Stefano Panunzi – Caravaggio

Modern Prog • Ambient • Jazz • ArtPop
(75:51, 79:20; Doppel-CD, Digital; Eigenproduktion; 08.05.2026)
Ohne überhaupt erst einen Ton gehört zu haben, beeindruckt ja schon mal, welche Menge hier angeboten wird: zwei prall gefüllte CDs mit insgesamt 24 Songs, da war also jemand sehr fleißig. Doch stellt sich auch sofort die Frage: Ist das wirklich eine gute Idee, ein Album derart vollzupacken?

Der Musiker ist kein Unbekannter auf diesen Seiten, seine Werke erhielten bisher durchweg gute Noten. Und auch seine 1997 gegründete Band Fjieri ist kein unbeschriebenes Blatt. Seine Solokarriere startete er 2005 mit der Veröffentlichung des Debütalbums „Timelines“, bis zu den 2020ern folgte lediglich ein weiteres Werk in 2010 („A Rose“), doch in dieser Dekade erhöht er nun die Schlagzahl. Auf „Beyond Illusion“ (2021) und „Pages From Sea“ (2023) folgt nun „Caravaggio“.

Wie auch schon bei seinen früheren Soloalben sind auch diesmal wieder viele Gäste mit von der Partie, davon einige, die sich schon Stammgäste bei Panunzi nennen können. Und das sind teils recht bekannte Namen wie unter anderem Jakko M. Jakszyk und Markus Reuter aus dem King Crimson Umfeld, Sänger Tim Bowness, aus der italienischen Progszene zum Beispiel Cristiano Roversi (u.a. Moongarden, Submarine Silence), Giacomo Anselmi (Goblin Rebirth) oder Fabio Trentini (Le Orme).

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Den Auftakt macht gleich der Titelsong, mit knapp zehn Minuten Laufzeit der längste Track des Doppelalbums. Und dieser Song steht gleich stellvertretend für die Qualität dieses Albums. Abwechslungsreichtum und die Liebe zum Detail stehen hier im Vordergrund. Dass der Hauptprotagonist ein (fast ausnahmslos) glückliches Händchen bei der Wahl der Sänger hat, zeigt sich schon hier, denn die Stimme von „Grice„, der schon früher mit Panunzi zusammen gearbeitet hat, passt perfekt. Dazu das sehr interessante Gitarrenspiel von David Torn, das hat schon was. Mit ‚I No Longer Know Who You Are‘ folgt ein Instrumentalstück, das es in sich hat. Da springt gleich der tolle (Upright) Bass ins Auge (bzw. Ohr), gespielt von Fabio Trentini – eine Nummer mit Schmackes, ohne wirklich heavy zu sein.

Es folgt der nächste Song, diesmal mit Tim Bowness am Mikro – eine Stimme, die man auf diesem Album auch erwarten durfte. ‚No More Wars‘ geht gut ins Ohr, ‚Every Drop Of Your Love – Reprise‘ ist eine feine Nummer mit King Crimsons Jakko M. Jakszyk und Theo Travis an Flöte und Saxophon. ‚Isolation‘ ist irgendwie seltsam, interessante Arrangements und Ohrwurmmelodie treffen auf – aus Rezensentensicht – eigentlich eher ziemlich neben der Spur liegenden Gesang – und trotzdem macht die Nummer Spaß. Eine weitere sehr gelungene zackige Instrumentalnummer ist ‚Don’t Touch Me‘, auch hier wieder mit starkem Bass, an der Gitarre diesmal Markus Reuter. Ganz anders gestrickt ist dagegen das die erste CD abschließende ‚In Those Your Words‘. Dem Titel entgegensprechend ist auch dies rein instrumental gehalten, Panunzi wird auf diesem melancholischen Track lediglich von Donato Cedrone am Cello begleitet – ein wunderbarer Ausklang.

