Liminal Sky - All Tomorrow's Darkness

Progressive Rock • New Artrock • Folk Rock • Psychedelic Rock • Post Rock
(56:09; Vinyl (2LP), CD, Digital; Karisma Records, 19.06.2026)
Liminal Sky. Der Name einer neuen Band, die sich anfühlt wie ein Neuanfang – und gleichzeitig wie ein Déjà-vu, das sich weigert, ganz zu verschwinden. Schon nach wenigen Takten von ‚Some Other Time‘ ist klar: Hier wird nichts aus dem Nichts geboren. Diese Gitarren, diese pastoral geprägten Folk- und Prog-Anleihen zwischen Zurückhaltung und Weite tragen eine Handschrift, die tief sitzt. Messenger lassen grüßen – nicht als Schatten, sondern als Fundament.
Dass die Promo das Ganze mit bemerkenswerter Beharrlichkeit in Richtung Post Rock schiebt, gehört fast schon zur Folklore solcher Veröffentlichungen. Tatsächlich muss man den Begriff hier so weit dehnen, bis er ungefähr die Stabilität eines nassen Papierboots im nordischen Dauerregen erreicht. Einzelne Echo-Spuren von Sigur Rós oder späten Talk Talk lassen sich zwar ausmachen, doch im Kern dominiert etwas anderes: ein organischer, emotional aufgeladener Prog- und Folk-Rock, wie ihn Gomez Arellano und Daniel Knight bereits mit Messenger geprägt haben.
Die vermeintliche Neuerfindung entpuppt sich schnell als Wiederbegegnung. Denn hinter Liminal Sky stehen genau diese beiden zentralen Figuren. Deren Debüt „Illusory Blues“ gehörte 2014 zu den stärksten Prog-Erstlingen des Jahres und wurde nicht ohne Grund mit einem Prog Award als bester Newcomer ausgezeichnet. „Threnodies“ konnte zwei Jahre später zwar nicht ganz an diesen Geniestreich anknüpfen, bestätigte aber das enorme Potenzial der Londoner. Danach verschwand die Band so plötzlich, wie sie aufgetaucht war.
Was Jaime Gomez Arellano und Daniel Knight in den vergangenen fünf Jahren getrieben haben, wissen wir inzwischen allerdings ziemlich genau. Unproduktiv waren sie jedenfalls nicht. Fünf Jahre Arbeit, Pandemie, persönliche Verluste, Depressionen, Schlaflosigkeit und ein ganzes Heer hochkarätiger Mitstreiter später steht mit „All Tomorrow’s Darkness“ ein Album vor der Tür, das vom ersten Ton an keinen Zweifel an seiner Herkunft lässt.

Der entscheidende Unterschied zu früher heißt Mat McNerney (Hexvessel), dessen Rolle weit über ein bloßes Feature hinausgeht. Seine Texte bilden das emotionale Rückgrat von sechs der neun Stücke, seine Stimme zieht sich wie ein dunkler Faden durch das Album. Gemeinsam mit biografischen Schatten von Verlust und Krankheit entsteht kein abstraktes Konzept über Trauer, sondern ein sehr konkretes Arbeiten an ihr.
Latent schwingt dabei zudem eine subtile Jeff–Buckleyy-Atmosphäre mit – weniger als Referenz, sondern als emotionale Färbung: dieses fragile Gleichgewicht zwischen Zerbrechlichkeit und kontrollierter Expressivität, das sich immer wieder in die ruhigeren Momente einschreibt.
‚Some Other Time‘ eröffnet diese Welt als Erinnerung ohne Abschied: Verlust, der sich fortschreibt statt endet.
‚A Solitary Future‘ zieht sich dagegen in den eigenen Kopf zurück, zwischen Fluchtimpuls und innerer Erstarrung.
‚In Some Secret Universe‘ ergänzt dies mit zurückgenommenen, streichergetragenen Texturen, die stellenweise an ein Theremin erinnern und den Song in eine schwebende Zwischenwelt kippen lassen.
Ein besonders markanter Moment ist ‚Algebra Of Unknowing‘. Streicher und Saxophon öffnen den Klangraum deutlich und verschieben die bis dahin eher introvertierte Grundhaltung in eine weitläufigere, fast körperlich spürbare Melancholie. Statt Verdichtung entsteht hier Expansion – ein seltener Moment von Offenheit im ansonsten streng kuratierten Albumfluss.
‚Forget Me Not‘ wiederum zeigt am deutlichsten die stilistische Verortung – nämlich im New Artrock. Der Song bewegt sich klar in der Tradition der mittleren Phase von Anathema und hätte ebenso gut auf „A Fine Day To Exit“ stehen können – mit jener Mischung aus Melancholie, melodischer Klarheit und kontrollierter Emotionalität.
Und doch ist „All Tomorrow’s Darkness“ kein zögerliches Album, sondern ein konsequent ausformuliertes. Über allem liegt ein schwacher, aber hartnäckiger Lichtstreifen – keine klassische Hoffnung, sondern ein Weiteratmen im Schatten. Trauer wird hier nicht verarbeitet, sondern gehalten.
Musikalisch bleibt das bemerkenswert geschlossen. Die Gäste – von Kristoffer Rygg (Ulver) über Karin Park (Årabrot) bis Lars Horntveth (Jaga Jazzist) – sind keine dekorativen Ergänzungen, sondern präzise gesetzte Eingriffe in ein bereits sehr klar definiertes Klangbild. Besonders Karin Park in ‚Penance‘ fügt sich mit ihrem leichten, permanent mitschwingenden Vibrato erstaunlich organisch ein – deutlich überzeugender als in ihren elektronischen Soloarbeiten oder im raueren Kontext von Årabrot.
Der vielleicht wichtigste Punkt ist jedoch die Grundhaltung des Albums: „All Tomorrow’s Darkness“ ist kein Genrebeitrag, sondern eine eigene, in sich geschlossene Klangarchitektur. Zu britisch im Songwriting, zu nordisch in der Atmosphäre – und genau daraus entsteht seine Identität.
Im Vergleich zu „Illusory Blues“ fehlt zwar der unmittelbare euphorische Aufbruch, doch ersetzt wird er durch eine tiefere Kontinuität im Ausdruck. Wo Messenger noch suchten, wirkt hier alles gefunden – nur in einem anderen Licht.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Qualität dieser Platte: Sie klingt exakt so, wie ihr Cover aussieht. Kalt, grau, verlassen – aber nicht leer. Sondern erfüllt von einer leisen, beständigen Bewegung im Dunkel.
Bewertung: 14/15 Punkten (FF 14, RB 14)

Besetzung:
• Daniel Knight – Guitars, Bass, Keyboards
• Jaime Gomez Arellano – Drums, Guitars, Keyboards
• Mat McNerney – Vocals (Tracks 1, 3, 4, 7, 8, 9)
Gastmusiker:
• Kristoffer Rygg – Vocals (Tracks 2, 6), Percussion & Effects (Tracks 6, 7, 9)
• Karin Park – Vocals (Track 5)
• Daniel O’Sullivan – Intro Vocals (Track 9)
• Lars Horntveth – Saxophone, Synths, Lap Steel (Tracks 1, 2, 5, 7)
• Alicia Nurho – Violin, Viola (Tracks 1, 3, 5, 7)
• Anders Møller – Percussion (Tracks 3, 6, 9)
• Tore Ylwizaker – Piano (Track 3)
• Ole Alexander Halstensgård – Keyboards (Tracks 2, 3)
• Matt Rozeik – Synths (Track 2)
Surftipps:
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Hold Tight zur Verfügung gestellt.