige Sound (‚Eyes Of Fate‘) hat sein Fundament jederzeit in sphärisch-elektronischen Gefilden, bei dem der unkonventionelle, angenehm melancholische Gesang zwischen David Sylvian und Rhys Marsh Freunde der Gattung sicher schnell überzeugen dürfte. Langsam, gelegentlich flotter in der Rhythmik, wirkt das musikalische Szenario immer etwas Hörspiel-artig, wissen dramatische Prog-Schemata, Piano und sinistre Synths viele stimmungsvolle Abfahrten zu formulieren. Melancholisch und atmosphärisch einlullend driftet ‚Marooned‘ als längstes und letztes Stück sanft und elektronisch aus dem Album raus.
Für Freunde des Art Pop um Japan, David Sylvian, Steven Wilson, No-Man (eigentlich alles aus diesem Spannungsfeld) dürfte auch diese neue ViaMedia-Platte ein interessantes Zielobjekt darstellen. Mich spinnt diese Musik immer angenehm in ihr Netz, ohne dass der übergroße Moment passiert. Die Stärke liegt eher im melodiös-orchestralen Setting der Songs, die nie mit zu viel Dynamik daherkommen, sondern orchestrale, fließende Arrangements mit immer ein wenig versponnen-experimentellen Elementen verknüpfen, dabei aber ein gewisses Maß an bildhaft-cineastischer Eingängigkeit nie verlassen.Bewertung: 12/15 Punkten
- ‚Everything Is Quiet Now‘ (03:44)
- ‚Commodore Anson‘ (03:07)
- ‚Weight Of The World‘ (05:00)
- ‚Dead Man’s Chest‘ (03:15)
- ‚Oyster‘ (05:29)
- ‚Lullaby‘ (05:27)
- ‚4ever Gone‘ (04:43)
- ‚Losing Paradise‘ (04:03)
- ‚Eyes Of Fate‘ (05:01)
- ‚Marooned‘ (05:49)
Besetzung:
• Karl Yngvar Dale – vocals, bass, double bass, keyboards, acoustic guitar
• Tore Dimmestol – vocals, electric and acoustic guitars, keyboards, concertina, FX
Gastmusiker:
• Gunnar Halle – trumpets
• Tore Ljøkelsøy – drums
• Hugh Midford – violins
• Jacob Holm-Lupo – mastering
• Chris Forrest – clarinet
• Henley String Quartet
• Aberystwyth String Quartet
Surftipps:
• Bandcamp
• YouTube
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von ViaMedia zur Verfügung gestellt.