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Die zweite CD startet wieder mit einer recht melancholischen Nummer, erneut mit Grice am Mikro,Theo Travis bedient hier die Duduk, eine armenische Flöte. Und wie auch auf CD 1 ist hier der zweite Track eine tolle Instrumentalnummer, diesmal mit prägender Trompete von Luca Calabrese und leichtem Jazz-Touch. Das darauffolgende ‚Endless‘ wurde von Tim Bowness mitkomponiert, den Gesang steuerte jedoch 05Ric bei, was eine sehr gute Idee war, ebenso wie der dezent eingesetzte Mellotronchor. Und auch auf ‚Breathing The Thin Air‘ im direkten Anschluss singt der Brite und sorgt mit sehr angenehmer Stimme bei feiner Begleitung inklusive Jazz-Touch durch die Trompete für ein weiteres Highlight. Gesprochener Text, Flügelhorn und ambiente Passagen charakterisieren den vorletzten Song ‚Sea Of Madness‘, bevor das Instrumental ‚Gaza‘ dieses bemerkenswerte Album abschließt.

Wo ordnet man das Ganze denn nun ein? Progessive Rock – sicherlich. Pop – auch ein bisschen. Vielleicht sollte man es Prop nennen? Hmm, nein, eigentlich überwiegt dann doch das Progressive, das sich hier aber nicht in überaus verschachtelten oder irre vertrackten Arrangements äußert, sondern in der Qualität, wie hier – auf erstaunlicher Länge – stimmungsvolle Songs und beeindruckende Instrumentals geboten werden, die mal Richtung King Crimson Umfeld, mal Richtung Steven Wilson schielen. Und eben Jazz-, Ambient- und Pop-Elemente ausgesprochen geschickt integriert.

Über den Protagonisten ist bisher noch gar nicht viel gesagt worden, was auch seinen Grund hat. Er hält sich nämlich ganz bescheiden im Hintergrund, doch seine Keyboardarrangements sind ungemein gefühlvoll und trotz der Zurückhaltung ein entscheidender Faktor in der Musik des Italieners.
Bewertung: 12/15 Punkten


Tracklist Disc 1

  1. Caravaggio (09:54)
  2. I No Longer Know Who You Are (06:25)
  3. Hidden Days (06:52)
  4. On The Forgiveness Road (06:32)
  5. No More Wars (06:13)
  6. Every Drop Of Your Love – Reprise (05:18)
  7. Isolation (05:38)
  8. Hymn (07:24)
  9. Just Stop And Look Around (07:01)
  10. Don’t Touch Me (05:24)
  11. Ink Scars (06:00)
  12. In Those Your Words (02:56)

Tracklist Disc 2

  1. The Well (06:27)
  2. If It’s Not Love, What Is? (06:14)
  3. Endless (06:40)
  4. Stepping Out Of Your Dream (06:57)
  5. Simple Man (06:57)
  6. Tribal Innocence, Part 2 (04:18)
  7. I Cry For Love (05:58)
  8. Hold (08:58)
  9. Lost Inside The Wishing Well (05:12)
  10. Breathing The Thin Air (06:35)
  11. Sea Of Madness (08:17)
  12. Gaze (06:32)

Besetzung:
Stefano Panunzi – keyboards / programming

Mit:

Grice – vocals
Peter Goddard – vocals
Tim Bowness – vocals
Alessandro Borgo Caratti – vocals / guitar
Elisabetta Todrani – vocals / guitar
05Ric – vocals / guitar / percussion / stick bass / solo guitar
Jakko M. Jakszyk – guitars / vocals
Nicola Lori – guitar
David Torn – guitars
Michael Bearpark – guitars
Markus Reuter – guitars
Saro Cosentini – guitar
Giacomo Anselmi – guitars
Fabio Trentini – upright bass / basses / synth bass
Fabio Fraschini – schecter stiletto 5 strings bass / mayones patriot 5 strings bass / Rickenbacker 4001 bass
Mick Karn – fretless bass
Colin Edwin – bass
Cristiano Roversi – Chapman stick
Alessandro Inolti – drums
Luca Fareri – drums
Marco Fuliano – drums
Theo Travis – flute / sax / duduk
Nicola Alesini – sax
Luca Calabrese – trumpet / fluegelhorn
Mike Applebaum – trumpet
Emanuele Bruno – harmonica
Donato Cedrone – cello
Maria Peters – spoken voice

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Abbildungen: Stefano Panunzi