Carla Bley - Joyful Noise (Live in Hamburg 1984)
Jazz • Jazz Rock
(1:56:52; Vinyl, CD, DVD, Blu-ray, MC, Digital; Moosicus/MiG Music; 24.4.2026)
Es war am 14. März 1984, als Carla Bley mit ihrer Band im Studio 10 des Norddeutschen Rundfunks zu einem Konzert im Rahmen eines Jazzworkshops erschien. Die damals entstandenen Aufnahmen verschwanden im Archiv und wurden nach über 40 Jahren aus welchem Grund auch immer (war es nun eine gründliche Putzfrau oder ein übereifriger Praktikant bei der Inventur, das werden wir nie erfahren) wieder ans Tageslicht gebracht und von Moosicus/MiG liebevoll restauriert.
Weitere sympathische Details: es war der 188. Jazzworkshop des NDR, zugleich der zehnte Todestag von Duke Ellington und Carla Bley komponierte eigens für diesen Anlass den Song ‚Venus Fly Trap‘, den sie auf dieser Aufnahme sehr sympathisch auf Deutsch ansagt.
Nun ist Carla Bley den meisten Musikliebhabern ein Begriff, ist sie doch Urgestein der Jazzszene (Geboren 1936, verstorben 2023). Sie war allerdings auch ein Unikum und eine Fundgrube für skurrile Geschichten. Viele ihrer Eigenheiten erklären auch, warum ihre Musik so unverwechselbar klingt.
- Sie begann als Zigarettenverkäuferin im Birdland
Bevor sie bekannt wurde, arbeitete sie im legendären Jazzclub Birdland in New York und verkaufte Zigaretten an die Gäste. Dort lernte sie ihren ersten Ehemann, den Pianisten Paul Bley, kennen. Als er neue Stücke brauchte, schrieb sie ihm teilweise über Nacht mehrere Kompositionen. - Eigentlich hieß sie gar nicht Carla
Sie wurde als Lovella May Borg geboren. Den Namen „Carla“ leitete sie von ihrem Vater Carl ab, weil ihr ihr Geburtsname nicht gefiel. - Ihre Kindheit war musikalisch „verstimmt“
Ihr Vater stimmte die Familienklaviere absichtlich einen Halbton tiefer, um die Saiten zu schonen. Carla musste daher jede Note im Kopf „übersetzen“. Später scherzte sie, das habe sie musikalisch ziemlich durcheinandergebracht – aber vielleicht auch ihre Kreativität gefördert. - Der wichtigste Kompositionsunterricht ihres Lebens bestand aus drei Worten
Als Kind zeigte sie ihrem Vater ihre erste Komposition. Sie war voller Noten. Seine Reaktion: „Get rid of most of those dots.“ Also: die meisten Noten streichen. Dieses Prinzip – nur das Wesentliche stehen lassen – blieb ihr ganzes Leben prägend. - Sie hielt sich selbst für 99 % Komponistin und 1 % Pianistin
Obwohl sie weltweit als Pianistin bekannt wurde, betrachtete sie sich nie als Virtuosin. Sie sagte mehrfach, sie sei vor allem Komponistin und spiele Klavier nur, weil ihre Musik sonst niemand so aufführen würde, wie sie sie sich vorstellte. - Sie hasste das Tourleben – bis sie mit einer Rockband unterwegs war
Erst als sie Mitte der 1970er mit der Band von Jack Bruce unterwegs war, entdeckte sie die Freude am Touren. Danach gründete sie ihre eigenen Ensembles und schrieb plötzlich viel mehr Musik, weil sie nun einen direkten Aufführungsort hatte. - Ihr größtes Werk war beinahe Wahnsinn
Die Jazz-Oper „Escalator Over the Hill“ wurde zwischen 1968 und 1971 aufgenommen, mit Dutzenden Musikern aus Jazz, Rock und Avantgarde. Das Projekt war so gigantisch, dass viele es für unmöglich hielten. Heute gilt es als eines der verrücktesten und bedeutendsten Werke der Jazzgeschichte. - Ein Pink-Floyd-Album ist eigentlich ein Carla-Bley-Album
Das Soloalbum „Nick Mason’s Fictitious Sports“ von Nick Mason wurde komplett von Carla Bley geschrieben und mitproduziert. Viele Jazzfans betrachten es eher als Carla-Bley-Werk mit Nick Mason am Schlagzeug als umgekehrt. - Ihre Tochter schlief unter dem Flügel
Während Tourneen lag ihre Tochter Karen Mantler als Baby gelegentlich in einem Kinderbett unter dem Klavier auf der Bühne. Diese Geschichte wurde unter Musikern fast legendär. - Sie liebte Humor in der Musik
Während viele Avantgarde-Komponisten streng und akademisch wirkten, hatte Carla Bley einen fast anarchischen Humor. Stücktitel wie Lawns, Wrong Key Donkey, Utviklingssang oder The Lord Is Listenin‘ To Ya, Hallelujah! zeigen ihren Hang zu Ironie und musikalischen Insider-Witzen. Ihr Humor war oft subtiler als der von Charles Mingus, aber genauso bissig. - Sie revolutionierte die Jazzindustrie hinter den Kulissen
Zusammen mit Michael Mantler gründete sie eigene Labels und Vertriebsstrukturen. Lange bevor „Independent“ ein Modewort wurde, veröffentlichte sie Musik außerhalb der großen Konzerne und half anderen Avantgarde-Musikern dabei, ihre Werke überhaupt auf den Markt zu bringen. - Ihre größte Inspiration waren angeblich Hühner
In Interviews erzählte sie gelegentlich, dass sie Inspiration aus völlig alltäglichen Dingen zog – darunter das Verhalten von Hühnern. Das passt zu ihrer Musik: hochkomplex, aber oft aus Beobachtungen des Alltags entstanden.
