Shearwater - The New World
Cinematic Art Folk • Atmospheric Songwriter Pop
(45:00; Vinyl, CD, Digital; Polyborus/Cargo; 31.07.2026)
Neben seinem Musikerdasein ist Sänger Jonathan Meiburg auch noch Forscher (irgendwas mit Vögeln, soweit ich mich erinnere) und nach diesen Aufnahmen mal eben zu einer Antarktis-Expedition aufgebrochen.
Dass Meiburg ein klassischer Fast-Misanthrop ist, lässt sich anhand seiner Alben/Texte nicht leugnen, ändert aber nichts daran, wie sehr er einen als Hörer an die Hand zu nehmen weiß. Mit Shearwater geht man irgendwie immer auf eine Reise. „The New World“ klingt für mich wie ein Tag am Meer: einsam, neugierig, nachdenklich, entrückt und trotzdem voller sehnsüchtiger Blicke in eine ungewisse Zukunft.
Was ich an der neuen Platte liebe, sind die vielseitigen Einflüsse der späten Talk Talk. Auch ein David Sylvian findet sich in all den leicht experimentellen Tunes wieder, und diese atmosphärischen Momente geben dem Album genau in den richtigen Momenten eine ungehörige Tiefe, Raum und Weite. Minimal, mal fast still/puristisch wie Nick Drake, dann opulent orchestral und voller wehmütiger Vocals und Melodien.
Sanftes Guitar-Picking, eine Sehnsuchtsstimme im Opener ‚Even Song‘, die mich an den guten Martyn Bates von Eyeless In Gaza erinnert, und dazu unruhige Hintergrund-Drones – fertig ist der perfekte, sehr atmosphärische Einstieg in dieses wundervolle Release. ‚More And More‘ gerät schon wesentlich rockiger, kraftvoller, ebenso das vollmundige ‚Daydream Unbeliever‘ mit Piano, stoischen Downbeat-Drums, majestätischen Streichern und tollen Vocals.
Ähnlich wie ein David Sylvian arbeitete Meiburg mit spannenden Musikern an dieser Platte, wie Thor Harris (ex-Swans) oder Ngoni Ba, einer afrikanischen Band. Diese Fülle an Musikalität zeigt sich in fantasievollen Tracks wie ‚A Mink In The Dusk‘, wo sich Jazz, Atmosphäre, World Music, Naturgeräusche, Folk und Progressivität umarmen.
‚The Only Sound Im Afraid Of‘ hat was Ahnendes, fast Bedrohliches, bäumt sich nach und nach düster und kraftvoll auf und erinnert in den Riffs sogar an manche Arbeit von Porcupine Tree. Der oben bereits angedeutete Hauch Mark Hollis schleicht immer wieder durch die sanftmütig-experimentellen Arrangements. Das Hineinhorchen in die Stille macht introvertierte Stücke wie ‚The High Ranges‘ so unglaublich voll und dicht, obwohl alles so überschaubar wirkt.
Dieses Substanzielle im Sound, erschaffen mit minimalen, fast Late-Night-Jazz-artigen Tunes, erinnert mich auf wundervolle Weise an „Laughing Stock“ oder das Überwerk „Spirit Of Eden“ der späten Talk Talk. ‚Slugs In The Marigolds‘ ist dann mal klassischer, fast tanzbarer Songwriter-Pop – geradlinig, melancholisch und bittersüß.
Wenn im abschließenden, siebenminütigen Duett ‚You And Your Dog‘ mit Laurie Anderson noch einmal jedwede poetische, cineastische Schönheit in Töne gegossen wurde, der langsam aufsteigende Nebel überm Meer einen daran erinnert, dass der Heimweg anzutreten ist, hat man doch immerhin für kurze Zeit einen spürbaren Frieden gefunden.
Ob Field Recordings, Jazz, strange Rhythmik, Bläser, Slow Pop zwischen Sylvian und Hollis – es fügt sich dank der schönen Melodien, der präsenten Sehnsucht, einer großen Produktion und umarmender Vocals alles wie zu einem kleinen Soundtrack zu einem nie gedrehten Film zusammen.
Bewertung: 13/15 Punkten
Surftipps:
• Homepage
• Bandcamp
• YouTube
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Abbildungen: Shearwater/Bandcamp
