Lunatic Soul - Transition II

Progressive Rock • Ambient • Folk • Electronica
(43:34; Vinyl, CD, Digital; Kscope/Edel; 26.06.2026)
Eigentlich hatte ich Lunatic Soul nach „The World Under Unsun“ schon gedanklich zu den Akten gelegt. Der Kreis war geschlossen, die Geschichte erzählt, die letzte Seite umgeblättert. Und dann steigt Mariusz Duda nach 25 Jahren bei Riverside aus, erklärt Lunatic Soul kurzerhand zu seinem künftigen Hauptprojekt und präsentiert mit „Transition II“ genau die passende musikalische Übergangsplatte. So kann man natürlich auch dafür sorgen, dass einem die eigene Dramaturgie nicht langweilig wird.
Dabei ist „Transition II“ zunächst einmal gar kein wirklich neues Album. Das meiste Material stammt aus den Sessions zu „Through Shaded Woods“ von 2019/2020. ‚Hylophobia‘, ‚Vyraj‘ und das titelgebende Stück wurden damals aufgenommen und für diese Veröffentlichung neu gemischt und remastert. ‚Realm Of The Weeping Willows‘ entstand ebenfalls in dieser Phase, wurde seinerzeit allerdings nur in Fragmenten festgehalten und erst Anfang 2026 fertig aufgenommen.
Und genau dieses Stück ist für mich der eigentliche Grund, warum ich die Platte nicht einfach als nachträgliche Resteverwertung abheften möchte. ‚Realm Of The Weeping Willows‘ ist ein über elfminütiger, instrumentaler Waldspaziergang durch Dudas ganz eigene Version von Folk, Ambient und Elektronik. Akustische Instrumente, Percussion, Bass, flirrende Synthesizer und diese leicht entrückte Atmosphäre verbinden sich zu Musik, die gleichzeitig nach Natur, Traum und ziemlich viel Kopfkino klingt. Die Nummer wächst langsam, verschiebt ihre Stimmungen und entwickelt sich immer wieder neu, ohne jemals hektisch zu werden. Genau diese Fähigkeit, aus scheinbar wenig Material eine komplette kleine Klangwelt entstehen zu lassen, gehört für mich zu Dudas größten Stärken.
Dass das Stück ausgerechnet jetzt fertiggestellt wurde, ist dabei fast schon zu passend. „Transition II“ klingt nach „Through Shaded Woods“, aber es ist eben kein einfacher Rückfall in die Vergangenheit. Duda selbst beschreibt die Veröffentlichung als Schnittstelle zwischen dem alten und einem neuen Kapitel von Lunatic Soul. Nach dem Abschluss des achtteiligen „Circle Of Life And Death“-Zyklus soll es künftig heller und hoffnungsvoller werden. Und tatsächlich steckt in dieser folkloristischen, von Waldmelancholie durchzogenen Musik weniger Bedrohung als noch in manchem älteren Lunatic-Soul-Material.
Die beiden kurzen Stücke ‚Hylophobia‘ und ‚Vyraj‘ sind dagegen eher Füllmaterial. Ja, die neuen Mixe sind sauber gemacht und für Komplettisten beziehungsweise Vinylsammler haben sie selbstverständlich ihre Berechtigung. Einen zwingenden Grund, warum ausgerechnet diese beiden Stücke sechs Jahre später noch einmal aus dem Archiv gezogen werden mussten, höre ich allerdings nicht. Sie sind nett anzuhören, aber letztlich Beiwerk.
Ganz anders das Titelstück. Der ursprünglich fast 28 Minuten lange Bonustrack ‚Transition II‘ war für eine Vinyl-Ausgabe schlicht zu lang und wurde nun auf 23 Minuten verdichtet und neu arrangiert. Das ist nicht bloß eine Kürzung mit der Schere, sondern eine tatsächlich neue Fassung. Ein paar Übergänge wirken dadurch zwar zwangsläufig etwas kompakter, insgesamt bleibt aber genug Raum für Dudas hypnotische Wiederholungen, Basslinien, akustische Klangfarben und die stetige Veränderung der Atmosphäre.
Besonders reizvoll ist dabei die Verbindung zur eigenen Vergangenheit. Die Stimme in ‚Transition II‘ stammt aus ‚The Final Truth‘ vom ersten Lunatic-Soul-Album aus dem Jahr 2008. Und damit bekommt der Instrumentalcharakter des Stücks plötzlich eine zusätzliche Bedeutungsebene. In ‚The Final Truth‘ geht es um Erinnerung, darum, was von einem Menschen bleibt, was man aus der Vergangenheit mitnimmt und was man zurücklassen muss. Die Figur des Fährmanns stellt den Protagonisten an eine Weggabelung und zwingt ihn zu einer Entscheidung.
Mehr Übergang geht eigentlich kaum. Der alte Lunatic-Soul-Erzähler schaut aus der Vergangenheit herüber, während der Pole musikalisch bereits den nächsten Weg einschlägt. Und plötzlich wird aus einem ursprünglich als Bonusmaterial veröffentlichten Instrumentalstück ein ziemlich hübsches Symbol für die aktuelle Situation.
Das passt auch deshalb so gut, weil Duda nach seinem Riverside-Ausstieg Lunatic Soul nun zu seinem wichtigsten Studio- und Liveprojekt ausbauen will. Aus dem bisherigen Solo-Projekt soll eine richtige Band werden. Und wenn die angekündigte musikalische Ausrichtung tatsächlich irgendwo zwischen „Fractured“ und dem melodischeren, zugänglicheren Riverside von „Love, Fear And The Time Machine“ landet, – mein jeweiliges Lieblingsalbum der beiden Projekte – darf man durchaus gespannt sein, wohin diese Reise führt.
Ich persönlich finde diesen Gedanken ziemlich reizvoll. Ich habe Dudas elektronische und ambientere Lunatic-Soul-Seite immer genauso interessant gefunden wie die folkloristische Welt von „Through Shaded Woods“. „The World Under Unsun“ hat zuletzt eindrucksvoll gezeigt, dass er diese verschiedenen Facetten inzwischen ziemlich souverän miteinander verbinden kann. „Transition II“ macht nun etwas anderes: Es schaut noch einmal zurück, bevor es weitergeht.
Als eigenständiges neues Lunatic-Soul-Album wäre mir das allerdings zu wenig. Dafür besteht die Veröffentlichung schlicht aus zu viel bereits bekanntem Material, und die beiden Remixe retten daran auch nichts. Als Übergangsplatte funktioniert sie dagegen erstaunlich gut. ‚Realm Of The Weeping Willows‘ ist ein starkes neues Kapitel, ‚Transition II‘ ein schönes Wiedersehen mit einem alten Favoriten – und der Rest darf sich derweil schon einmal hinten anstellen.
Bewertung: 9/15 Punkten
Besetzung:
• Mariust Duda – Instrument
Surftipps:
• Homepage
• Bandcamp
• YouTube
• Wikipedia
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.