Hackett & Rothery - The Roaring Waves

Progressive Rock • Gitarren Prog • Artrock • Ambient
(45:12; Vinyl, CD, Mediabook (CD + Blu-ray), Digital; InsideOut Music/Sony Music; 28.08.2026)
Genesis und Marillion waren für mich die ersten Berührungspunkte mit Prog und sind bis heute zwei meiner absoluten Lieblingsbands – egal, ob mit Fish, Steve Hogarth oder Doug Irvine, mit Peter Gabriel, Phil Collins oder Ray Wilson. Bei Genesis muss ich allerdings festhalten, dass der Weggang von Steve Hackett für mich einen ziemlich einschneidenden Cut darstellte. Denn bei beiden Bands habe ich die Musik immer mindestens genauso stark über die Gitarristen wie über die Sänger definiert. Und irgendwann war Hackett bei Genesis eben weg.
Auf der anderen Seite tue ich mich bis heute etwas schwer mit den Soloalben der Beiden. Bei Hackett gibt es in meinen Ohren deutlich mehr Durchwachsenes als wirklich Herausragendes, was nicht zuletzt an seinem Gesang und teilweise auch an seinen Songwriterqualitäten liegt. Rothery hat solo ebenfalls einen kleinen musikalischen Gemischtwarenladen im Angebot. Das erste Album von The Wishing Tree habe ich bei Erscheinen geliebt, allerdings seit Jahren nicht mehr aufgelegt. „The Ghosts Of Pripyat“ weiß ich durchaus zu schätzen, hat bei mir aber nie so richtig gezündet. Gerade live sind die Stücke für mich häufig eher „die Vorband“, die man geduldig über sich ergehen lässt, bevor dann die Marillion-Klassiker kommen. Bei Hackett und den alten Genesis-Stücken verhält es sich bei mir erstaunlicherweise ziemlich ähnlich. Und „Gentō“ von Bioscope war mir dann doch eine Spur zu sehr Ambient.
Die Vorfreude auf „The Roaring Waves“ war deshalb unheimlich groß – die Angst, dass hier für mich mal wieder ein eher belangloses Gitarrenalbum herauskommt, allerdings ebenso.
Dabei ist die Zusammenarbeit der beiden Steves keineswegs völlig aus dem Nichts entstanden. Steve Rothery hat Steve Hackett schon lange bewundert – schließlich war Genesis eine der Bands, die ihn selbst musikalisch geprägt haben. Umgekehrt schien auch Hackett Gefallen am Spiel seines jüngeren Kollegen gefunden zu haben. 2012 trafen die beiden erstmals auf Hacketts „Genesis Revisited II“ direkt aufeinander, auf dem Rothery Gitarre spielte. Noch schöner wurde die Geschichte auf der Bühne: Bei der „Genesis Revisited“-Tournee standen die beiden unter anderem bei ‚The Lamia‘ gemeinsam auf der Bühne, eine Begegnung, die Hackett später ausdrücklich als gelungenes Zusammenspiel hervorhob.
Auch danach riss der Faden nicht ab. Hackett revanchierte sich mit einem Gastauftritt auf Rotherys „The Ghosts Of Pripyat“, während Rothery später erneut bei Hackett zu hören war – unter anderem auf „Broken Skies Outspread Wings“ und zuletzt bei „The Lamb Stands Up: Live At The Royal Albert Hall“. Aus gelegentlichen Gastauftritten und gemeinsamen Bühnenmomenten ist nun also tatsächlich ein komplettes Album geworden. Und vielleicht erklärt gerade diese Vorgeschichte, warum sich „The Roaring Waves“ weniger nach einem künstlich zusammengezimmerten Gitarrengipfel und mehr nach dem musikalischen Gespräch zweier alter Bekannter anhört.
Und tatsächlich funktioniert das erstaunlich gut. Denn Hackett und Rothery versuchen hier nicht, sich gegenseitig zu übertrumpfen, sondern lassen ihre Gitarren miteinander reden, singen und manchmal auch tanzen. Oft scheint es sogar, als würde eine der Gitarren die Rolle des Sängers übernehmen, während die andere das bleibt, was sie gerade sein möchte: mal Rhythmusinstrument, mal Klangfläche, mal Solostimme.
Dabei hilft natürlich auch die Besetzung. Mit Riccardo Romano ist ein Musiker dabei, der längst zum Rothery-Kosmos gehört und auch in der Steve Rothery Band aktiv ist. Seine Beteiligung sorgt dafür, dass sich das Album nicht wie ein einmaliges Gitarrenexperiment zweier Legenden anfühlt, sondern durchaus im musikalischen Umfeld von Rotherys bisheriger Arbeit verankert bleibt.
‚The Storm‘ macht seinem Namen erst einmal alle Ehre und lässt die Möwen kreischen, bevor Hackett und Rothery langsam ihre Gitarrenwellen aufschichten. Schön atmosphärisch, schön groß – nur eben eher Kopfkino als Prog-Achterbahn. ‚Sandsend‘ bleibt anschließend auf der ruhigen Seite und setzt weniger auf den großen Aha-Moment als auf feine Gitarrenfarben und maritime Stimmung. Ein Stück, das eher ins Album hineinführt, als sich dafür besonders laut anzumelden.
‚Red Dragon‘ bringt mit Folklore-Anleihen, Sackpfeifen und Sitar-Klängen etwas Weltmusik ins ansonsten ziemlich wasserdichte Klangbild. Der Titel bezieht sich auf das Schiff der East India Company, während Hackett mit der Sitar-Gitarre für die entsprechende östliche Färbung sorgt. Und spätestens bei den leicht mystischen, folkloristischen Klangbildern darf man sich als alter Prog-Sozialisierter ruhig vorstellen, wie irgendwo am Horizont ein Drache aus dem Meer steigt – nur dass diesmal nicht gleich die Apokalypse in 9/8 über uns hereinbricht.
