Ayreon - 30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time

Rock Opera • Progressive Metal • Symphonic Prog • Sci-Fi Prog
(2:25:06; Vinyl (3LP), 2CD, Blu-ray, Artbook (2CD, DVD, 2Blu-ray), Digital; Music Theories Recordings/Artone; 22.05.2026)
30 Jahre Ayreon. Oder anders formuliert: Drei Jahrzehnte Arjen Lucassen, der unbeirrbar beweist, dass man mit genug Pathos, Sci-Fi-Lore, Gastmusikern und Hammondorgeln tatsächlich ein eigenes Universum erschaffen kann. Während andere Bands Jubiläen mit einer Best-of-Tour und zwei neuen T-Shirts feiern, verwandelte Lucassen gleich eine komplette niederländische Stadt in „Ayreon City“.
Im September 2025 wurde Tilburg für eine Woche zum Wallfahrtsort der internationalen Prog-Gemeinde. Sechs Shows im 013 Poppodium, 15.000 Tickets innerhalb weniger Minuten vergriffen, Fans aus 71 Ländern, Ayreon-Bier, Ayreon-Camping, Ayreon-Karaoke, Ayreon-Quizshow und vermutlich irgendwo auch eine geheime Forever-Botschaft im Frühstücksbuffet. Man kann über vieles im Progressive Rock diskutieren — aber kaum eine andere Band würde es schaffen, eine komplette Stadt gleichzeitig wie ein Fantasy-Festival, ein Sci-Fi-Convention-Center und ein Klassentreffen für Menschen mit überquellenden Konzeptalbum-Regalen aussehen zu lassen.
Genau dort wurde „30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time“ aufgenommen. Und das hört man.
Dieses Livealbum ist nämlich nicht einfach nur ein Mitschnitt, sondern die akustische Dokumentation eines komplett eskalierten Fan-Events, bei dem Ayreon endgültig aufgehört hat, eine Band zu sein, und stattdessen zu einer Art transnationaler Prog-Religion wurde. Natürlich mit eigener Mythologie, wiederkehrenden Figuren, Zeitreisen, Marskolonisten, Weltuntergangsvisionen und einer Besetzungsliste, die mittlerweile ungefähr die Größe eines kleinen Festival-Line-ups erreicht.
Wobei man fairerweise sagen muss: nicht jede und jeder, der jemals auf einem Ayreon-Album gesungen oder gespielt hat, ist hier mit an Bord – das wäre dann selbst für Lucassen-Verhältnisse endgültig in Richtung logistischer Endgegner gegangen. Aber „klein“ ist diese Truppe deswegen noch lange nicht. Eher im Gegenteil: Das Ganze ist immer noch ein absurd luxuriöses All-Star-Ensemble, nur eben mit leicht reduzierter Paralleluniversums-Belegschaft. Oder kurz gesagt: nicht alles, was jemals „Forever“ war, steht hier auf der Bühne – aber genug, dass es immer noch nach kosmischem Überangebot klingt.
Und dieses Überangebot trägt vor allem ein extrem breit aufgestelltes Sänger*innen-Line-up: Tommy Karevik, Anneke van Giersbergen, Damian Wilson, Marcela Bovio, Mike Mills, Maggy Luyten, Heather Findlay, Irene Jansen, Dino Jelusick, Wudstik und Robert Soeterboek gehören zu den Stimmen, die dieses Universum live zusammenhalten. Dazu eine instrumentale Stammbesetzung aus Joost van den Broek, Ed Warby, Johan van Stratum, Timo Somers, Ferry Duijsens, Ben Mathot, Jeroen Goossens und Jurriaan Westerveld, die zwischen Rockband, Kammerensemble und kontrolliertem Wahnsinn pendelt.
Für mich beginnt diese Geschichte allerdings viel früher. 31 Jahre ist es her, dass ich mir „The Final Experiment“ zugelegt habe. Damals eines der abgedrehtesten Konzeptalben, die ich bis dahin gehört hatte. Ein wilder, ambitionierter Entwurf zwischen Prog, Rockoper und Science-Fiction-Idee — und trotzdem im Rückblick fast noch vergleichsweise „harmlos“. Denn was danach kam, hat die Maßstäbe immer weiter verschoben, bis hin zu diesen überbordenden Prog-Opern, in denen Ayreon irgendwann sein eigenes Universum konsequent zu Ende gedacht hat.
Ein Ayreon-Jünger bin ich dabei nie geworden. Manchmal war mir das alles schlicht zu viel: zu ausladend, zu theatralisch, zu sehr alles auf einmal. Bewundert habe ich Lucassens Arbeit trotzdem immer — gerade weil sie sich konsequent jeder Halbherzigkeit verweigert.
Dass es jetzt mit diesem Live-Album so etwas wie ein Best-of dieser Welt gibt, passt mir daher ziemlich gut. Es erlaubt mir, genau dort einzusteigen, wo ich früher oft ausgestiegen bin — und so manche Lücke in der eigenen Sammlung zumindest musikalisch zu schließen, ohne gleich das komplette Paralleluniversum abonnieren zu müssen.
Die Setlist funktioniert dabei wie ein Spaziergang durch Lucassens völlig aus dem Ruder gelaufenes Erzähluniversum: „The Final Experiment“, „Into The Electric Castle“, „Universal Migrator“, „The Human Equation“, „The Source“, „The Theory Of Everything“ — alles darf nochmal auf die Bühne, inklusive jener Deep Cuts, die selbst langjährige Hörer gelegentlich kurz im Booklet nachschlagen lassen.
Und trotzdem kippt das Ganze nie vollständig in bloße Selbstfeier. Dafür sorgt diese Mischung aus akribischer musikalischer Präzision und spürbarer Spielfreude, die sich durch das gesamte Ensemble zieht.
Was mir dabei besonders gut gefällt: Das Album kommt nicht nur klanglich hervorragend rüber, sondern fängt auch die Stimmung im Publikum erstaunlich lebendig ein. Man hört diese Mischung aus Staunen, Euphorie und kollektivem Mitgetragenwerden — dieses typische Ayreon-Gefühl, wenn ein Publikum plötzlich selbst Teil der Inszenierung wird und nicht nur danebensteht.
„30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time“ bleibt damit genau das, was der Titel verspricht: ein Flug durch drei Jahrzehnte Ayreon — überladen, überdimensional, manchmal bewusst zu viel, aber zugleich ein erstaunlich zugänglicher Einstieg in ein Werk, das mich seit „The Final Experiment“ begleitet, auch wenn ich nie ganz Teil seiner innersten Umlaufbahn geworden bin.
Und vielleicht ist genau das die passende Perspektive darauf: kein Bekenntnis, sondern ein Blick von außen auf ein Universum, das trotzdem immer wieder fasziniert.
Bewertung: 12/15 Punkten

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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Mascot Records zur Verfügung gestellt.