Polis - Pilger

Polis - PilgerProgressive Rock • Art Rock • Psychedelic Rock
(44:46; Vinyl, CD, Digital; Sireena/Broken Silence Records; 22.05.2026)
Seit 2010 kennt der Fan des progressiven und psychedelischen Rocks die sächsische Band Polis. Oder er sollte sie kennen. Denn so viele deutsche Bands, die auf Deutsch singen und dazu noch gute Musik einspielen, gibt es nicht. Wer eine gehörige Portion Offenheit mitbringt und sich progressive Musik in vielen verschiedenen Richtungen anhört, der ist hier richtig. Mit hin und wieder ein bisschen Improvisation, einem zumindest gewöhnungsbedürftigen Gesang und einem Klang, der tief in den 70ern wurzelt. Wer sich also vorstellen kann, all das zu mögen, der ist hier genau richtig. Marius Leicht ist als Keyboarder alleiniger Komponist der Plauener und tut sich keinen Zwang an, seine Kollegen in zahlreiche Soli zu katapultieren. Dazu noch Songs schreiben, die einem Plattenboss die Schweißperlen auf die Stirn treiben, nicht konform sind und überhaupt, was soll ich das lange erklären: Polis spielen nicht für den Mainstream.

Das Album ist extrem abwechslungsreich und schwebt zwischen harten Passagen und dann wieder nur mit leiser Hammond B3, A-Gitarre oder Klavier untermalten Kompositionen hin und her. Natürlich erinnert das Soundbild genau wie die Kompositionen wieder an die 70er Jahre, daran hat die Band nichts geändert. Dazu wiederum der insgesamt warme Klang. Dieser kommt souverän aus den Lautsprechern, wirkt aber keineswegs altbacken. In den sechzehn Jahren ihres Bestehens hat die Band sich somit nie verleugnet und ist somit stets ihrem Konzept treu geblieben.

Mit ‚Der Kreis‘ beginnt das Album mit überzeugender Härte. Da wummert die Orgel, da schrammelt die Gitarre und der Bass und das Schlagzeug treiben sich den Teufel aus. Absolut geiler Anfang! Das genaue Gegenstück folgt sofort mit ‚Der Berg‘. Langsam dahingleitend, gefühlvolle Gitarre, sogar Ahhs und Ohhs kann man vernehmen.

Ein langer Track mit über neun Minuten folgt und erinnert an alle Trademarks, die der Fan von ihnen kennt. ‚Die Einsamkeit‘ schwebt über deinen Lautsprechern wie eine düstere Wolke. Im Kern ruhig, aber eigentlich doch beängstigend und düster. Man befürchtet jeden Moment einen Ausbruch, der auch nach fast vier Minuten kurz kommt, dann aber sofort wieder in sich zusammenbricht. Die Orgel klingt jetzt definitiv nach dieser Einsamkeit und Christian Roscher klagt dazu in fast schon religiöser Manier. Das sind über neun Minuten harter Tobak für die Seele. Doch keine Angst. Harte Riffs erwarten uns früh genug in ‚Das erste Leuchtfeuer‘ und erden uns schnell wieder. Hier spielt sich die Band während sechs Minuten die Seele aus dem Leib und ich schwanke hin und her bei der Antwort auf die Frage, ob die harten oder die eher ruhigen Passagen mich mehr beeindrucken. Die Antwort dürfte einfach sein: das eine würde ohne das andere überhaupt nicht funktionieren.

Bei nur sieben Tracks verbleiben noch drei, inkl. das kurze ‚Reprise‘. Mit ‚Weltenwinter‘ und einer auf der A-Gitarre gespielten sanften und mittelalterlichen Melodie beginnt der Song sehr verhalten…..und bleibt auch so. Zwischenzeitlich vernimmt man noch ein Mellotron im Hintergrund und vor dem geistigen Auge tauchen manche Nebelschwaden in unserer ehemaligen Stammkneipe aus dem Hinterzimmer auf.

‚Pilger‘, der Titeltrack, beginnt brachial. Der längste Albumtrack beruhigt sich auch nicht wirklich während seiner Laufzeit, wird zwischendurch leicht moderater, aber seine Grundstimmung bleibt schroff. Immer wieder treibt ein sehr präsenter Bass seine Kollegen an und die Gitarre übernimmt auch mal mit sich oft wiederholenden Riffs. Das sind über zehn Minuten harter Stoff, aber die gefühlte Zeit scheint wesentlich kürzer.

Man kann die Plauener mögen oder nicht. Dazwischen gibt es nichts. Wer sich aber in ihre Musik vertieft, dem ist ein Rausch gewiss. Holt die Lavalampen raus und bereitet euch auf eine Dreiviertelstunde Vergangenheit vor in ihren schönsten Farben.
Bewertung: 12/15 Punkten


 

Besetzung (laut Wikipedia)

Christian Roscher – Gesang
Christoph Kästner – Gitarre
Marius Leicht – Tasteninstrumente
Andreas Sittig – Bass
Sascha Bormann – Schlagzeug

Surftipps zu Polis:
Homepage
Bandcamp
YouTube
Wikipedia
Rezensionen, Liveberichte & Interviews

Abbildungen: Polis/Bandcamp