The Afghan Whigs - Soft Control

Alternative Rock • Soul • R&B • Pop
(36:52; Vinyl, CD, Digital; Royal Cream/BMG/Universal; 21.08.2026)
Ein Song wie ‚Duvateen‘ vom neuen Album der Band aus Cincinnati ist symptomatisch für den Punkt, an dem Bandleader Greg Dulli steht. Das schwarze, samtene Material nutzte man bereits bei Filmen wie Star Trek, um die unendliche Schwärze/Leere des Universums zu porträtieren, schluckte es doch vortrefflich das Umgebungslicht und verhinderte damit unerwünschte Reflexionen.

Der charismatische Frontmann (ich denke dabei gerne an sein Projekt Gutter Twins mit dem famosen Mark Lanegan (RIP) zurück) schaut auf dieser Rille einmal mehr zurück auf eine verrückte Zeit, gleichzeitig blickt er hier und da auf den lauernden dunklen Abgrund, der immer näher rückt.

Für mich passt Dulli mit seiner leidenschaftlich-konfrontativen Art in jeden Tarantino– oder Outlaw-Road-Movie, wich er im Leben selbst keinem Exzess auch nur annähernd aus und hat somit viel zu erzählen. Parallel zu all den maximal im Grunge versunkenen Alternative-Rock-Bands starteten die Whigs mit einer ganz eigenwilligen Melange aus Rock, Grunge, Pop, Soul, sogar R&B-Einflüsse blieben nicht aus. So klang keine Band und der Sänger selbst ist mit seiner eher dünnen, aber stets leidenschaftlichen Emotionalität von Anfang an einer meiner Lieblinge.

Ängste, Katastrophen, Sünden, Totalausfälle, Sex, kaputte Beziehungen – beim immer etwas klapprig akzentuierten Sänger kriegst du stets alles in Fülle, jedes fehlende stimmliche Manko holt der Charismatiker dabei mit Emotionen und Pathos lässig wieder rein – dafür liebe ich den Mann.

Der früher sehr wütende, obsessive Sänger scheint im Hier und Jetzt näher am inneren Frieden zu sein als jemals zuvor. Zum Glück bedeutet das nicht, dass die aktuellen Songs nicht Feuer und Dramatik besitzen. Streicher, Catchiness, Halbballaden und soulige Pop-/Rock-Grower sind die Afghan Whigs anno 2026.

Im Vergleich zu den Vorgängern gibt’s nicht die großen Verschiebungen auf dieser zehnten Studiorille. ‚House of I‘ nimmt nach dem eher unauffälligen Opening ‚Jungle Roux‘ groovige Fahrt auf, so kennt und liebt man den Drive im Sound der Band aus Ohio. ‚Duvateen‘ ist dann dieser halbdunkle, streicher-infizierte Gitarren-Pop, den die Whigs einfach so unnachahmlich gut können. Sehnsüchtige Vocals – immer etwas am Kippen – und dieses Gefühl, dass du zu dieser Musik gleichzeitig lachend/weinend/schreiend zum Wahnsinn deines eigenen Lebens auf ewig durch die Nacht fahren möchtest.

Den Hauch Grunge im Pop transportieren dann ‚Mariah Luster‘ und ‚My Lover‘. Mit ordentlich Twang auf den Gitarren erinnern sie einmal mehr an die prägnanten Soundtrack-Abfahrten amerikanischer Film-Klassiker zwischen Lynch und Tarantino. In den 90s wären diese Songs in Dauer-Rotation bei MTV geflimmert worden.

Ich liebe das immer etwas kaputt klingende Organ von Dulli, welches sich überhaupt nicht scheut, diese brüchige, schwache, stets emotional aufgeladene Seite seiner Künstlerseele zur Schau zu stellen. Theatralisch, mit Piano und Bläsern, pressen mich wunderschöne Balladen wie ‚A Simulation‘ oder ‚The Deepest Part of The Darkest Shadow‘ in die dunkelsten, schmerzhaften Ecken meines eigenen Wahnsinns. Wundervoll kitschig ist das, aber wer den Musiker bereits live erleben durfte, weiß: Der Typ lebt das bis in die letzte Faser seines Seins.

‚Memphis, Texas‘ schlawinert mit ordentlich Melancholie aufgeladen, milden Rückblicken und Mundharmonika in den Sonnenuntergang. Ich fühle mich perfekt gebettet in diesen weichen Grooves, wenn sich das Suchende in den Vocals, manchmal eben auch Gefundene, für einen Moment liebevoll gegenseitig auflösen. Mir fehlt hier bestimmt etwas Objektivität, aber ich mag ganz einfach diesen Überschwang in den Emotionen Dullis, die Beständigkeit und Einkehr in seine Welt, die man an so vielen Stellen ungefiltert, mit romantischem Pathos überdosiert bekommt.
Bewertung: 13/15 Punkten


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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Starkult zur Verfügung gestellt.