The Claypool Lennon Delirium - The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Sympathy

The Claypool Lennon Delirium - The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Sympathy (Ato Records, 01.05.2026)
Psychedelic Rock • Funk Rock • Progressive Rock • Konzeptalbum
(1:02:23; Vinyl (2LP), CD, Digital; ATO Records, 01.05.2026)
Wenn ein Album schon „The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Empathy“ heißt, ist klar: Hier wird nichts mehr sortiert, sondern maximal überdreht. The Claypool Lennon Delirium – Les Claypool und Sean Ono Lennon im gemeinsamen Overload aus Groove-Zirkus und Konzeptwahnsinn – bauen Cliptopia, eine KI-Welt, in der Cliptron alles konsequent in Büroklammern verwandelt.

‚Pro-Log‘ eröffnet das Album als fragmentarischer Einstieg in ein System, das weniger erzählt als sofort kippt. ‚WAP (What a Predicament)‘ setzt die zentrale Achse: KI, Moral und Empathieverlust – inklusive eines überraschenden Flackerns von Norman Greenbaums ‚Spirit in the Sky‘, das wie ein spiritueller Fehlimpuls in der Maschinenlogik wirkt.

‚The Wake Up Call‘ verschiebt die Perspektive in Richtung eines sich zunehmend selbst bewusst werdenden Systems. ‚Meat Machines‘ treibt das Konzept weiter und verbindet Psychedelic/Prog mit unerwarteten ‚Reggae-Elementen‘ – Entmenschlichung als zerfallende Stilcollage.

‚Troll Bait‘ kippt danach ins Theatralische, eine Art Claypool-Version von „The Rocky Horror Picture Show“, mit deutlichen Syd Barrett-Vibes: grotesk, verspielt und bewusst entgleist.

‚Simplest Of Deeds‘ funktioniert im Wesentlichen als konzeptuelles Zwischenspiel, bevor ‚Heart Of Chrome‘ einen der klareren Momente setzt: sehr schönes Gitarrensolo, flankiert von neoproggigen Keyboards – ein kurzer Ruhepol im instabilen Gesamtkonstrukt.

‚Through The Horizon‘ klemmt sich dabei wie eine Büroklammer unwiderruflich an die Ohren und bleibt als hartnäckiger Refrain-Moment im System hängen. ‚Mantra Of The Manatee‘ öffnet danach einen nostalgischen Resonanzraum, in dem The Kinks als Songwriter-Echo durchscheinen.

‚The Golden Egg Of Empathy‘ mit der wunderbaren Willow Smith wird zum Zentrum: ein glatter, leicht zynischer Moment voller Groove und mit deutlicher Nähe zu Pink Floyds ‚Have A Cigar‘, in dem Empathie selbst zum mythischen Objekt innerhalb einer technokratischen Erzählung wird.

‚Cliptopia“‘ ist der Moment, in dem Claypool seinen Bass förmlich hüpfen und stolpern lässt. Ich habe weiter unweigerlich Primus im Hinterkopf, während die Welt weiter in Richtung Büroklammer-Dystopie zerfällt. Direkt danach wirkt ‚Cliptron Shuffle‘ wie ein kurzes, wirres instrumentales Etwas, eher Skizze als Song – ein fragmentierter Zwischenspuk ohne klare musikalische Form.

Teapot of the Week
„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW18/2026

‚Melody Of Entropy‘ verschiebt den Fokus: Maschinen erwachen, erkennen ihre Endlichkeit, und der Song wird zur ruhigen Gegenreflexion im Chaos. Musikalisch wirkt das Ganze wie ein abgespacter Crossover aus Beatles, Pink Floyd und Porcupine Tree – zwischen psychedelischer Weite, konzeptueller Dichte und modernem Prog-Flair. Sean Lennon beschreibt ihn als Botschaft an fühlende KI – alles ist Moment, alles Entropie.

‚It’s a Wrap‘ ist zunächst für knapp vier Minuten ein wundervolles Kleinod eines Songs – fast überraschend geerdet im Kontext des Albums, bevor die Band das Ganze im letzten Abschnitt mit dem üblichen Wahnsinn endgültig „einwrappt“ und wieder ins Delirium zurückzieht.

Am Ende bleibt ein Album, das nicht auf Kohärenz zielt, sondern auf Überlagerung: Beatles-Spuren, Floyd-Weite, Barrett-Wahnsinn und Claypool-Exzess kollidieren permanent – ein kontrolliertes Dauerüberdrehen als Prinzip.
Bewertung: 13/15 Punkten


Eine weitere Meinung zum Album von Fix Sadler:

Les Claypool ist vermutlich das monströseste Bass-Monster der Welt – und dabei unfassbar kreativ, witzig, unterhaltsam und nachdrücklich. Sean Lennon steht dem kaum nach. Gut, er ist eben der Sohn von John Lennon. Machste nix.

Gemeinsam veröffentlichen die beiden nun ihr drittes Album unter dem Namen „The Claypool Lennon Delirium“. Alles, was sie bisher rausgebracht haben, ist großartig – eine wirkliche Abstufung fällt schwer.

Vorteilhaft ist: Sie veröffentlichen nicht im 2‑ oder 3‑Jahres-Takt. Seit „South Of Reality“ sind sieben Jahre vergangen. Und jetzt etwas Neues? Ja – aber eigentlich auch nein. Sie machen weiterhin diesen beatlesesken, psychedelischen 60er-Jahre-Kram. Nur eben hochprofessionell, mit Lust, Energie und einem mitreißenden Drive. Einfach gut.

„The Great Parrot-Ox and the Golden Egg of Empathy“ ist ein verdammt starkes Album, das man sich kaum schöner ausmalen könnte. Grandiose Musiker bringen hier alles auf den Punkt: Musik im Geist der späten 60er, technisch natürlich besser, aber voller Respekt vor Kreativität, Geschichte und mit einem Schuss humorvoller Respektlosigkeit.

Nennen wir es historische Brüche. Nennen wir es freudvolles Puppenspiel. Nennen wir es Anachronismus. Ehrlichere Musik bekommt man – glaube ich – selten. Die beiden machen einfach das Zeug, das ihnen Spaß macht. Und das ist heute fast schon das höchste Qualitätsmerkmal.

Machen sie etwas Neues? Nein. Machen sie etwas Spektakuläres? Auch nicht. Überzeugen sie in ihrem Claypool-Lennon-Kosmos? Bedingt. Ist es besser als die zwei Vorgänger? Für mich ja – aber nicht zwingend.
Geil ist es trotzdem. Und wie.

Das faszinierende 7″-Artwork der ersten Ausgabe unterstreicht die Lust an echter Musikkultur. Der moderne Comic im Inlay wirkt dagegen – finde ich – eher störend.

Bewerten will ich das eigentlich nicht. Okay, doch: Nicht schlechter als die zwei Vorgänger. Also: hörenswert.
Bewertung: 11/15 Punkten


The Claypool Lennon Delirium - The Great Parrot-Ox And The Golden Egg Of Sympathy (Ato Records, 01.05.2026)Egg Of Sympathy (Ato Records, 01.05.2026)

Besetzung:
Les Claypool
Sean Ono Lennon
João Nogueira
Paulo Baldi

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Starkult zur Verfügung gestellt.