All Them Witches - House Of Mirrors

All Them Witches - House Of Mirrors (BMG, 29.05., FF)

Stoner Rock • Blues Rock • Southern Rock • Psychedelic
(45:25; Vinyl, CD, Digital; BMG; 29.05.2027)
Obwohl bereits zwei Kollegen auf dieser Seite von All Them Witches geschrieben und geschwärmt haben, sind die Herren aus der Music City Nashville bisher irgendwie an mir vorbeigerauscht. Wo hatte ich da nur meine Ohren? Vermutlich irgendwo zwischen Prog-Gefrickel und düsteren Doom-Gewittern. Denn eigentlich liegt der Sound der Band nicht unbedingt in meinem persönlichen Beuteschema: zu viel Blues, zu viel Southern Rock, zu viel Stoner. Und dann kommt „House Of Mirrors“ um die Ecke und beweist einmal mehr, dass gute Musik manchmal einfach die eigenen Schubladen ignoriert.

Denn so modern das Album mit seinen Fuzz-Gitarren, psychedelischen Ausflügen und Doom-Anleihen auch klingt, im Kern ist es ein tief im Blues verwurzeltes Southern-Rock-Album. All Them Witches kombinieren Blues, Psychedelic, Stoner, Folk und Americana, ohne daraus ein überladenes Genre-Puzzle zu machen. Stattdessen entsteht ein erstaunlich eigenständiger Sound, der weniger nach Retro-Kopie klingt, sondern nach einer Band, die ihre Einflüsse verstanden und weiterentwickelt hat.

Besonders deutlich zeigt sich diese Verwurzelung bei der Interpretation des Traditionals „Red Rocking Chair“. Aus dem alten Blues-Stück wird kein ehrfürchtiges Museumsstück, sondern ein typischer All-Them-Witches-Moment: Über der ursprünglichen Melodie zieht sich eine gewaltige Doomwolke zusammen, schwere Gitarren und düstere Atmosphäre verschmelzen mit der Tradition.

Auch die eigenen Songs zeigen die ganze Bandbreite. ‚Starting Line‘ baut sich langsam auf und lebt vom Wechsel zwischen Ruhe und Ausbruch.

‚The Welterweight‘ hingegen zeigt die folkige und Americana-beeinflusste Seite der Band.

Mit ‚Hold Up, Say What?‘ geht es anschließend wieder deutlich rockiger und pulsierend zur Sache, wobei die atmosphärischen Keyboards und die Violine von Allan Van Cleave immer wieder für zusätzliche Tiefe sorgen.

Trotz des Besetzungswechsels am Schlagzeug von Gründungsmitglied Robby Staebler zu Christian Powers klingt „House Of Mirrors“ erstaunlich ausgereift. Die Songs wirken fokussiert, die Dynamik sitzt, und die Band verzichtet weitgehend auf ausufernde Jams. Genau diese Disziplin ist Stärke und kleiner Schwachpunkt zugleich: Das Album wirkt dadurch sehr souverän, nimmt sich aber gelegentlich etwas von jener unberechenbaren Magie, die All Them Witches live auszeichnet.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man eine Band auch nach sieben Alben noch völlig neu entdecken kann. „House Of Mirrors“ ist ein atmosphärisches, eigenständiges und reifes Album geworden, das nicht durch Effekthascherei überzeugt, sondern durch Gefühl, Songwriting und eine beeindruckende musikalische Chemie.

Jetzt bleibt mir wohl nur noch eines: die sechs verpassten Alben nachholen.

Bewertung: 12/15 Punkte


Besetzung:
Ben McLeod – Gitarre
Charles Michel Parks Jr. – Bass, Gesang
Christian Powers – Schlagzeug
Allan Van Cleave – Keyboard

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Fleet Union zur Verfügung gestellt.