‚The Roaring Waves‘ ist dann der eigentliche Wellengang: akustischer Einstieg, langsam anschwellende Dynamik, Gitarren, die sich gegenseitig Raum geben, und genau jene Mischung aus Melancholie und Pathos, für die man zwei Steves dieser Gewichtsklasse schließlich auch eingeladen hat. Einer der überzeugenderen Momente des Albums.
‚K-129‘ taucht anschließend musikalisch ziemlich tief ab. Der Titel verweist auf das sowjetische U-Boot K-129, das 1968 im Pazifik sank und dessen Untergang bis heute nicht vollständig geklärt ist. Elektronik, Geräuschkulisse und düstere Gitarren erzeugen tatsächlich ein Gefühl von Enge und Tiefe. Hier funktioniert das Kopfkino besonders gut: weniger Gitarrengipfeltreffen, mehr musikalische Tiefseeforschung. Für mich einer der stärksten Tracks.
‚The Black Sea‘ ist dagegen die große melancholische Schönheit der Platte. Rotherys warme, singende Gitarre trifft auf Hacketts fein gesetzte Klangfarben, und plötzlich muss niemand mehr beweisen, wer von beiden den längeren Gitarrenarm hat. Genau hier zeigt sich, warum diese Zusammenarbeit überhaupt Sinn ergibt.
Insgesamt ist „The Roaring Waves“ ein atmosphärisch in sich geschlossenes und sehr rundes Album. Gerade diese Geschlossenheit funktioniert für mich deutlich besser als bei „The Ghosts Of Pripyat“ oder „Gentō“. Das Album entwickelt einen eigenen Sog und bleibt konsequent in seinem maritimen Stimmungsbild. Negativ betrachtet könnte man diese Geschlossenheit allerdings auch als Gleichförmigkeit wahrnehmen. Die großen stilistischen Ausschläge bleiben aus, und verglichen mit den Hauptbands der beiden Gitarrenlegenden ist das Ganze dann doch eher unspektakulär.
Gerade Marillion haben schließlich reichlich Erfahrung mit Meer, Untergang und existenzieller Wasserlage. Manche Kritiker und Fans haben die immer wiederkehrenden Themen der Band nicht ganz zu Unrecht einmal auf „Death And Water“ heruntergebrochen. Die dramatischen Spannungsbögen sind auf „The Roaring Waves“ allerdings deutlich weniger ausgeprägt als beispielsweise bei ‚Estonia‘, und einen Ausbruch wie bei ‚Ocean Cloud‘ vermisst man hier komplett. Das ist kein Vorwurf, denn dieses Album will offensichtlich gar nicht in diese Richtung.
Wie zerrissen ich bei diesem Album, seinem Konzept und seinem Stimmungsbild bin, zeigt gerade das abschließende ‚Pacific Coast Highway‘. Einerseits freue ich mich darüber, dass hier endlich etwas mehr Abwechslung und andere Klangfarben auftauchen. Mundharmonika und bluesige Grundstimmung lassen das Stück tatsächlich eher wie den Soundtrack eines Roadmovies wirken als wie eine weitere Geschichte über das Meer. Der Ozean nimmt hier nur noch die Hintergrundkulisse ein. Andererseits zerstört der Track für mich genau dadurch die bis dahin so konsequent aufgebaute Grundstimmung und das Gesamtbild des Albums. Er ist gleichzeitig willkommener stilistischer Ausbruch und kleiner Stimmungskiller.
Und genau solche Widersprüche machen die Platte für mich interessanter, als es die reine musikalische Gleichförmigkeit zunächst vermuten lässt. „The Roaring Waves“ ist kein neues „Selling England By The Pound“ und auch kein Marillion-Album mit zwei Gitarren. Es ist ein ausgesprochen melodisches, ruhiges und atmosphärisches Gitarrenalbum, das seine Stärken vor allem dann ausspielt, wenn Hackett und Rothery ihre Instrumente tatsächlich miteinander kommunizieren lassen.
Für Freunde des lyrischen Gitarrenspiels dürfte das trotz aller Kritik ein Hochgenuss sein. Wer dagegen auf große Spannungsbögen, überraschende Wendungen oder den einen oder anderen progrockenden Befreiungsschlag wartet, wird sich vermutlich etwas gedulden müssen.
Für mich ist „The Roaring Waves“ damit ein Album, das seine Geschlossenheit wesentlich besser hinbekommt als die letzten vergleichbaren Ausflüge von Rothery, mir aber gleichzeitig etwas zu wenig aus dieser außergewöhnlichen Konstellation herausholt. Zwei legendäre Gitarristen müssen sich eben nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen, um ein gutes Album aufzunehmen. Ein bisschen mehr musikalische Brandung hätte ich ihnen allerdings trotzdem gegönnt.
Bewertung: 12/15 Punkten

Besetzung:
• Steve Hackett – Gitarre, Mundharmonika
• Steve Rothery – Gitarre, Bass, Keyboards
• Riccardo Romano – Keyboards, Bass
• Daniele Pomo – Schlagzeug (Tracks 1–5)
• Leon Parr – Schlagzeug (Tracks 6–7)
Gastmusiker:
• Jo Hackett – Hintergrundgesang
• Jo Rothery – Hintergrundgesang
• Jennifer Rothery – Hintergrundgesang
• Michael Rothery – Hintergrundgesang
Surftipps:
• Homepage Steve Hackett
• Homepage Steve Rothery
• YouTube
• Wikipedia Steve Hackett
• Wikipedia Steve Rothery
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews Steve Hackett
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews Steve Rothery
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.