Poly-Math - Something Deeply Hidden

Math Rock • Post Rock • Jazz Rock • Progressive Rock
(39:38; Vinyl, CD, Digital; The Laser’s Edge/Alive; 10.04.2026)
„Something Deeply Hidden“ klingt, als hätte jemand The Mars Volta in einen mathematischen Hochleistungskurs gesteckt und anschließend noch King Crimson und das Mahavishnu Orchestra zum gemeinsamen Nachsitzen verdonnert. Poly-Math lassen Polyrhythmik, Jazz, Fusion, Math Rock und Prog derart selbstverständlich ineinanderkrachen, dass selbst abrupte Breaks und Taktwechsel irgendwann wie normale Gesprächsbeiträge wirken. Das Verspielte ist dabei selten Selbstzweck, sondern treibt die Stücke permanent weiter.
Der Bandname ist Programm: „Polymath“ bezeichnet einen Universalgelehrten, also jemanden, der sich nicht mit einem einzigen Wissensgebiet zufriedengibt. Die Trennung in „Poly-Math“ passt damit ziemlich gut zu einer Musik, die ebenfalls keine Lust auf Fachgrenzen hat. Die geistige Nähe zu King Crimson und Mahavishnu Orchestra ist ebenso unübersehbar wie jene zu The Mars Volta. Polyrhythmik, verschachtelte Melodien und kontrollierter musikalischer Irrsinn erinnern immer wieder an die Band um Omar Rodríguez-López. Dazu kommen Einflüsse wie Mulatu Astatke und Ukandanz – eine ziemlich eigenwillige Mischung, die den Jazzanteil gegenüber früheren Veröffentlichungen noch weiter nach vorne schiebt.
Nur fehlt Poly-Math für mich einiges von dem, was den Wahnsinn der Mars Volta emotional greifbar macht: die Post-Hardcore-Kante aus der At-The-Drive-In-DNA, das südamerikanische Flair und vor allem markante Vocals. „Something Deeply Hidden“ bleibt konsequent instrumental – was bei Poly-Math zwar bereits auf „Zenith“ so war, den emotionalen Zugang aber nicht unbedingt erleichtert. Wo eine Stimme bei The Mars Volta den musikalischen Irrsinn in eine zusätzliche menschliche Dimension überführt, muss man sich bei Poly-Math den emotionalen Anker selbst suchen.
Trotz aller mathematischen Verrenkungen bleiben Groove und Melodie nicht auf der Strecke. ‚The Universe As An Engine‘ startet kompakt, ‚No Such Thing As Now‘ nimmt sich deutlich mehr Raum, und ‚Terror Management Theory‘ beschließt das Album mit über acht Minuten. Dazwischen wird verschachtelt, aufgebrochen und wieder zusammengesetzt. Das wirkt selten wie reine Technikdemonstration, aber eben auch nicht immer so zwingend, wie die enorme handwerkliche Präzision vermuten lässt.
Konzeptionell passt das alles hübsch zusammen: Album und Songtitel beziehen sich auf Sean Carrolls „Something Deeply Hidden: Quantum Worlds And The Emergence Of Spacetime“. Keyboarder Josh Gesner, selbst Physiker, entwickelte die thematische Seite, während Gitarrist Tim Walters einen Großteil der Musik komponierte und das abstrakte Cover gestaltete. Wissenschaft, Musik und Kunst – der Bandname ist bei Poly-Math tatsächlich eher Arbeitsauftrag als Etikett.
Faszinierend, verspielt und zweifellos technisch beeindruckend. Mir fehlt allerdings der charakteristische Haken, der aus kontrolliertem musikalischem Irrsinn einen persönlichen Sog macht. Und auch das floydige Element – diese ganz eigene Mischung aus Atmosphäre, Weite und hypnotischer Melodik – bleibt weitgehend aus.
Bewertung: 10/15 Punkten
Besetzung:
• Joe Branton – Bass
• Josh Gesner – Keyboards
• Tim Walters – Gitarre
• Chris Woollison – Schlagzeug
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.