Für Sammler besonders interessant: Viele ihrer berühmtesten Kompositionen wurden zunächst nicht von ihr selbst aufgenommen, sondern von anderen Musikern. Carla Bley war deshalb lange Zeit unter Jazzern berühmter als beim allgemeinen Publikum – fast wie eine „Komponisten-Komponistin“.
Nun, zurück zu dem neuen-alten Album.
Ja, es ist alter Jazz. Der allerdings erfrischend wirkt durch seine Dynamik, sowohl musikalisch wie auch im Zusammenspiel der Band. Ich denke, darin liegt der größte Gewinn bei diesem Album. Selten kann man zehn Musiker zusammen auf einer Bühne hören, die ein solches Klangvolumen entfalten. Hier ist die Spielfreude der erstklassigen Musiker greifbar. Dazu Carla Bley selbst, die mit humorvollen Ansagen direkt zu Anfang des Konzerts die Ernsthaftigkeit aufbricht und das Publikum selbstironisch lachen lässt.
Was dieses Album so besonders macht, ist die völlige Abwesenheit von Nostalgie. Die Musik klingt nicht wie eine Erinnerung an eine vergangene Zeit, sondern wie ein Ensemble, das im Hier und Jetzt – und damit meine ich 2026 – spielt. Die Kompositionen sind präzise gebaut, aber sie wirken weder komplex noch altbacken, sondern irgendwie noch heute frisch.
Das Geheimnis ist Carla Bley selbst, die Jazz nicht als heilige Tradition behandelt, sondern als Baumaterial, mit dem gearbeitet wird. Immer wieder blitzt ihr Humor durch, werden ernsthafte Kompositionen unterbrochen durch kuriose Instrumentierungen, neue Ideen oder musikalische Einwürfe.
Genau das ist es, was mich dieses Album jetzt schon mehrfach hören lässt – ich meine, es ist echt alt, die Komponistin bereits verstorben, so etwas ist normal echt nicht mein Ding – aber diese Spielfrische und die verrückten Ideen bringen mich einfach zum Schmunzeln.
„Joyful Noise“ ist deshalb keine archäologische Ausgrabung für Sammler und Puristen, sondern ein lebendiges Stück Musik. Und vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einer Aufnahme dieses Alters machen kann: Sie klingt nicht wie Vergangenheit.
Bewertung: 11/15 Punkten
Tracklist:
CD 1:
La Paloma 10:20
Talking Hearts 07:48
Joyful Noise 05:08
The Lord is Listening‘ To Ya,Hallelujah! 06:57
Light Or Dark 08:41
Misterioso 10:24
CD 2:
Venus Fly Trap 12:51
Nu Derection 14:31
Ending It 07:11
Starting Again / Ups And Downs 14:24
Battleship 10:14
Copyright Royalties 08:23
Besetzung:
Michael Mantler – Trompete
Gary Valente – Posaune
Vincent Chancey – Horn
Bob Stewart – Tuba
Steve Slagle – Alt Sax, Sopran Sax, Querflöte
Tony Dagradi – Tenor Sax, Klarinette
Carla Bley – Orgel, Glockenspiel
Ted Saunders – Piano
Steve Swallow – Bass
Victor Lewis – Drums
Surftipps zu Carla Bley:
• Wikipedia
Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von MiG Music