Periphery - A Pale White Dot

Periphery - A Pale White Dot (3Dot Recordings; 15.05.2026)
Metalcore • Progressive Metal • Djent • Progressive Metalcore
(47:38; Vinyl (2LP), CD, Digital; 3Dot Recordings; 15.05.2026)
„A Pale White Dot“ ist das erste Album von Periphery seit langer Zeit, das nicht klingt, als hätten fünf musikalische ADHS-Patienten gleichzeitig versucht, sämtliche Ideen ihrer jeweiligen Festplatten in einen einzigen Song zu pressen. Tatsächlich wirken die zwölf Stücke mit ihren knapp 48 Minuten erstaunlich fokussiert. Ausufernde Prog-Epen sucht man diesmal beinahe vergeblich. Stattdessen kommen die Songs schnell zur Sache, bleiben kompakt und verzichten weitgehend darauf, sich in jazzigen Labyrinthen oder rhythmischen Mathematikseminaren zu verlaufen. Das Problem daran: Genau dieser Größenwahn war einst ein Teil dessen, was Periphery überhaupt erst so spannend machte.

Natürlich gibt es technisch dennoch absolut nichts zu diskutieren. Die Gitarrenarbeit von Misha Mansoor, Mark Holcomb und Jake Bowen bewegt sich weiterhin irgendwo zwischen Präzisionschirurgie und kontrolliertem Abrissunternehmen, während Matt Halpern hinter seinem Schlagzeug erneut demonstriert, weshalb moderne Prog-Metal-Drummer vermutlich schon bei der Geburt mit Metronom zur Welt kommen. Und Spencer Sotelo? Der Mann bleibt ohnehin die eigentliche Superkraft dieser Band. Während um ihn herum djentige Abrissbirnen, elektronische Spielereien und Deathcore-Eruptionen kollidieren, liefert er Hooks, die sich hartnäckig festsetzen und dem Material jene emotionale Größe verleihen, die viele technisch ähnlich versierte Genre-Kollegen nie erreichen.

Wobei „Genre“ bei Periphery natürlich weiterhin so eine Sache bleibt. Denn obwohl die Band nach wie vor progressiver klingt als 95 Prozent jener modernen Metalcore-Kapellen, die sich mit atmosphärischen Synth-Flächen und Acht-Saitern plötzlich für Avantgarde halten, verschiebt sich das Zentrum der Musik doch deutlich Richtung Core. „A Pale White Dot“ ist unterm Strich wesentlich stärker Metalcore als Prog Metal. Nur eben in absurd intelligent. Selbst dann, wenn ‚Subhuman‘ gemeinsam mit Will Ramos (Lorna Shore) kurzzeitig beinahe vollständig Richtung Deathcore kippt und vermutlich jedem TikTok-Reaction-YouTuber feuchte Augen bescheren dürfte.

Überhaupt wirken die elektronischen Einflüsse diesmal präsenter denn je. Besonders am Anfang des Openers schimmert das zum ersten Mal sehr deutlich durch: Diese kühle, reduzierte Synth-Atmosphäre, diese fast schon melancholisch-distanzierten Flächen — da ist man gedanklich kurz eher bei Depeche Mode als bei einem Prog-Metal-Album, bevor die Hölle dann erwartungsgemäß doch wieder aufbricht. Und genau dieser Moment funktioniert, weil Periphery hier für einen kurzen Augenblick so etwas wie Zurückhaltung zeigen, bevor sie wieder in ihren gewohnten Modus aus polyrhythmischer Eskalation und kontrollierter Überforderung kippen.

Die größte Überraschung stellt allerdings der abschließende Titelsong dar. Denn ‚A Pale White Dot‘ ist keine weitere polyrhythmische Abrissbirne, sondern eine sanfte, fragile Akustik-Instrumentalballade, die im Albumkontext beinahe verstörend fehl am Platz wirkt. Ein leiser, beinahe verletzlicher Schlusspunkt auf einer Platte, die sich zuvor lieber durch ultratief gestimmte Gitarrenwände fräst. Ausgerechnet Periphery — jene Band, die früher selbst in ihren ruhigen Momenten noch mindestens drei rhythmische Nervenzusammenbrüche pro Song unterbringen musste — verabschieden sich hier plötzlich mit beinahe meditativer Zurückhaltung. Und genau deshalb funktioniert dieses Stück so gut.

Und dennoch: Selbst wenn mich „A Pale White Dot“ emotional nicht ganz so überfährt wie frühere Großtaten der Band, befriedigt dieses Album meine grundlegenden Periphery-Bedürfnisse noch immer ziemlich zuverlässig. Man bekommt ultratief gestimmte Gitarren, polyrhythmische Gewalt, überproduzierte Wall-of-Sound-Monstrositäten, Pop-Hooks, elektronische Melancholie und Spencer Sotelo, der sich erneut die Seele aus dem Leib singt, schreit und croont. Periphery bleiben damit weiterhin eine jener Bands, die gleichzeitig völlig drüber und erschreckend gut darin sind, genau das zu sein.
Bewertung: 11/15 Punkten


Tracklist:

  1. ‚Obsession‘ (3:17)
  2. ‚Talk‘ (5:18)
  3. ‚Mr. God‘ (2:59)
  4. ‚Heaven on High‘ (4:20)
  5. ‚Unlocking‘ (4:28)
  6. ‚Subhuman (featuring Will Ramos)‘ (2:52)
  7. ‚Blackwall‘ (4:07)
  8. ‚Malevolent‘ (4:01)
  9. ‚Carry On‘ (3:30)
  10. ‚Neon Valley‘ (5:01)
  11. ‚Everyone Dies Alone (Caleb Shomo)‘ (4:36)
  12. ‚A Pale White Dot‘ (3:09)

Besetzung:
Spencer Sotelo – lead vocals, production, mixing
Misha Mansoor – guitar, synthesizers, programming
Jake Bowen – guitar, synthesizers, programming, backing vocals
Mark Holcomb – guitar
Matt Halpern – drums, percussion
Adam „Nolly“ Getgood – bass

Gastmusiker:
Will Amos – vocals (‚Subhuman‘)
Caleb Shomo

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Abbildungen: Periphery