Horse Lords - Demand To Be Taken To Heaven Alive!

(40:49; Vinyl, CD, Digital; RVNG Intl.; 12.06.2026)
Es gibt Alben, die wollen gefallen. Es gibt Alben, die wollen beeindrucken. Und dann gibt es Werke wie das neue Album von Horse Lords, die scheinbar beschlossen haben, den Hörer einer musikalischen Gehirnvermessung zu unterziehen – selbstverständlich ohne vorherige Einverständniserklärung.
Horse Lords waren mir bisher unbekannt. Vielleicht nicht die schlechteste Ausgangslage, denn „Demand To Be Taken To Heaven Alive!“ ist definitiv kein Album für den Durchschnittshörer. Hier geht es nicht um eingängige Melodien, Refrains oder den schnellen emotionalen Zugriff. Hier wird gebaut, verschoben, zerlegt und wieder zusammengesetzt.
Mikrotonalität, Polyrhythmik, Minimal Music, endlose Wiederholungen, verfremdete Stimmen und Bläserarrangements verschmelzen zu einem Klanggebilde, das mit einer fast schon unheimlichen Präzision funktioniert. Jeder Ton scheint seinen exakt berechneten Platz zu haben. Das Ergebnis ist beeindruckend – aber eben auch fordernd.
Horse Lords erschaffen Musik wie ein mathematisches Uhrwerk. Alles greift ineinander, jede rhythmische Verschiebung sitzt, jede kleine Veränderung innerhalb der Wiederholung wirkt geplant. Man kann davor stehen und staunen. Man kann aber auch irgendwann feststellen, dass man sich lieber nicht zu lange in diesem Uhrwerk aufhalten möchte, bevor die eigene geistige Belastungsanzeige rot blinkt.
Die Band selbst beschreibt ihr Werk als Möglichkeit, Perspektiven zu verändern und Musik als beinahe spirituelle Erfahrung zu begreifen. Und tatsächlich besitzt „Demand To Be Taken To Heaven Alive!“ etwas Transzendentales. Die Mischung aus avantgardistischem Rock, Krautrock, Jazz, Minimal Music und Einflüssen aus verschiedensten musikalischen Traditionen erzeugt einen ganz eigenen Kosmos.
Mit den zusätzlichen Stimmen, den Sacred-Harp-Anleihen und den Bläsern erweitert sich der Horse-Lords-Sound nochmals. Die Musik bleibt komplex, aber sie bekommt mehr organische Wärme. Zwischen 80er-King Crimson, Tool und einer experimentellen Klangforschung, die vermutlich selbst den Begriff „Progressiv“ noch einmal sezieren möchte, entsteht ein faszinierendes Gebilde.
Doch genau hier liegt auch meine persönliche Grenze. Ich kann diese Leistung anerkennen. Ich kann die Präzision bewundern. Ich kann nach wenigen Durchläufen mit offenem Mund dasitzen und mich fragen, wie Menschen so etwas überhaupt spielen können. Aber der emotionale Zugang bleibt mir weitgehend verschlossen.
„Demand To Be Taken To Heaven Alive!“ ist für mich weniger ein Album zum regelmäßigen Hören als ein faszinierendes musikalisches Experiment, das man ehrfürchtig betrachtet – ähnlich wie ein hochkomplexes technisches Wunderwerk, dessen Funktionsweise man bestaunt, ohne selbst täglich daran herumschrauben zu wollen.
Horse Lords haben ein außergewöhnliches Album geschaffen. Eines, das mit Sicherheit viele Hörer begeistern und in seinen Bann ziehen wird. Bei mir bleibt vor allem Respekt zurück – und die Erkenntnis, dass Bewunderung und persönliche Begeisterung nicht immer dasselbe sein müssen.
Bewertung: 9/15 Punkten

Besetzung:
• Owen Gardner – Gitarre, Elektronik
• Max Eilbacher – Bass, Elektronik
• Sam Haberman – Schlagzeug
• Andrew Bernstein – Alt-Saxofon, Percussion, Elektronik
Gastmusiker:
• Madison Greenstone – Bassklarinette
• Weston Olencki – Posaune
• Nina Guo – Gesang
• Evelyn Saylor – Gesang
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Cargo Records zur Verfügung gestellt.