Empirical - Like Lambs: To The Slaughter
Progressiver Jazz • Post Bop • Free Jazz
(51:10; Vinyl, CD, Digital; Whirlwind Records/Indigo; 26.06.2026)
Ist Ihnen der Begriff Progressiver Jazz ein Mysterium? Hier ist er, dieser Jazz. Obwohl, auch dieser Begriff ist schon wieder diskriminierend, sagen woke Musikfachleute. Tschuldigung, ich mache mal eben weiter.
Laut Definition kann Progressive Jazz Einflüsse aufnehmen aus:
• zeitgenössischer Klassik
• elektronischer Musik
• Rock und Progressive Rock
• Weltmusik
• Ambient und Klangkunst
• freier Improvisation
Wichtig dabei: Nicht jede komplexe Jazzmusik ist automatisch progressiv. Progressiv wird die Musik dort, wo sie bestehende Parameter hinterfragt: Form, Instrumentierung, Harmonik, Rhythmik, Produktionsästhetik oder die Rolle der Improvisation.
Typische Merkmale zur Identifizierung des progressiven Jazz:
- Komposition statt bloßer Themenfolge
Statt der klassischen Abfolge „Thema – Soli – Thema“ entstehen größere musikalische Bögen, Suiten oder dramaturgische Erzählungen. - Erweiterte Klangpalette
Neben Saxofon, Klavier und Trompete treten Elektronik, Streicher, ungewöhnliche Bläserbesetzungen, präparierte Instrumente oder digitale Bearbeitung. - Komplexe Rhythmik
Ungewöhnliche Taktarten, polyrhythmische Strukturen und wechselnde metrische Ebenen sind häufig anzutreffen. - Grenzüberschreitung
Die Trennung zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik, Rock, elektronischer Musik und anderen Genres verliert an Bedeutung.
Damit wäre die Musik einmal eingeordnet und wir können drüber sprechen. Ich jedenfalls kann hinter jeden dieser Punkte ein Häkchen setzen.
Zusätzlich empfehle ich eindringlich die Lektüre dieses Artikels auf Bandcamp, denn hier wird das Konzept des Albums, die Vision der Musiker, deren Botschaft und Hoffnung und auch die Entstehung der Musik ausführlich erklärt.
Bei den Begriffen Konzept und Botschaft wird schon klar: dieses Album will nicht unterhalten, es will auch nicht beeindrucken, sondern es nimmt den Hörer auf eine teils unbequeme Reise mit und lässt ihn am Ende etwas perplex zurück. Ich bin beim achten Hördurchgang und finde noch immer Stellen, die sich jetzt erst langsam erschließen. In dieser Musik sind viele komplexe Elemente, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen.
Ganz ehrlich sind die improvisierten Passagen teils etwas …. naja, etwas sehr improvisiert. Da wird es mir dann doch zu freejazzig und ich muss dagegen ankämpfen, das rumdudelnde Saxofon auszublenden. Zum Glück passiert das nur in ein paar Passagen und ich lasse mich danach gerne wieder einfangen und mitnehmen. Sollten Sie den Player mit dem Titelstück laufen haben, verstehen Sie sicher, mit welchen musikalischen Mitteln die fünf Musiker ihre Hörer immer wieder mitreißen.

Um dieses Album als Gesamtwerk zu verstehen, habe ich mir auch die Ursprungsversion angehört, denn schließlich basiert über die Hälfte des Albums auf der nahezu fünf Jahre alten Komposition „Like Lambs“ von Drummer Shaney Forbes. Faszinierend, was nach einigen Jahren des Reifens aus diesem Material geworden ist.
Genauso faszinierend wie die Fragestellung des Albums: Sind wir Menschen alle nur Schafe auf dem Weg zum Schlachthof? Sind wir in der Lage, eigenständig zu denken, ganz im Gegensatz zum Herdenverhalten? Können wir (beziehungsweise die Musiker) individuelle Ideen (Musik) in ein Kollektiv einbringen und damit in Kooperation etwas erschaffen, das manifestiert, dass genau dies unsere Gesellschaft bereichert?
Empirical liefert die Antwort auf diese Frage musikalisch beeindruckend. So wie ich die freie Jazzimprovisation an mir vorbeiziehen lasse, akzeptiere ich sie als Teil dieses Werkes und freunde mich, wenn auch sehr zögerlich, damit an. Somit ist die Mission dieses Albums erreicht: Reibung aushalten und als Teil der vielfältigen Facetten dieses Kollektivs, dieses Albums (und unserer Gesellschaft) wertzuschätzen.
Like Lambs: To The Slaughter ist somit, sofern der geneigte Hörer sich darauf einlässt, ein Lehrstück in Toleranz, Vielfältigkeit und überraschender Schönheit.
Bewertung: 11/15 Punkten
Wer in den ersten 10 Sekunden des Titelstücks nicht sofort hin und weg ist, kann sich den Rest auch sparen.
Surftipps zu Empirical:
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Abbildungen: mit freundlicher Genehmigung von hubtone PR