Double Mute - Corporate Culture: CEO Edition

Double Mute - Corporate Culture: CEO Edition (Gymnocal Industries; 12.06.2026)

Industrial Metal • Avantgarde Metal • Experimental Rock
(25:37; CD; Digital; Gymnocal Industries; 12.06.2026)
Double Mute nehmen die Corporate Culture beim Wort und machen aus ihrem musikalischen Firmenwitz gleich das nächste Spin-off. „Corporate Culture: CEO Edition“ ist der Soundtrack für die Führungsetage, wenn zwischen ‚Executive Elevator‘ und ‚Executive Reception‘ sämtliche Sicherungen durchbrennen. Industrial Death Metal, Hyperpop, Hip-Hop, Elektronik, Klassik, Nu Metal, Prog und Funk werden hier nicht wirklich zusammengeführt, sondern eher zur Vorstandssitzung einbestellt und anschließend kollektiv aufeinander losgelassen.

Dabei hört man durchaus, woher Jacob Rosenberg kommt. Wer Vitam Aeternam kennt, weiß, dass hinter dem Corporate-Gebrabbel kein musikalischer Praktikant sitzt, sondern jemand mit einer ausgeprägten Vorliebe für cineastische Dramaturgie, düstere Atmosphäre und möglichst viele Dinge, die sich eigentlich nicht miteinander vertragen dürften. Die monumentale, theatralische Seite von Vitam Aeternam ist hier deutlich zurückgenommen, Rosenbergs Faible für Soundtracks, abrupte Stimmungswechsel und schräge Klangkombinationen aber jederzeit präsent. Nur dass aus der großen düsteren Bühne diesmal die Chefetage geworden ist.

Das zeigt sich schon in ‚Executive Elevator‘, das sich soundtrackartig ins Gebäude schleicht, bevor ‚Hostile Takeover‘ die feindliche Übernahme musikalisch gleich selbst vollzieht. ‚Ducks In A Row‘ und ‚Move The Needle‘ treiben den CEO-Wahnsinn mit Davidavi Dolevs (Subterranean Masquerade/SubMasq) überdrehter Stimme weiter, während ‚Cell! Cell! Sell!‘ gemeinsam mit Lou Kelly und Fire-Toolz endgültig klarstellt, dass Arbeitnehmerrechte offenbar auch nur ein schlecht optimiertes Geschäftsmodell sind.

‚Over Promise…Underdeliver‘ ist mit seinen knapp zwei Minuten dann eigentlich die ehrlichste Unternehmensstrategie des Albums. Und wer nach ‚Executive Reception (Lunch Will Be Provided)‘ noch nicht verstanden hat, dass hier selbst die Kantinenansage zur Kunstform erhoben wird, hat vermutlich zu lange im mittleren Management verbracht.

Besonders schön ist, dass sich auf diesem kleinen Corporate-Betriebsausflug auch der von mir sehr geschätzte Raphael Weinroth-Browne die Ehre gibt. Auf ‚Executive Reception (Lunch Will Be Provided)‘ ist er am Cello zu hören und sorgt damit für einen willkommenen Farbtupfer in diesem ohnehin ziemlich überfüllten Vorstandstisch. Praktischerweise stehen sowohl von Raphael Weinroth-Browne als auch von Davidavi Dolevs Band SubMasqu in den kommenden Wochen neue Alben an. Das macht Double Mute fast zum musikalischen Vorzimmer zweier Veröffentlichungen, auf die ich deutlich gespannter bin.

Gegenüber dem Vorgänger wirkt das Ganze konzentrierter und zugleich härter. Das Chaos ist nicht verschwunden, es hat lediglich einen Executive Assistant bekommen. Gerade hier wird der Unterschied zu Vitam Aeternam interessant: Wo Rosenberg dort seine cineastischen Ideen in große, dunkle Bögen und beinahe beschwörende Klanglandschaften überführt, zerlegt Double Mute diese Lust an der Dramaturgie in kurze, aggressive und bewusst absurde Versatzstücke. Der Soundtrack zum Horrorfilm ist zum Soundtrack des Büroalltags geworden. Und der CEO ist offenbar das Monster.

„Corporate Culture: CEO Edition“ ist ein interessantes, durchaus originelles Experiment, das Fans von Mr. Bungle, Primus, Ask The Slave oder Faith No More gefallen könnte, dessen musikalische Überfülle allerdings nicht immer so zwingend wirkt wie die dahinterstehende Idee. Manchmal ist die Vorstandssitzung eben doch länger als nötig. Rosenberg zeigt hier eine andere Seite seines musikalischen Universums: weniger majestätisch als Vitam Aeternam, dafür bissiger, hektischer und deutlich alberner. Für den ganz großen Karriereaufstieg reicht es bei mir diesmal nicht – aber für eine Einladung zum nächsten Executive Meeting allemal.
Bewertung: 9/15 Punkten


Double Mute - Corporate Culture: CEO Edition (Gymnocal Industries; 12.06.2026)
Besetzung:
Jacob Rosenberg

Gastmusiker:
Davidavi Dolev – Gesang
Hasard – Gesang
Cocojoey – Remix
Lou Kelly – Gesang
Fire-Toolz – Elektronik
Raphael Weinroth-Browne – Cello
Jani Hace – Bass
Steve Wiener – Gitarre
Charles A. Leal – Schlagzeug

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Gymnocal Industries zur Verfügung gestellt.